Kirchhofer, Strategie und Wahrheit | frameset

Die Beschreibung des Zusammenspiels von Wissen und Macht

Der Einsatz von Wissen

Eine der wichtigsten und wirkungsvollsten Maßnahmen, die ein mächtiger Herzog in Delarivier Manleys New Atalantis1 trifft, um sein junges Mündel Charlot zu verführen, besteht darin, ihr Zugang zu einer bestimmten Sorte von Büchern zu geben. Aus diesen Büchern lernt sie 'alles' über die geschlechtliche Leidenschaft: "[T]he mysteries of nature, the congregated pleasures of Venus, the full delight of mutual lovers" (Manley, Atalantis, 37) werden ihr dort enthüllt. Diese Kenntnisse, so hofft der Herzog, werden Charlot auf die tatsächlichen Aktivitäten neugierig machen. In Richardsons Clarissa gehört zu Lovelaces Plänen für seine späteren Jahre die Absicht, das weibliche Geschlecht mit der warnenden Enthüllung aller Kunstgriffe und taktischen Finessen, die ihm seine Erfolge und den beteiligten Damen ihren Ruin bescherten, zu entschädigen: "I propose in my more advanced life, to endeavour to atone for my youthful freedoms with individuals of the sex by giving caution and instructions to the whole" (Clarissa 865).

In beiden Fällen ist die Vermittlung von Wissen zentraler Faktor des Bestrebens, auf die Handlungen anderer einzuwirken. Man erzielt offenbar Wirkungen, indem man Wissen anderen gezielt zur Verfügung stellt, und nicht, indem man es ihnen vorenthält. Zwar gibt der Herzog der jungen Charlot mit gutem Grund keine Bücher, in denen Verführungsstrategien enthüllt werden, denn dieses Wissen könnte mit dem anderen, physiologischen Wissen in Konkurrenz treten und andere als die erstrebten Wirkungen nach sich ziehen. Doch tatsächliche und beschreibbare Wirkungen können jeweils nur von spezifischem, eingesetztem Wissen ausgehen. Auch Lovelaces Enthüllungen können erst, wenn sie tatsächlich zugänglich sind, allen Frauen zur Warnung und Unterweisung dienen.2

In beiden Beispielen tritt Wissen in einer doppelten Rolle auf. Einerseits ist es Grundlage von Handlungen, andererseits ist es Gegenstand der Vermittlung. Für den Herzog wie für Lovelace gilt also zunächst: Zielt man darauf ab, ein bestimmtes Verhalten bei einer Person zu erzielen, so muß man dieser Person Wissen vermitteln, das mit einem solchen Verhalten korreliert ist. Das Wissen über die geschlechtlichen Körperfunktionen soll Charlot zu geschlechtlicher Aktivität bewegen; das Wissen über die Taktiken des Verführers soll der Frau effizienten Widerstand ermöglichen. Aber auch das Vermitteln von Wissen ist eine Handlung, die auf Wissen basiert. Dieses Wissen wird zumindest eine Vermutung hinsichtlich der Wirkung jenes vermittelten Wissens enthalten. Die Reflexion der möglichen oder erwünschten Effekte von bestimmtem Wissen geschieht also im Rahmen von pädagogisch-didaktischen oder allgemeiner strategischen Überlegungen. Doch gleich, ob die Wirkungen eines bestimmten Wissens jeweils Gegenstand der Reflexion sind oder nicht, gilt: Wissen und Handeln schließen einander nicht etwa aus, sondern Handeln greift ständig auf Wissen zurück, und das Wissen bringt ständig das Handeln ins Spiel. Will man Begehren wecken, verführt werden, der Verführung nicht zum Opfer fallen, will man verhindern oder dazu beitragen, daß eine andere Person der Verführung zum Opfer fällt, so gibt es jeweils ein ganz spezifisches Wissen, das mit diesen Handlungen, sowie ein Wissen, das mit der Handlung der Vermittlung korreliert ist.

Dabei ist die Verknüpfung von bestimmtem Wissen mit bestimmtem Handeln keineswegs eindeutig und notwendig. Lovelaces Buchprojekt zehrt gerade von der Tatsache, daß dasselbe Wissen Grundlage für Verführungsstrategien genauso wie für den Widerstand gegen sie werden kann. Jedes Wissen ist also taktisch polyvalent. Seine Wirkungen stehen nicht ein für allemal fest, sondern es kann mit je spezifischen Wirkungen im Rahmen von unterschiedlichen oder sogar gegensätzlichen Strategien eingesetzt werden. Bei jeder eintretenden Wirkung muß nach ihren Ermöglichungsbedingungen gefragt werden.

Das Wissen verdankt seine Effektivität nicht allein seiner spezifischen Beschaffenheit, sondern einer je bestehenden taktischen Konstellation und je spezifischen strategischen Zielen. Daß etwa die Steuerung von Charlots sexuellem Wissensdrang dem Herzog zum Erfolg verhilft, hängt nicht allein von dem vermittelten Wissen ab, sondern von seiner strategischen Einbindung: So greift der Herzog auf die Vertrauensbasis zurück, die zwischen ihm und seiner Ziehtochter besteht; er erotisiert diese, indem er Charlot ihre neue Lektürewelt mit der Geschichte der "love of Myrra for her father" (Manley, Atalantis, 35) aus Ovids Metamorphosen eröffnet; seine Stellung bei Hofe ist so stark, daß andere Männer es nicht wagen, sich für die Erfüllung der neu erweckten Bedürfnisse Charlots anzubieten. All diese Umstände tragen zum Eintritt bestimmter Wirkungen bei; ihr Zusammenwirken macht die Voraussetzungen rekonstruierbar, unter denen an einer bestimmten Stelle ein bestimmtes Wissen eine je besondere Wirkung entfalten kann.

