Kirchhofer, Strategie und Wahrheit | frameset

Einführung in Problemstellung und Methode

Das traditionelle Bild und seine Probleme

In empfindsamen Romanen wird viel geweint und viel verzichtet, und immer wieder ist gerade die geschlechtliche Leidenschaft Grund für Tränen und Gegenstand des Verzichts. Die Liebenden, die nicht zusammenkommen, weil es die Umstände, die Mitmenschen oder ihre eigene Schüchternheit verhindern, leiden Kummer ebenso wie diejenigen, die durch Leichtsinn oder Leichtgläubigkeit ihrer Tugend beraubt wurden und die, so jung sie auch sein mögen, nurmehr ein Leben in Schande erwarten können. Dieser massive geschlechtliche Kummer geht einher mit einer ebenso massiven Intensivierung der Emotionalität, die der Empfindsamkeit als herausragendes Merkmal der Texte und der Epoche ihren Namen gegeben hat.

Der Kummer, den die geschlechtliche Leidenschaft inmitten der Intensivierung der Gefühle verursacht, wurde lange Zeit nach einem ganz bestimmten Muster und auf der Grundlage eines ganz bestimmten Wissens interpretiert: nicht als Korrespondenzphänomen eines spezifischen Verhaltens, das mit einem spezifischen positiven Wissen korreliert ist, sondern als Symptom einer Unterdrückung des Sexuellen. In ihren Gedanken, ihrer Rede und ihren Handlungen mußten die einzelnen ihre Geschlechtlichkeit unterdrücken; wo das Denken oder Aussprechen von Sexuellem und das Vollziehen sexueller Handlungen nicht gänzlich untersagt und mit Strafe belegt war, fand es unter engsten und strengsten Beschränkungen statt. Das sexuelle Elend der Empfindsamen erschien als Folge ihrer Unterdrückung der Sexualität.

Daß das herausragende Merkmal der Empfindsamkeit in England (mindestens derjenigen Richardsonscher Prägung) die Sexualunterdrückung ist, findet sich noch bis in die jüngste Gegenwart hinein affirmiert. So schreibt Walter Göbel im Rahmen seiner Überlegungen zum Ausmaß des Einflusses von Shaftesburys moral-sense-Begriff: "Tugend ist in Pamela weniger angeboren als Ergebnis einer unerbittlichen Triebunterdrückung, die sich am Frauenbild puritanischer conduct books ausrichtet und duty [...] über Neigung stellt" (Göbel 1992: 105). Die Herleitung der Empfindsamkeit aus der Unterdrückung der Sexualität ist Gemeingut der Anglistik.

Nun geht es nicht darum, die genannten Textphänomene zu ignorieren oder sie in Abrede zu stellen, sondern darum, sie in eine neue Perspektive zu rücken. Dazu sind die Analysemuster zu bestimmen, die bislang die Interpretation dieses Aspekts empfindsamer Romane geleitet haben.

Deren Grundlage ist zunächst ein individualpsychologisches Wissen. Man betrachtet das Geschlechtliche als entscheidend wichtigen Aspekt des Menschlichen und bringt die Textphänomene in Verbindung mit einem Wissen darüber, wie geschlechtliches Denken, Sprechen und Handeln im Normalfall aussieht und was die Folgen seines Unterbleibens sind. So entsteht ein Interpretationsmuster, das zunächst Tränen und Verzicht an die Existenz eines fundamentalen Verbots hinsichtlich des Geschlechtlichen koppelt und dann die Phänomene emotionaler Intensivierung (die sexuell konnotiert sein können, aber nicht müssen) als Kompensationserscheinungen sieht, mittels deren sich ein Geschlechtstrieb, den das Verbot an einer unverstellten Äußerung hindert, Befriedigung verschafft. Dieses Interpretationsmuster läßt sich auf die je dargestellten Vorgänge und die in sie verwickelten Figuren ebenso anwenden wie auf die zeitgenössischen Rezipienten: Sowohl in dem, was sie repräsentieren, als auch in ihrer Pragmatik gehorchen die Texte einer Ökonomie der durch Repression umgeleiteten Sexualität.