Ob eine Wirkung beabsichtigt ist, ob sie wider einen ausdrücklichen Willen oder zufällig geschieht, ist für das Eintreten von Wirkungen zunächst unerheblich. Weder für die an einer Situation Beteiligten noch für außenstehende Betrachter ist diese Unterscheidung je mit Sicherheit zu treffen. Was indessen eine Wirkung entscheidend modifizieren kann, ist das Wissen über die jeweiligen Intentionen von Handlungen, über die Intendiertheit von Wirkungen. "Whilst yet her surprise made her doubtful of his designs, he took advantage of her confusion to accomplish 'em" (Manley, Atalantis, 39), heißt es über die Vergewaltigung Charlots durch den Herzog. Es sind Zweifel und Verwirrung, die Charlots Wissen über die Intentionen des Herzogs kennzeichnen, und diese Tatsache begünstigt sein Vorgehen. Auch in der weiteren Entwicklung dieser Situation ist Charlots Wissen über die Intentionen des Herzogs entscheidend: "'Twas very long before he could appease her, but so artful, so amorous, so submissive was his address, so violent his assurances he told her, that he must have died without the happiness Charlot espoused his crime by sealing his forgiveness" (Manley, Atalantis, 40). Charlot akzeptiert, daß der Herzog handelte, um sein Leben zu bewahren, und das Wissen über diesen Motivationszusammenhang läßt sie den erzwungenen Geschlechtsverkehr im Nachhinein sanktionieren. Das Wissen über Intentionen und Intendiertheit wirkt also ebenso wie Wissen anderen Inhalts in ganz bestimmten Situationen auf je spezifische Weise.

Ein spezifisches Wissen, soviel läßt sich zunächst zusammenfassen, entfaltet seine möglichen Wirkungen nicht in der Abstraktion, in der reinen Interaktion von Erkenntnissen. Es wirkt in den Beziehungen, in denen es, sei es als Basis des Verhaltens, sei es als Gegenstand der Vermittlung, zum Einsatz kommt. Dabei lassen sich bestimmte Konstellationen angeben, in denen sich ein je spezifisches Wissen und die Beziehungen, in denen es eingesetzt wird, kristallisieren. In den genannten Beispielen ist es das geschlechtliche Verhalten junger Frauen, das im Zentrum des Wissens wie des Handelns aller Beteiligten steht und das zentral bleibt, auch wenn man den Kontext über die Konstellation von Liebhaber und begehrter Frau hinaus erweitert. In verschiedenen Konstellationen sind hier Diener, Eltern, Verwandte, Geschwister, Freunde, Ratgeber, Geistliche, Ärzte, und wer sonst noch für die Problematik von Wissen und Verhalten relevant sein mag, zu berücksichtigen. Um den Einsatz von Wissen zu beschreiben, muß man in jedem Fall an den Punkten ansetzen, an denen Wissen und Handeln in den Beziehungen zwischen den beteiligten Personen ineinander verschränkt sind.

Machtbeziehungen und die beteiligten Subjekte

Wenn der Herzog Charlot den Schlüssel zur Büchergalerie gibt und diese daraufhin nächtelang erotische und sexualmedizinische Literatur liest, so geht es nie vorrangig darum, Charlot zu einem ganz bestimmten Menschen zu machen. Sie soll vielmehr zu bestimmten Handlungen veranlaßt werden. Die Beziehungen, die ausgehend vom Einsatz von Wissen analysiert werden können, sind zunächst Beziehungen nicht zwischen Subjekten, sondern zwischen Handlungen. Beschreiben läßt sich, wie eine gegebene Handlung auf eine andere Handlung, nicht wie ein Subjekt auf ein anderes Subjekt einwirkt. Gleiches gilt für Lovelaces Buchprojekt: Das veröffentlichte Wissen könnte das Verhalten anderer modifizieren. Als eine Handlung, die auf andere Handlungen einwirkt, hat nun Foucault, wie bereits erwähnt, die Ausübung von Macht definiert. Wenn im folgenden von Macht und Machtbeziehungen die Rede ist, so immer in dem Sinne, daß Handlungen auf andere Handlungen einwirken, wobei diese Handlungen sowohl auf Wissen basieren als auch die Vermittlung von Wissen zum Gegenstand haben können.

Das Verhältnis von Wissen und Macht läßt sich so als eine gegenseitige Durchdringung charakterisieren. Wissen strukturiert das Feld, in dem Machtbeziehungen ihre Ansatzpunkte finden, und diese greifen ihrerseits auf Wissen als Basis und als Gegenstand zu. Man kann geradezu von Komplexen von 'Macht-Wissen' sprechen. Diese gegenseitige Durchdringung findet an den bereits exemplarisch beschriebenen Kristallisationspunkten von Wissen und Handeln statt. Eine Untersuchung von Aspekten der Machtausübung und des Wissens in bestimmten Texten oder in bestimmten Situationen wird genau an diesen Kristallisationspunkten Foucault spricht von "'foyers locaux' de pouvoir-savoir" (Foucault, Volonté de savoir, 130), von lokalen Zentren von Macht-Wissen ansetzen.

In einem solchen lokalen Zentrum von Macht-Wissen zieht jede Handlung, insofern sie wirkt, potentiell Modifikationen, gleich welcher Art, nach sich. Jede Handlung wird die Konstellation der beteiligten handelnden Personen modifizieren. Die Personen stehen mithin nicht in einem ein für allemal stabilen Verhältnis zueinander. Eine Beziehung besteht vielmehr zwischen ihren Handlungen, und da diese eine gegebene Konstellation potentiell immer in größerem oder kleinerem Umfang modifizieren, muß man davon ausgehen, daß die Art des Verhältnisses der beteiligten Personen zueinander kontinuierlich variiert. Gerade indem Charlot der Verführung des Herzogs erliegt, bereitet sie ihm Genüsse, die geeignet sind, ihn für eine Einflußnahme ihrerseits empfänglich zu machen. Die Episode ist insgesamt nicht als Beziehung des mächtigen und erfahrenen Herzogs zu seinem ahnungslosen Opfer Charlot zu analysieren, sondern es ist ausgehend von den Wirkungen der Handlungen nach den Bedingungen zu fragen, die diese Handlungen eine bestimmte Wirksamkeit entfalten lassen. Die Modifikationen, die die Ausübung von Macht selbst mit sich bringt, sind bei der Analyse der Konstellationen zwischen den beteiligten Personen zu berücksichtigen.

In den Auseinandersetzungen in Clarissas Elternhaus oder auch in den Ereignissen im Mädchenpensionat der Mrs. Teachum, die in Sarah Fieldings Governess erzählt werden, nehmen einzelne Figuren Positionen ein, die sich an gesamtgesellschaftlich vorhandene Positionen anschließen lassen. Bei Jenny Peace ist es ein leidenschaftsphilosophisches Wissen, bei Clarissa ein Wissen aus religiösen Pflicht- und Verhaltenskompendien, das jeweils die Argumentation prägt. Von diesem Wissen werden teils in einer gegebenen Situation, teils in der Text-Leser-Beziehung Wirkungen erwartet, die nicht nur von dem Wissen selbst ausgehen, sondern auch von dem Stellenwert des größeren Kontexts, den dieses Wissen aufruft. Das eingesetzte Wissen und die möglichen gesamtkulturellen Bestrebungen, die ein je spezifisches Wissen als Verhaltensgrundlage verbreiten wollen, können ihrerseits nur genau in dem Maße wirken, wie lokale Zentren vorhanden sind, in denen sie Relevanz gewinnen können. Die Effektivität von umfassenden Bestrebungen und lokalen Schritten beruht also darauf, daß sie aneinander anschließen können, und nicht etwa darauf, daß zwischen ihnen eine irgendwie zeichenhafte Relation besteht, so als wären die Figuren Repräsentanten bestimmter gesellschaftlicher Gruppen oder kulturhistorischer Prozesse3. Jenny Peace und Clarissa handeln in den Situationen, in welche die Texte sie stellen, nicht als die Repräsentanten 'empfindsamer Ideologie' oder bürgerlicher Moral, sondern sie setzen spezifische Mittel ein, um bestimmte Wirkungen zu erzielen; andere Effizienzkriterien mögen den Einsatz solcher Textdaten in einem anderen Kontext erlauben. Die gesamtkulturellen Bestrebungen haben eine bestimmte Form, die ihnen die lokale Wirksamkeit ermöglicht, und die lokalen Taktiken beziehen ihre Effektivität daraus, daß sie sich an übergreifende Faktoren anschließen.

Die Analyse lokaler Zentren von Macht-Wissen, ihrer Veränderungen und ihrer Beziehungen zu umfassenderen Strategien kommt ohne eigene Annahmen über die Subjektivität der beteiligten Personen aus. Es muß lediglich vorausgesetzt werden, daß die Personen überhaupt beteiligt sind und daß sie zu handeln in der Lage sind. Fehlt Charlot oder fehlt der Herzog, so kann man nicht von einem Verführungsversuch sprechen; genausowenig bedürfte es der Verführung, wenn nicht die Möglichkeit bestünde, daß beide beteiligten Personen auch anders handeln können: Wenn Charlot überhaupt nicht geschlechtlich aktiv werden könnte oder wenn sie von sich aus keine andere Wahl hätte, als den Willen des Herzogs auszuführen, dann läge kein Bedarf vor, auf ihre Handlungen einzuwirken, um sie so zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen. Eine Machtbeziehung entsteht nur, wenn die beteiligten Personen immer auch anders handeln können. Motivationsstrukturen und Charakter der Handelnden sind also nicht Gegenstand der Analyse, solange nicht diesbezügliche Annahmen in der analysierten Situation wirksam werden.