Man muß keine psychoanalytische Perspektive vertreten, um die Empfindsamkeit in dieser Weise zu definieren, wie die folgende Begriffsbestimmung von Hugo Friedrich belegt:

[...] Empfindsamkeit [...] ist eine Form des erotischen Erlebnisses, die [...] bei den Momenten innerer und äußerer Hemmung stehen bleibt, um den Rausch des Schmerzes und das Höchstmaß an Erschütterung zu genießen, das nur in der leidenden, nicht in der aktiven Seele zugänglich ist. Sie umgeht also das normale Gesetz des Empfindungslebens, wonach die Momente der Hemmung und Bedrängung zu fliehen und zu überwinden, nicht als Selbstzweck und als Stimmungseldorado schwärmerisch zu kultivieren sind. (Friedrich 1929: 1)

Friedrich bringt die zwei charakteristischen Elemente zusammen: Zum einen wird auf ein "normale[s] Gesetz des Empfindungslebens" verwiesen, das der Verfasser kennt, das er als auch seinen Lesern vertraut ansieht, und das der Beschreibung den Maßstab liefert. Zum anderen richtet sich dann die Analyse ganz auf die Aspekte des Unterlassens, des Unterbleibens (die zweifellos prominent vorhanden sind) und übergeht zugleich den positiven Kontext solcher 'Hemmung'.

Zu der individualpsychologischen kann dann eine sozialgeschichtliche Perspektive treten. Die Unterdrückung der Sexualität und die daraus resultierenden Kompensationserscheinungen sind charakteristisch für eine bestimmte soziale Schicht: das Bürgertum und die ihm verbündeten sozialen Kräfte. Das Bürgertum setzt seine repressive Sexualmoral gegen die Ausschweifungen des Adels, dessen sexuelle Freizügigkeit vor allem in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert das Bild prägte. Die nach der Restauration, die 1660 auf die Parlamentsherrschaft folgte, stark unterdrückten und erst später wieder mit Rechten ausgestatteten Puritaner werden im Anschluß an Max Weber1 als die Keimzelle früh-kapitalistischer Verhaltensweisen und Einstellungen angesehen. Sie sind es, die zuerst jene 'innerweltliche Askese' üben, die den Erwerb an die erste Stelle setzt und den Genuß strikt ablehnt. Auch die Sexualität, wenn sie der angestrebten maximalen Kanalisierung der menschlichen Energien in den Produktionsprozeß zuwiderläuft und nicht der Fortpflanzung dient, wird unterdrückt.

Typischer- wenn auch nicht notwendigerweise sind die Referenzpunkte der Interpretation Sigmund Freud und Max Weber. In diesem Sinne stellt Ian Watt in The Rise of the Novel fest: "sex, as Weber pointed out, being one of the strongest non-rational factors in human life, is one of the strongest potential menaces to the individual's rational pursuit of economic ends, and it has therefore [...] been placed under particularly strong controls in the ideology of industrial capitalism" (Watt 1957: 67). Auch Peter Szondi (1973) bezieht sich in seiner exemplarischen Analyse von Lillos London Merchant2 genau auf diesen Zusammenhang, um den sozialgeschichtlichen Ort der Empfindsamkeit zu bestimmen. Voraussetzung für Empfindsamkeit ist die "permanente Unterdrückung [der Triebe], welche die Rationalität der bürgerlich-puritanischen Lebensführung erst ermöglicht" (Szondi 1973: 71). Es existiere ein "Entstehungszusammenhang von puritanischem Triebverzicht und Melancholie" (Szondi 1973: 88). Die Empfindsamkeit gehört zu den Instrumenten und zugleich zu den psychopathologischen Folgen der bürgerlichen Verdrängung der Sexualität.

Der Empfindsamkeit und ihren Vorläufern stellt man die sexuelle Freizügigkeit der dominanten Kultur der Restaurationszeit3 entgegen. Besonders die Helden der Restaurationskomödie verkörpern einen freien Umgang mit der Sexualität. Nach Harold Weber lebt der Restoration Rake-Hero seine erotischen Wünsche rücksichtslos aus und weigert sich, seine Instinkte und besonders den Sexualtrieb zu unterdrücken, wie es nach Freuds Unbehagen in der Kultur die Gesellschaft vom einzelnen als Voraussetzung für seine Sozialisierung verlangt: Der Libertin verachte "all of society's efforts to restrain the natural passions of men and women", schreibt Weber und fährt fort: "in the face of the order demanded by society, the rake pursues an erotic dream of unlimited power and freedom" (Weber 1986: 12).

Auf solche Weise erhält die Bestimmung der Empfindsamkeit als eines Repressions- und Kompensationsphänomens ihren Platz in einer historischen Skizze, die von der Mitte des 17. bis weit ins 18. Jahrhundert reicht. Ihr Kern ist eine sexualverneinende Haltung, die im 17. Jahrhundert noch in Opposition zu der herrschenden sexuellen Freiheit steht, die sich aber im 18. Jahrhundert durchsetzt. Die Freizügigkeit der Restauration findet sich vor allem in der Komödie, aber auch in den Versen eines Lord Rochester oder in den Romanen einer Aphra Behn verkörpert. Die puritanische Sexualfeindlichkeit findet ihren kulturellen Ausdruck dagegen in normativen Verhaltenshandbüchern, die dem Individuum das Unterdrücken seiner Sexualität detailliert vorschreiben. Die Ideologie solcher Verhaltenshandbücher findet schließlich mit Richardson Eingang in den Roman und führt dort zur Literarisierung der sexuell unterdrückten Person. Diese sexuelle Gehemmtheit bleibt auch für spätere Romane typisch, ja verstärkt sich eher noch. Lediglich Sterne unterläuft mit seinen gezielten Doppeldeutigkeiten die Prüderie der Empfindsamkeit.

Diese knappe und generalisierende Darstellung kann und will nicht der Differenziertheit der Empfindsamkeitsforschung gerecht werden. Sie dient der vorliegenden Studie zur kontrastiven Bezugnahme. Dabei wird die Plausibilität eines solchen literaturgeschichtlichen Komplexes nicht voreilig in Abrede gestellt. Es sind allerdings die Voraussetzungen, die diese Plausibilität tragen, kritisch zu reflektieren und die Phänomene, die sich in dieses Bild nicht zufriedenstellend einordnen lassen, zu benennen. Seine historische Lokalisierung im Rahmen einer Geschichte der Problematisierung von Leidenschaften und Geschlecht bleibt dem letzten Kapitellink vorbehalten. In den Kapiteln 2 bis 6 wird es darum gehen, ein alternatives Bild zu entwerfen, das nicht mehr bei der Repression, sondern beim Einsatz von Wissen über Leidenschaften und Geschlecht ansetzt. Den Weg zu einer solchen Beschreibung weisen die Stellen, an denen das traditionelle Bild zu Problemen führt.

In Schwierigkeiten gerät das skizzierte Bild in zwei Hinsichten: in historischer und in theoretischer. Einerseits gibt es Hinweise darauf, daß die Gleichsetzung einer aristokratischen Position mit sexueller Freiheit und einer bürgerlichen mit sexueller Unterdrückung das historische Material nicht angemessen charakterisiert. Andererseits müssen theoretische Einwände gegen die Auffassung von Macht erhoben werden, auf der die gesamte Darstellung bisher basiert: gegen einen Begriff von Macht als einer negativen und äußerlichen Größe, die nur in der Form von Verbot und Unterbindung spürbar wird und die mithin nur die Alternativen Freiheit (als Nicht-Zugriff von Macht) oder Unterdrückung (als Zugriff von Macht) erlaubt.4

Zuerst zu den Problemen der historischen Zuordnung. Die traditionelle Sicht der Empfindsamkeit umfaßt noch eine zweite Genealogie für deren Hauptmerkmale. Hier stehen nicht Puritanismus und Sexualunterdrückung im Zentrum, sondern der Tugendkult, die leichte Rührbarkeit und der Wohltätigkeitsaspekt (die in der bislang skizzierten Sicht den Status von Kompensationsphänomenen hatten). Als Entstehungskontext wurden nach R.S. Crane (1934) nicht die Puritaner angesehen, sondern die Latitudinarians, Vertreter einer theologischen Richtung innerhalb der Church of England, die deren Einheit über theologische Differenzen zwischen den einzelnen in England praktizierten Zweigen des Protestantismus stellen wollte. In dieser Bestrebung stellten sich die Latitudinarier ebenso einer negativen Anthropologie Hobbesscher Prägung entgegen wie einem den Erbsündegedanken privilegierenden puritanischen Fanatismus. Die Empfindsamkeit scheint sich also aus zwei einander durchaus entgegenstehenden theologischen Richtungen herzuleiten.

Daß es sich aber bei dem Einfluß und der Geschlossenheit, die Crane der latitudinarischen Bewegung zu geben versucht, um eine retrospektive Konstruktion handelt, hat schon Donald Greene (1977) überzeugend dargetan. Seine Untersuchung der Belege, die Crane als Latitudinarian in Anspruch nimmt, ergibt: "If members of the whole spectrum of late seventeenth-century English Protestantism, from high-flying nonjurors down to Presbyterian and Independent Dissenters, can be cited as illustrating aspects of Crane's 'latitudinarianism', the conclusion would seem to be that Crane's 'latitudinarianism' [...] is nothing more than the general Protestantism of the time [...]" (Greene 1977: 180). Weder Puritaner noch Latitudinarier also, ein "general Protestantism" reicht für die Herleitung der Empfindsamkeit hin.