Dabei ist es für das Vorliegen einer Machtbeziehung nicht erforderlich, daß diese in den Motivationen einer oder aller beteiligten Personen reflektiert wird. Wissen über diese Motivationen wird natürlich insofern in die Analyse eingehen, als es Instanzen im Text gibt, die dieses Wissen einsetzen. So arbeitet der Herzog mit Annahmen über die Motivation Charlots (er baut auf ihre Neugier), und auch Charlot werden an einem bestimmten Punkt Vermutungen über die Intentionen des Herzogs zugeschrieben (sie vertraut beispielsweise darauf, daß er sie als Ehrenmann heiraten wird). Das Wissen über diese beiden Motivationen wird dem Leser durch die Erzählstimme vermittelt. Es ist, darauf wurde schon im vorigen Abschnitt hingewiesen, wie alles andere Wissen danach zu befragen, welche Wirkungen es auslöst und wodurch diese Wirkungen ermöglicht werden.

Wenn die beteiligten Personen als Subjekte von Rede und Handlungen konstituiert werden, so setzt dies mindestens eine von zwei spezifischen Sprechhandlungen voraus. Entweder eine Person sagt über sich: "So bin ich, so handle ich." Oder eine andere Instanz sagt über diese Person: "So ist diese Person, so handelt sie." In der Charlot-Episode der New Atalantis ist es die Erzählinstanz, die gelegentlich solche Aussagen macht. Dagegen besteht Sarah Fieldings Roman The Governess zum großen Teil darin, daß die Schülerinnen eines Mädchenpensionats nach einem großen Streit von Jenny Peace, der ältesten Schülerin, zu besserer Einsicht gebracht vor allen anderen ihr Leben einschließlich ihrer größten persönlichen Fehler erzählen und sich zu einer neuen altruistischen Einstellung bekennen. Es sind also die Personen selbst, die auf der Grundlage des einmal akzeptierten Wissens über die Leidenschaften und ihre soziale Dimension über sich sagen: "So bin ich, so habe ich gehandelt, so werde ich handeln." Die Handlung, auf die eine Wissensvermittlungsrelation zielt, kann mithin gerade eine solche diskursive Selbstkonstitution sein. Es kann aber wie im ersten Fall auch eine andere Instanz sich das Wissen über Subjekte vorbehalten und es anderweitig einsetzen.

Das Zusammenspiel von Wissen, Macht und Subjektivität läßt sich nun etwa wie folgt zusammenfassen. Wählt man das in Texten und Situationen eingesetzte Wissen als Ansatzpunkt einer Untersuchung, so gelangt man zunächst zu den Machtbeziehungen, in deren Rahmen dieses Wissen existiert. Die lokalen Zentren von Macht-Wissen bilden ihrerseits den Ort, an dem nach bestimmten Subjektivierungsmustern Subjekte konstituiert werden und an dem in bestimmter, geregelter Weise gesprochen wird. Demnach ist auch diese Subjektkonstitution unter dem Aspekt des Macht-Wissens zu analysieren, und es ist zu fragen: Als Wirkung welcher (Sprech-)Handlung und auf der Grundlage welchen Wissens findet eine Subjektkonstitution statt? Eine solche Analyse des Zusammenspiels von Wissen, Machtbeziehungen, Sprechweisen und Subjektivierungsmustern läßt jeweils die gegenseitige Durchdringung von Wissen und Machtbeziehungen erscheinen und erlaubt es, Subjekte nicht als transhistorisch gegeben, sondern als Effekte von Akten der Subjektkonstitution aufzufassen, die historisch auf der Grundlage bestimmter nachweisbarer Macht-Wissens-Verschränkungen möglich wurden.

Foucaults Begriff des Dispositivs läßt sich als Bezeichnung für dieses Zusammenspiel der Komponenten Wissen, Macht und Subjektivität verstehen. Ein auf bestimmte Weise verteiltes Wissen strukturiert das Feld, in dem gehandelt wird. Es bietet die Ansatzpunkte für die Interventionen verschiedener Beteiligter, es disponiert diese Beteiligten dazu, auf bestimmte Weise zu sprechen und sich in bestimmter Weise als Subjekte zu begreifen. Das Dispositiv ist also nicht ausgehend von der Komponente 'Subjekt' zu analysieren, indem man danach fragt, was das Subjekt sagt oder nicht sagt, was es weiß oder nicht weiß oder wie mächtig oder ohnmächtig es ist.4 Vielmehr ist es das Dispositiv, in dessen Rahmen das Subjekt auf spezifische Weise möglich wird.

Ausgangspunkt für diese Analyse ist die Problematisierung5 eines bestimmten Existenzbereichs. Denn nicht als gesichertes und unbestrittenes Wissen, sondern als Gegenstand der Vermittlung, der Zustimmung oder der Kontroverse ist ein bestimmtes Wissen über die Menschen und ihr Verhalten Teil von Machtbeziehungen und Subjektvierungsakten. Nicht das unproblematische Wissen, sondern das Wissen, das Nachdenken, Nachforschung und Auseinandersetzung erfordert, ist dasjenige, was Beziehungen konstituiert und subjektkonstitutiven Status annehmen kann.

Nicht-Wissen und Nicht-Einsatz von Wissen

1. Wenn immanente und produktive Machtbeziehungen ausgehend von dem eingesetzen Wissen zu untersuchen sind, so stellt sich die Frage, wie das Fehlen von bestimmtem Wissen zu beurteilen ist. In Moll Flanders rückblickender Erzählung ihrer ersten Liebe zum ältesten Sohn der Familie, in der sie lebt, liegt der Akzent weniger auf dem Wissen, das zwischen den beiden im Spiel war, als auf einem Mangel an Wissen. Nach den ersten manifesten Annäherungsversuchen berichtet Moll:

[...] I now began to think, but, alas! it was but with very little solid reflection. I had a most unbounded stock of vanity and pride, and but a very little stock of virtue. I did indeed cast sometimes with myself what my young master aimed at, but thought of nothing but the fine words and the gold; whether he intended to marry me, or not to marry me, seemed a matter of no great consequence to me; nor did my thoughts so much as suggest to me the necessity of making any capitulation for myself, till he came to make a kind of formal proposal to me [...] (Defoe, Moll Flanders, 48)

Mrs. Betty, die damals noch nicht den Namen Moll Flanders angenommen hatte, wird in dieser Passage offensichtlich als Subjekt von Nicht-Wissen konstituiert. Nun ist dieses Nicht-Wissen kein absolutes und generelles Nicht-Wissen; vielmehr fehlt Mrs. Betty ein ganz spezifisches Wissen, das als Wissen anderswo vorhanden ist. Nicht-Wissen ist also relativ, es ist immer mit einem positiven Wissen korreliert. Demzufolge läßt sich an ein explizites Nicht-Wissen die Frage stellen: Welchem Wissen ist dieses Nicht-Wissen korreliert, und welche Beziehungen instauriert diese Korrelation? Mrs. Betty fehlt sowohl Wissen über Tugend und Ehre als auch über das vorteilhafteste Verhalten in einer Situation, in der ein Mann eine Frau zu geschlechtlichen Handlungen bewegen möchte. Letzteres erwirbt sie recht bald schon als sie nach dem Tod ihrer ersten beiden Männer im Mint Zuflucht nimmt, kann sie einer befreundeten Witwe mit der erfolgreichen Strategie zur Erringung eines Ehemanns bei schlechter Marktlage dienen während ihr das moralische Wissen erst am Ende ihrer kriminellen Karriere bei ihrer Konversion zuteil wird.6 Insgesamt begründet der Verweisungszusammenhang von Nicht-Wissen und Wissen die bekenntnishafte Erzählsituation: Sie dient der Selbstkonstitution der erzählenden Moll Flanders an ihrem Lebensende in bezug auf ein spezifisches moralisches Wissen.

Die geschilderte Konstitution von Mrs. Betty als Subjekt von Nicht-Wissen findet erst durch die Korrelation dieses Nicht-Wissens mit einem Wissen statt und impliziert folglich nicht notwendig einen subjektiv empfundenen Mangel von Wissen. Vielmehr ist ja auch mit den tatsächlichen Handlungen Mrs. Bettys ein spezifisches Wissen verbunden: Die Hochschätzung von "fine words and gold" bestimmt ihre Gedanken und Handlungen. Diese Erwägungen werden erst dann in Frage gestellt, wenn der Verweisungszusammenhang aufgebaut wird, der ein anderes Wissen als das gültige ausweist, zu dem das tatsächliche positive Wissen der Person den Zugang verstellt. Jedes Nicht-Wissen ist nach dem Wissen, das im Subjekt seinen Mangel deckt, ebenso wie nach dem Wissen, das ihm andernorts korreliert ist, zu befragen.

2. Es ist jeweils nach dem Verweisungszusammenhang zu fragen, den ein bestimmtes Wissen aufbaut. Lovelace spricht von seinem Buchprojekt in einem Brief an seinen Vertrauten Belford. Clarissa wird in der betreffenden Passage nicht zum Subjekt von Nicht-Wissen, obwohl ihr das Wissen, das Lovelace enthüllen will, nicht verfügbar ist. Lovelaces Verführungsstrategien mögen zwar Grundlage seines Verhaltens gegenüber Clarissa sein, doch der Einsatz dieses Wissens begründet an dieser Stelle keine Beziehung zwischen Lovelace und Clarissa. Die Beziehung, die das Wissen tatsächlich konstituiert, entsteht zwischen dem Text und den Lesern, denn diesen wird das Wissen ja in der Absichtserklärung Lovelaces tatsächlich vermittelt. Es sind also jeweils entlang des Wissens wie des korrelierten Nicht-Wissens die Beziehungen zu verfolgen, die tatsächlich begründet werden.

Diese Beziehungen können, wie gesehen, gerade über getrennte Ebenen hinweg konstituiert werden: zwischen Figur und Erzählinstanz in Moll Flanders, zwischen Figur und Leser im Fall von Lovelaces Buchprojekt. Dabei wird nicht etwa die Trennung der Ebenen aufgegeben: Man kann in einem Frömmigkeitshandbuch die Subjektivierungsmuster (Gebete, Sündenkataloge, Modellbekenntnisse), die Handlungsabläufe (Morgen- und Abendandacht, Gestaltung des Sonntags in der Familie, Vorbereitung auf den Empfang des Sakraments), die direkten Unterweisungen (Wissen über Pflichten und zu meidende Sünden) und schließlich die im Text vorgesehene Rolle des Rezipienten (wann und wie der Text gelesen werden soll) unterscheiden. In erzählenden Texten entsprächen diesen Ebenen etwa die Figurencharakterisierung, der Handlungsverlauf, die Erzählerrede und der Bezug auf den Leser, die ja die traditionellen Komponenten der Erzählanalyse sind. Das Ausgehen vom Einsatz von Wissen mit der Frage "Wen beteiligt das je aktive Wissen?" bringt die Beziehungen in den Blick, die ein je bestimmtes Wissen (das einem Nicht-Wissen korreliert sein kann) nachweisbar konstituiert.