In diesem allgemeinen Sinn der generellen Orientierung an religiösen Modellen, nicht im sozialgeschichtlichen Sinn für die von Max Weber untersuchte Bevölkerungsschicht und die Bücher, in denen sie sich ihr Verhalten vorzeichnete, wird in der Forschung der Begriff des 'Puritan conduct book' häufig verwendet. So behandelt Rita Goldberg (1984) unter dem Stichwort "Clarissa and the Puritan conduct books" Werke, von denen kein einziges von einem Puritaner stammt: Jeremy Taylor und Richard Allestree waren royalistisch gesinnte Geistliche, die in der Epoche der Restauration zu Ehren kamen und nicht etwa als Dissenters verfolgt wurden; George Savile, Marquess of Halifax, und Sir Richard Steele waren keine Kirchenmänner5. Schon Levin L. Schücking vermerkt im Vorwort zur zweiten Auflage seiner Studie über die puritanische Familie: "[...] nicht ohne Erstaunen sieht man zum Beispiel, wie die Ideale und Formen der praktischen Frömmigkeit [...] in den Schriften etwa des Anglikaners Jeremy Taylor [...] denen des fast durchgehend auf diesem Gebiet von altem puritanischem Gedankengut zehrenden Puritaners Richard Baxter [...] zum Verwechseln ähnlich sehen. Mögen diese Leute in ihrer Dogmatik und ihrem Kirchenverfassungsprogramm noch so weit auseinandergehen, so stimmen sie doch in Hinsicht auf die Lehren der Lebensführung [...] auf das auffälligste überein." Schücking sieht sich dadurch in dem Schluß gerechtfertigt, "daß zum Beispiel ein Mann wie der berühmte Romanschriftsteller Samuel Richardson, obgleich von Hause aus Anglikaner, aus einer puritanischen Umwelt kam" (Schücking 1964: 9). Auch ein gegenteiliger Schluß wäre möglich. Für Nancy Armstrong und Leonard Tennenhouse, die dem Imaginary Puritan eine Monographie gewidmet haben, ist der Puritaner imaginär, "because the term does not come from or refer to anybody in particular. As far as we know, it never did" (1992: 8 f.).

Als Ergebnis der verschiedenen Versuche, einzelne Denominationen als Ursprungskontexte für bestimmte religiöse Subjektivierungsmuster anzugeben, läßt sich lediglich konstatieren, daß die Bezeichnungen einzelner protestantischer Richtungen des 17. und 18. Jahrhunderts in der Forschung oft metonymisch bzw. synekdochisch verwendet werden und daß religiöse Modelle insgesamt für die Empfindsamkeit eine Rolle spielen. Diese Tatsache hat eine entscheidende Konsequenz für die vorliegende Fragestellung: Fragen der Sexualmoral waren offensichtlich kein Thema der Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen protestantischen Richtungen. Auch dies hat in der Forschung etwa schon John Mason im Fazit seiner Studie von verhaltensproblematisierender Literatur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert gesehen:

The cleavage which might be expected to exist between Royalist and Puritan ideas on ethics and religion is not to be found in the courtesy books. Writers like [...] the author of the Whole Duty of Man are convinced exponents of the divine right of kings and the validity of the Stuart claim; but their piety is as devout and sincere, their ethical standards are as high, and their strictures on immoral and even on frivolous conduct are as rigid as those of the Puritans. (Mason 1935: 293)

All dies legt den Schluß nahe, daß nicht in theologischen Differenzen der Punkt zu suchen ist, an dem das Geschlechtliche, die Leidenschaften zu Gegenständen der Kontroverse werden. Daß aber die gleiche Sexualmoral so unterschiedliche Resultate zeitigen kann, läßt eine Koppelung bestimmter sexueller Einstellungen an bestimmte religiöse Richtungen fragwürdig erscheinen. Die religiöse Problematisierung des Geschlechtlichen einerseits sowie die verhaltensproblematisierende Literatur andererseits werden neu in den Blick zu nehmen sein.