3. Defoes Roman Robinson Crusoe unterscheidet sich von den bislang diskutierten Beispielen dadurch, daß in ihm so gut wie kein Wissen über Leidenschaften und Geschlecht eingesetzt wird. Nicht, daß dieses Wissen ganz fehlte: Robinson weiß genug, um sich darüber zu wundern, daß eine seiner Katzen, obwohl es auf der Insel keine Artgenossen gibt und er keinen Kater mit auf die Insel gebracht hat, mit drei Kätzchen ankommt.7 Doch anderes Wissen ist schlicht ungleich wichtiger: Navigieren, das Sichern der Nahrungsgrundlage, das Wissen um die Wirkung der Vorsehung im Leben. Auch in der einzigen Beziehung im Text, die ausdrücklich durch die Vermittlung von Wissen konstituiert wird, nämlich in der Christianisierung Fridays, wird zwar die Leidenschaftsproblematik erwähnt: Robinson belehrt Friday "how [the devil] had a secret access to our passions and to our affections" (Defoe, Robinson Crusoe 219). Das Problem, an dem die Unterweisung beinahe scheitert, ist aber nicht etwa das unkontrollierte oder den Einflüsterungen des Teufels unterworfene Triebleben des Wilden. Problematisch ist die Theodizee-Frage8.

Weiterhin enthält der Text keinen Hinweis darauf, daß Robinson das Subjekt eines Nicht-Wissens über Leidenschaften und Geschlecht wäre. Im Gegensatz zu dem Obszönitätspotential, welches das Kapitel "Upon Whiskers" am Anfang des fünften Buchs von Sternes Tristram Shandy entwickelt9, wird etwa in der folgenden Passage ausschließlich das "large pair of Mahometan whiskers" beschrieben, das Robinson auf der Insel zierte: "of these mustachioes or whiskers I will not say they were long enough to hang my hat upon them; but they were of a length and shape monstrous enough, and such as in England would have passed for frightful" (Defoe, Robinson Crusoe 159). Eine Interpretation, die den Protagonisten als Subjekt von Nicht-Wissen über die Sexualität auffassen möchte, müßte als den Ort des Wissens, das diesem Nicht-Wissen korreliert wäre, eine textexterne und nicht zeitgenössische Instanz (wie etwa die Psychoanalyse) angeben.

Der Unterschied zwischen einem Nicht-Wissen und dem Nicht-Einsatz von Wissen besteht darin, daß dem Nicht-Wissen ein spezifisches anderswo vorhandenes Wissen korreliert ist und daß dieser Verweisungszusammenhang das tatsächliche Wissen der Person tendenziell invalidiert, indem es zur Kehrseite eines Mangels wird. Beim Nicht-Einsatz von Wissen lassen sich schlicht keine Beziehungen nachweisen, die von einem bestimmten Wissen konstituiert würden, und damit besteht auch kein Ansatzpunkt für eine Untersuchung des Einsatzes von Wissen. Wenn aber der Nicht-Einsatz von Wissen als Nicht-Wissen interpretiert werden soll, so ist nach dem Verweisungszusammenhang zu fragen, der eine solche Interpretation und eine etwa damit verbundene Konstitution einer Figur als Subjekt von Nicht-Wissen ermöglicht.

Konsequenzen für den Status der Macht

Das bislang Ausgeführte hat Implikationen, von denen einige an dieser Stelle explizit gemacht werden sollen, da sie die Abgrenzung des vorliegenden Ansatzes gegen andere Positionen verdeutlichen. 1. Der im Anschluß an Foucault vertretene Machtbegriff versteht sich als Alternative gleichermaßen zu einer Dämonisierung wie zu einer Apologie der Macht. 2. Angesichts der Immanenz von Machtbeziehungen kann Macht nicht mehr in disjunkte Opposition zu Begriffen wie Wissen oder Wahrheit gebracht werden. Das Begriffspaar im Haupttitel dieser Arbeit benennt unterschiedliche Problematisierungsformen, die jeweils im Kontext von Machtbeziehungen erzeugt werden. 3. Macht hat hier insbesondere einen anderen Status als in einem dekonstruktivistisch orientierten Ansatz. Es scheint nicht überflüssig, diese drei Konsequenzen in aller Knappheit auszuführen, um die Voraussetzungen für die anschließende Skizze der Gesamtargumentation der Arbeit klarer zu machen.

1. Zunächst ist hervorzuheben, daß die bloße Tatsache des Vorliegens einer Machtbeziehung keine spezifische Differenzierung von Situationen (etwa in Abgrenzung zu 'machtfreien' Bereichen) mehr erlaubt. Insbesondere kann keine Wertung in Form einer Kritik von Macht als Zwang bei gleichzeitiger Sympathie mit allem 'Machtfreien' und 'gegen die Macht Gerichteten' erfolgen. Angesichts der Immanenz von Machtbeziehungen in anderen Beziehungen ist jeweils näher zu bestimmen, welche Formen der Machtausübung, der Einwirkung von Handlungen auf andere Handlungen, vorliegen. Wertungen sind der Perspektive der jeweils Beteiligten zuzuweisen, denn was manchen wünschenswert und notwendig erscheint, ist anderen unerträglich.

Aus der Perspektive der Widerstands gegen eine bestimmte Form von Machtausübung mag um der Erreichung eines strategischen Ziels willen Macht mit Repression und die Modifikation von Machtbeziehungen mit Befreiung gleichgesetzt werden. Solche Bedeutungszuweisungen sind als spezifisch eingesetztes Wissen zu registrieren, ihre taktische und strategische Effizienz ist zu beschreiben.

Das skizzierte Verständnis des Wirkungszusammenhangs von Macht und Wissen erlaubt eine Alternative zu den beiden entgegengesetzen Extrempositionen einer Dämonisierung und einer Apologie der Macht. Weder ist Macht ein Übel, dem man sich entgegenstellen muß, um seine Integrität zu wahren, noch heißt die Tatsache, daß man nicht in einen machtfreien Raum hinaustreten kann, daß eine je bestehende Situation als unabänderlich hingenommen werden muß. Situationen, die durch Leiden oder Zwang charakterisiert sind (man denke an Clarissas Situation im Familienkonflikt), sind nicht mit dem Hinweis, daß man Machtbeziehungen nicht entrinnen könne, zu beschönigen. Doch man gewinnt nichts, wenn man irreführenderweise davon ausgeht, daß das Wesen der Macht in der Gewalt bestehe und auf das Unglück der Menschen gerichtet sei. Zweifellos unterscheiden sich die Formen der Machtausübung, aber die aus einer jeweiligen Perspektive wünschenswerten Situationen genauso wie die nicht wünschenswerten existieren im Rahmen von Machtbeziehungen. Und die Möglichkeiten, eine gegebene Situation zu modifizieren, werden nicht kompromittiert, wenn man sie ebenfalls als taktische und strategische Schritte analysiert.

2. Es könnte scheinen, als setze die vorliegende Studie die disjunktive Entgegensetzung von Macht und Wissen fort. Soll nicht die Analyse von Machtbeziehungen das bislang akzeptierte Wissen über die Sexualität und die Folgen ihrer Unterdrückung ersetzen? Vor dem Hintergrund der vorausgehenden Erörterungen muß die Alternative anders gefaßt werden: Immanenz und Produktivität von Machtbeziehungen sollen Negativität und Exteriorität als Merkmale des Machtbegriffs ablösen; Wissen über Macht, das als formaler Ansatzpunkt je historischer Konkretisierungen bedarf, soll statt eines Wissens über Sexualität, das an das historische Material als Maßstab angelegt wird, Ausgangspunkt der Beschreibung sein. Nicht 'Macht vs. Wissen' lautet also die Opposition, sondern es stehen einander je unterschiedliche Begriffe von Macht und je unterschiedliches Wissen gegenüber.

Ein Unterschied im Status des Wissens bleibt allerdings als Resultat der unterschiedlichen Machtbegriffe bestehen. Die traditionelle Position geht von einem ihr gesichert erscheinenden Wissen über das Geschlechtliche aus, an dem sie dann das Wissen und Handeln der Instanzen im Untersuchungsgegenstand mißt. Sie interpretiert auf der Basis eines als wahr angesehenen Wissens ein anderes, das als Abweichung von dieser Wahrheit erscheint. Dagegen wendet sich der vorliegende Ansatz, und es könnte somit scheinen, als bilde eine Opposition von 'Macht vs. Wahrheit' die Basis der Abgrenzung. Doch auch diese Ansicht würde die Problemstellung verkürzen, indem sie unterschlüge, daß die beiden unterschiedlichen Machtbegriffe Konsequenzen für den Status der Wahrheit haben. Erscheinen Macht und Wahrheit in traditioneller Sicht als einander äußerliche, ja disjunkte Größen, so ist auf der Basis des vorliegenden Ansatzes die Wahrheit als eine spezifische Form des Wissens mit ebenso spezifischen Funktionen im Rahmen von Machtbeziehungen anzusehen.

In diesem Sinne will auch das Begriffspaar im Titel der vorliegenden Studie verstanden werden, das den folgenden Analysen ihre kontrastiven Leitbegriffe liefert. Es ist ein Unterschied, ob man den Problembereich der geschlechtlichen Leidenschaft unter den strategischen Gesichtspunkten der Vorteilsgewinnung und Nachteilsvermeidung betrachtet oder ob man sich um das Ermitteln der wie auch immer gearteten Wahrheit über diesen Bereich bemüht. Aber die je unterschiedlichen Modalitäten beider Problematisierungsformen sind beide zu beschreiben, indem man nach dem im Rahmen von Machtbeziehungen eingesetzten Wissen fragt.