Dazu kommt, daß das aristokratische Ideal, soweit die Restaurationskomödie es verkörpert, nicht angemessen mit dem Begriff der Befreiung zu charakterisieren ist. Daß "[d]as Ideal des Libertin [...] kein hemmungsloses Sichausleben" ist, hat schon Ulrich Broich (1967) gezeigt. Die Helden der Komödie erweisen sich im Gegenteil als Helden gerade durch die Fähigkeit zur Affektkontrolle:

[Der Libertin] wird von seinen Gegenspielern immer wieder dadurch unterschieden, daß er, trotz seiner geradezu heroischen Potenz, seine Sinnlichkeit stets am festen Zügel des wit führt, daß er trotz seines umfangreichen Liebeslebens stets Herr der Situation ist, während seine Gegenspieler gerade durch den Mangel an rationaler Selbstkontrolle ihrer Leidenschaften immer wieder frustriert werden und daher komisch wirken. (Broich 1967: 53)

Es ist nicht das freie Ausleben einer natürlichen Geschlechtlichkeit, die die Helden der Restaurationskomödie charakterisiert, sondern das überragende taktische Geschick, die unübertroffene Fähigkeit zum Durchsetzen der eigenen Ziele, die Beherrschung ihrer selbst und anderer. Die Figuren aber, deren Begehren sich frei und unkontrolliert äußert, werden immer wieder zu Opfern der Überlegenheit der wits.

Weder die universale religiöse Strenge auf der einen Seite noch die Unterordnung der Sinnlichkeit unter rationale Selbstkontrolle auf der anderen lassen sich im Rahmen einer Opposition, die eine bürgerlich-puritanische Unterdrückung gegen eine aristokratische Freiheit stellt, sinnvoll einordnen.6 Das zweite Kapitel dieser Arbeit wird den Versuch unternehmen, das relevante Material aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert mit anderen, aus den Texten selbst gewonnenen Kriterien darzustellen, und damit die Voraussetzungen für die folgenden Entwicklungen, in denen auch die Empfindsamkeit ihren Ort hat, neu zu bestimmen.

Ausgangspunkt für diese Beschreibung wird nicht mehr die Opposition von Unterdrückung und Befreiung sein. Daß dieses Begriffspaar so lange unbefragt die Beschreibung strukturieren konnte, hat seinen Grund darin, daß es mit einer bestimmten Auffassung von Macht einhergeht, die ebenfalls lange selbstverständlich war. Macht wurde als eine negative Größe gesehen, die von außen auf anderes einwirkt und deren Wesen im Verbieten, im Unterbinden, in der Negativität besteht. Den Größen, auf die die Macht in solcher Weise einwirkt, kommt somit eine machtfreie Idealität zu. Das gilt nicht nur für die Sexualität, es gilt für alles 'Natürliche', und es gilt auch für die Suche nach Wissen und Erkenntnis. Sie alle werden zunächst als machtfrei aufgefaßt, die Macht ist ihnen äußerlich und wirkt nur negativ auf sie ein: Die Macht unterdrückt nicht nur die Sexualität, sie unterdrückt die Menschen, indem sie sie krank macht, sie zu bestimmtem Verhalten zwingt oder sie sich und einander entfremdet; sie unterdrückt Wissen und Wahrheit, das Natürliche und die Freiheit, denn alle diese Größen fügen sich nicht den Interessen der Macht. Wohl gibt es den Widerstand der Wahrheit, der Freiheit, der Natur, des Wissens, der Sexualität und der unterdrückten Menschen. Sie versuchen sich dem Zugriff der Macht zu entziehen, die Macht zu unterwandern. Immer bleibt die Macht das, was unterdrückt, während der Widerstand sich gegen die Macht schlechthin richtet. Widerstand wäre demnach nicht selbst eine Machtausübung. Weder das Bestreben, sich der Machtausübung zu entziehen, noch der Kampf um die Befreiung von irgendetwas wären Formen der Machtausübung. Geschlechtliches Verhalten hätte nichts mit Machtausübung zu tun. Die Wahrheit, die sich doch gerade dadurch auszeichnet, daß sie stärker als Lüge und Unwissenheit ist; der Text, der Wissen verbreitet, das Menschen zur Grundlage ihrer Handlungen machen, wären keine Formen der Machtausübung. Allerdings sind diese machtfreien Größen nicht dagegen gefeit, selbst zu Formen der Machtausübung zu werden. Doch im selben Moment verlieren sie ihr eigentliches Wesen, Widerstand und Freiheitskampf verwandeln sich in Machtgier, die Sexualität wird zum Herrschaftsinstrument, und aus wahrem Wissen wird Ideologie. So setzt sich die Repression in den Widerstand, in die Sexualität und die Sexualmoral, in das Wissen hinein fort. Solange man also Macht mit Repression identifiziert, muß man die Bereiche der offensichtlichen Interpenetration der einander äußerlichen Größen als Punkte der Inauthentizität denunzieren.