3. Auf dieser Basis läßt sich der vorliegende Ansatz gegen eine dekonstruktivistische Position, wie sie in der Empfindsamkeitsforschung etwa William Warner (1979) vertritt10, abgrenzen. Das dekonstruktive Vorgehen erschöpft sich in der 'Widerlegung' des Wahrheitsanspruchs, der an einen negativen und äußerlichen Machtbegriff gebunden ist. In dem Maße, wie dieser Anspruch nicht aufrechtzuerhalten ist und die scheinbar von der Macht disjungierte Wahrheit sich als im Rahmen von Machtrelationen entstanden zeigt, wird der Begriff der Wahrheit 'dekonstruiert'. Weil Macht aber weiterhin als eine Substanz verstanden wird, die sich der Wahrheit entgegensetzen läßt, begnügt man sich mit einer 'Entlarvung' mit dem paradoxen Nachweis, daß Macht der verborgene 'wahre Kern' der Wahrheit sei. Voraussetzung für die Dekonstruierbarkeit der Wahrheit ist also ein Festhalten an dem Machtbegriff, der Macht als äußerlich und negativ ansieht, Ziel der Dekonstruktion ist es, die Unmöglichkeit eines solchen Festhaltens nachzuweisen. Der Preis der Dekonstruktion ist aber die paradoxe Nivellierung der Disjunktion von Macht und Wahrheit. Das Argumentationsziel der Entlarvung wird erkauft durch die Reduktion aller Positionen auf eine als Substanz verstandene Macht, und so verdankt sich noch das Entlarvungspathos den Voraussetzungen des alten Machtbegriffs.

Damit verstellt man sich den Blick auf die handlungsstrukturierende Qualität der Macht sowie auf die unterschiedlichen Machteffekte, die sich mit unterschiedlichem Wissen verbinden. Solange man auf Dekonstruktion zielt, vergibt man die Möglichkeit, die Spezifität unterschiedlicher Formen der Machtausübung zu beschreiben. Denn daß Machtbeziehungen anderen Beziehungen immanent sind, entlarvt und diskreditiert nicht unumgänglich jede Position als 'Machtstreben' und macht vor allem nicht alle Formen der Machtausübung einander gleich. Man gewinnt eine neue Perspektive, wenn man die Wahrheit von vorneherein nicht mehr fragt, ob sie wahr oder unwahr sei, sondern sie auf ihre strategischen Effekte hin analysiert die sich begreiflicherweise von den Wirkungen anderer Interventionen unterscheiden.


  1. Ich greife hier aus diesem und anderen Texten einzelne Elemente und Situationen heraus, um an ihnen Aspekte des Verhältnisses von Wissen und Subjektivierungsmustern zu einem immanenten und produktiven Machtbegriff zu verdeutlichen. Eine historische Lokalisierung bleibt den folgenden Kapiteln vorbehalten und wird in Abschnitt 3 dieses Kapitels im Überblick skizziert. - Sicherlich bleibt das Desiderat, die systematische Behandlung des Problems um eine Genealogie der Problematisierung von Macht zu ergänzen, in der sie ihre eigenen historischen Voraussetzungen reflektieren würde.
  2. Dieses Buchprojekt wird natürlich nie realisiert; Richardson selbst jedoch veröffentlicht 1755 unter dem Titel A Collection of the Moral and Instructive Sentiments, Maxims, Cautions, Reflexions Contained in the Histories of Pamela, Clarissa and Sir Charles Grandison eine Zusammenstellung solchen nützlichen Wissens aus seinen Romanen.
  3. In der Ablehnung solcher mimetischer Konzepte sieht auch Simon During ein wesentliches Merkmal einer an Foucault orientierten Literaturbeschreibung (vgl. During 1992: 186 ff., bes. 194 ff.).
  4. Eine Analyse, die beim Subjekt ansetzt, kann immer nur psychologische, soziologische oder anthropologische Ergebnisse liefern. Sie muß sich mit der prekären Verbindung von Intentionalität und Wirkung ebenso wie mit der nie mit letzter Sicherheit zu klärenden Frage plagen, ob eine bestimmte Intention auch die wahre sei, oder ob nicht vielmehr andere, verheimlichte oder unbewußte Faktoren am Werk seien.
  5. Zu diesem zentralen Begriff des Spätwerks vgl. die Hinweise S.15.
  6. Vgl. Defoe, Moll Flanders, 85 bzw. 311.
  7. Vgl. Robinson Crusoe C 116. Der Sachverhalt wird nicht aufgeklärt.
  8. "[I]f God much strong, much might as the devil, why God no kill the devil, so make him no more do wicked?" ( Robinson Crusoe 220) fragt Friday und bringt damit seinen Katecheten in die Bredouille: "[...] I could not tell what to say, so I pretended not to hear him, and asked him what he said." ( Robinson Crusoe 220) Friday läßt sich nicht abbringen, und fordert weitere Selbstwidersprüche heraus. Schließlich rettet sich Robinson auf folgende Weise: "I [...] diverted the present discourse between me and my man, rising up hastily, as upon some sudden occasion of going out; then sending him for something a good way off, I seriously prayed to God that He would enable me to instruct savingly this poor savage [...]" ( Robinson Crusoe 221).
  9. Vgl. unten S. 234 f.
  10. Zu Warner vgl. a. unten S. 172 f.