Dabei ist die gegenseitige Durchdringung von Macht und anscheinend 'machtfreien' Größen nicht als die Abweichung, sondern als das zu Erwartende einzustufen. All die Größen, die traditionell als die selbst machtfreien Opfer des Zugriffs der Macht angesehen werden, existieren nicht außerhalb von Machtbeziehungen, sondern werden von ihnen erzeugt und ins Spiel gebracht. Das geschlechtliche Verhalten hat seine taktischen und strategischen Aspekte, die ein bestimmtes Verhalten ermöglichen und anderes verhindern. Die Menschen handeln insgesamt innerhalb eines strategischen Felds von Machtbeziehungen, das ihnen manche Handlungen erlaubt, andere vorschreibt und wieder andere schwer oder gar unmöglich macht. Macht ist nicht in erster Linie darauf aus, Wissen zu verhindern; Wissen ist vielmehr für das Bestehen verschiedenster Machtbeziehungen ganz unentbehrlich: Es wird innerhalb von vielen Institutionen eingesetzt, produziert und gefordert; die Ausbildung der Individuen beschäftigt ausgedehnte institutionelle Komplexe, die auf die Vermittlung von Wissen und von Fähigkeiten abgestellt sind. Die Wahrheit ist nicht nur das mächtigste Wissen, sie ist auch Gegenstand der Bewahrung und der Weitergabe durch Institutionen (man denke nur an das Selbstverständnis der katholischen Kirche als wahre und einzige Interpretationsinstanz von Gottes Wort, die von Gott genau zu diesem Zweck als Institution eingesetzt wurde). Natürlich gibt es Unterdrückung, aber Ziel und Wesen der Macht sind in unseren Gesellschaften von der Unterdrückung gänzlich verschieden. Macht ist gerade dasjenige, was die Größen Wissen, Wahrheit, Geschlechtlichkeit, Individuum ins Spiel bringt und zueinander in Beziehung setzt. Die Charakterisierung von Macht als negativ und äußerlich stellt selbst ein Wissen dar, das nur im Rahmen von Machtbeziehungen existiert. Sie ist nur aufrechtzuerhalten, indem sie ihre eigenen Ermöglichungsbedingungen ignoriert. Zieht man diese Ermöglichungsbedingungen in Betracht, so muß man von der Immanenz und Produktivität von Machtbeziehungen ausgehen.

Einen solchen produktiven und immanenten Machtbegriff hat Michel Foucault in La volonté de savoir theoretisiert. Die traditionelle Annahme der Exteriorität und Negativität von Macht hat nach Foucault ihre historischen Wurzeln in einer älteren Gesellschaftsform und dort in der weltlichen Macht des Monarchen.7 Wo dieser Machtbegriff historisch unangemessen auf Phänomene bezogen wird, die im Kontext eines produktiven und immanenten Machttyps anzusiedeln sind, spricht Foucault von der "hypothèse répressive"8, der Repressionshypothese. Die Sexualität als historische Form der Erfahrung und Erkenntnis von Leidenschaften und Geschlecht gehört nun in den Kontext einer produktiven und immanenten Macht. Das grundlegende Merkmal des Umgangs mit dem Geschlechtlichen ist demzufolge nicht mit der Frage nach sexueller Freiheit oder Unfreiheit zu ermitteln, dann damit wäre auf einen äußerlichen und negativen Machtbegriff referiert es besteht gerade im Streben nach der Erkenntnis des Geschlechtlichen. Die Bemühung um die Ermittlung von Wissen über das Geschlechtliche ist im 18. Jahrhundert in einer steigenden Zahl von gesellschaftlichen Bereichen von Bedeutung, zu denen neben dem religiösen Bereich vor allem die Erziehung und die Medizin zählen. Gewinnung, Überprüfung und Weitergabe dieses Wissens sind zentral an spezifische Weisen, dieses Wissen auszusagen, gekoppelt. In diesem Sinne ist der Umgang mit dem Geschlechtlichen seit dem 18. Jahrhundert als eine Diskursivierung zu charakterisieren: als "'mise en discours' du sexe" (Foucault, Volonté de savoir, 21). Die Geschichte der Sexualität im Abendland ist so nicht als die Geschichte ihrer Repression, sondern als die Geschichte ihrer fortschreitenden diskursiven Erzeugung im Rahmen von Machtbeziehungen zu beschreiben. Foucaults Begriff des Sexualitätsdispositivs bezeichnet die Tatsache, daß die Geschlechtlichkeit zum Brennpunkt von Machtrelationen und zum Gegenstand einer immensen Wissensproduktion wird, in deren Rahmen die Individuen dazu angehalten sind, sich als sexuelle Subjekte zu begreifen. Mit einem solchen produktiven und immanenten Machtbegriff ist das eingangs skizzierte Bild nicht mehr zu vereinbaren.

Für die Beschreibung von Machtbeziehungen nennt Foucault in La volonté de savoir vier Richtlinien9. Da Machtrelationen anderen Relationen immanent sind, ist erstens an den Stellen anzusetzen, an denen die gegenseitige Durchdringung stattfindet: an den "'foyers locaux' de pouvoir-savoir" (Foucault, Volonté de savoir, 130). Zweitens ist die Verteilung von Macht und Wissen in einer gegebenen Situation nicht als permanent anzusehen, sondern wird mit jeder Handlung, die ja das Feld der möglichen Handlungen neu strukturiert, potentiell modifiziert; es ist also von einer kontinuierlichen Variation der Kräfteverhältnisse auszugehen. Zwischen der Effektivität einzelner Schritte im Rahmen eines foyer local de pouvoir-savoir einerseits und der Effektivität von übergreifenden Strategien, die das foyer local als Ansatz- und Ankerpunkt nehmen, besteht drittens ein wechselseitiges Bedingungsverhältnis: Die lokalen Strategien berufen sich auf gesamtkulturelle Bestrebungen und Größen; diese existieren aber ihrerseits nur, insofern es Vernetzungen von lokalen Zentren von Macht-Wissen gibt, auf die sie sich stützen. Die diskursiven Elemente selbst sind schließlich viertens als taktisch polyvalent anzusehen: Ihre Wirkungen sind nicht ein für allemal festgelegt, sondern sie können in ihrer jeweiligen Spezifität im Rahmen von unterschiedlichen Zielsetzungen eingesetzt werden.

Macht ist damit nicht mehr eine Substanz, die man besitzen und verlieren kann, sie ist eine Handlungsstruktur: "a way in which certain actions modify others" (Foucault, "Subject and Power", 219). Damit Handlungen auf andere (gegenwärtige oder zukünftige) Handlungen einwirken können, sind zwei Voraussetzungen nötig: "that 'the other' (the one over whom power is exercised) be thoroughly recognized and maintained to the end as a person who acts; and that, faced with a relationship of power, a whole field of responses, reactions, results, and possible interventions may open up" (Foucault, "Subject and Power", 220). Macht also besteht nur in ihrer Ausübung, und diese Ausübung besteht darin, daß jeweils Handlungen das Feld von möglichen anderen Handlungen strukturieren; zugleich muß gerade die Person, auf die Macht ausgeübt wird, handlungsfähig sein, denn sonst könnte eine Machtbeziehung, die als "an action upon an action" (Foucault, "Subject and Power", 220) definiert ist, nicht zustandekommen. An den Stellen, wo die Handlungsfähigkeit der Beteiligten nicht mehr gegeben ist, liegt auch keine Machtbeziehung mehr vor; hier ist von Herrschaft und Unterwerfung zu sprechen.10

Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch, auf der Basis der Immanenz und Produktivität von Machtbeziehungen zu einer neuen Beschreibung des umrissenen literaturgeschichtlichen Komplexes zu gelangen, in die sich auch die angedeuteten Problembereiche der religiösen Zuordnung und der Differenzierung zwischen Einstellungen der Restauration und der Empfindsamkeit sinnvoll integrieren lassen. Grundlage der Arbeit ist also nicht ein neues Wissen über Sexualität, dessen Wahrheitsanspruch nun die Gültigkeit des bislang plausiblen Wissens angriffe, sondern vielmehr ein neues Wissen darüber, was Macht ist. Sieht man Machtbeziehungen als immanent und produktiv, so muß man die Frage nach der Rolle des Geschlechtlichen in der Empfindsamkeit auf andere Weise beantworten: nicht, indem man zuerst nach den Elementen des Verbots und des Verzichts sucht, sondern indem man fragt, welches spezifische Wissen im Rahmen von welchen Machtbeziehungen eingesetzt wird.

Die folgenden Abschnitte dieses ersten Kapitels wollen eine solche Beschreibung vorbereiten: zunächst mit einer ausführlicheren und textnäheren Erörterung der einzelnen Aspekte des Zusammenspiels von Wissen und Macht; dann mit einem Überblick über die historischen Linien, die sich bei einer solchen Untersuchung abzeichnen; schließlich mit einer Betrachtung des Verhältnisses von fiktionalen und nicht-fiktionalen Texten im Rahmen einer solchen Beschreibung.


  1. Vgl. Weber (1905).
  2. Szondi (1973), p. 15-90.
  3. Vgl. z.B. Goreau (1982).
  4. Auf dieser theoretischen Grundlage ruht nicht nur das skizzierte literaturgeschichtliche Bild, auch ein beträchtlicher Anteil der neueren Forschung hat sich noch nicht überzeugend von ihr weg bewegt. Das Vorwort der Herausgeber in Rousseau/Porter (1987) ist für eine gewisse Ratlosigkeit hinsichtlich eines Machtbegriffs, der nicht mehr in dieser Form konzipiert sein soll, symptomatisch (vgl. viii f.). Porter (1982) bietet selbst eine unbefriedigende Lösung an, die die Chronologie der Repression verschiebt (nämlich ins 19. Jahrhundert), ihre Logik aber nicht hinterfragt. Angesichts solcher Unsicherheit bleiben viele der neueren Beiträge zum Thema Sexualität im 18. Jahrhundert (und deren sind, wie die Sammelbände von Boucé 1982 und 1988, Macubbin 1987, Rousseau/Porter 1987, Rousseau 1991 oder Wagner 1991 belegen, nicht wenige) beim sicherlich verdienstvollen Zusammenfassen und Hinweisen auf die reichhaltigen Dokumente stehen. Deren Aufarbeitung leidet, wie Rousseau (1992) anmerkt, am Fehlen eines konzeptuellen Rahmens, den die Opposition von 'Freiheit vs. Repression' offensichtlich nicht mehr bieten kann.
  5. Die Texte, auf die Goldberg sich bezieht (Taylors Holy Living, Allestrees The Whole Duty of Man und The Ladies Calling, Halifax' Advice to a Daughter und Steeles Ladies Library), werden unten in den Kapiteln II und III eingehender besprochen.
  6. Wollte man hier weiterhin mit der Opposition von freier und unterdrückter Geschlechtlichkeit argumentieren, so müßte man die scheinbar so ungezwungen durchgesetzte Sexualität der rakes als von einem Machtwillen durchdrungen und damit als fremdbestimmt und unfrei ansehen. Es wäre also zumindest ebenso plausibel, statt der Freiheit eine subtile Unterdrückung hinter jener rücksichtslosen Durchsetzung sexueller Bedürfnisse zu vermuten, während die wahrhaft von ihren Leidenschaften geleiteten am Ende das Nachsehen haben. Die Sexualität wäre also auch in der Restauration nicht frei, sondern unterdrückt, Restauration und Empfindsamkeit wären lediglich unterschiedliche Ausprägungen einer sexuellen Repression, die dann in allen Fällen als fundamental angesehen werden müßte. An die Stelle solcher in gewisser Weise beliebiger Zuweisungen von Freiheitlichkeit oder Repressivität (Porter, 1982, will, wie schon erwähnt, das 18. Jahrhundert noch als frei und erst das 19. als repressiv gewertet sehen) ist eine Analyse zu setzen, die diese Kategorien selbst hinter sich läßt.
  7. Vgl. Foucault, Volonté de savoir, 178 f.
  8. Foucault, Volonté de savoir, 18; vgl. Foucault, Volonté de savoir, 17 f.
  9. Vgl. Foucault, Volonté de savoir, 129 ff. - Foucaults Ausführungen zum Begriff der Macht und zu den Prinzipien seiner Analyse finden sich schon in Surveiller et punir (1975: 31 ff.) angedeutet; ausdrücklich formuliert sind sie im Abschnitt "Méthode" des Kapitels "Le dispositif de sexualité" in La Volonté de savoir (Foucault, Volonté de savoir, 121-135) und in zwei auf englisch veröffentlichten und unter dem Titel "The Subject and Power" zusammengefaßten Texten, die als Nachwort Foucaults in der Gesamtdarstellung seines Werks von Dreyfus und Rabinow (1982) erschienen. Die unterschiedlichen Akzente, die Foucault im Laufe der Zeit setzt, brauchen hier nicht herausgearbeitet zu werden, zumal mit Paul Bovés Aufsatz "Power and Freedom" (1992) eine exzellente Darstellung von Foucaults Machtbegriff im Lichte der Entwicklung seines Denkens in den siebziger und achtziger Jahren existiert.
  10. Vgl. Foucault, "Subject and Power", 220.