Kirchhofer, Strategie und Wahrheit | frameset

Der empfindsame Roman im Kontext des Sexualitätsdispositivs

Die Texte, die im Verlauf dieser Studie eingehender analysiert werden, sind so ausgewählt, daß sie den eingangs skizzierten literaturgeschichtlichen Komplex repräsentieren könnten. Ihre Beschreibung richtet sich aber nach den im vorangegangenen Abschnitt entwickelten Grundlagen. In traditioneller Perspektive würde ein Liebesroman wie Aphra Behns Love Letters between a Nobleman and his Sister mit seinen ausführlichen Liebesszenen und -verwicklungen die aristokratische Freizügigkeit der Restauration dokumentieren. Dem wären die 'Puritan conduct books' mit ihrer strengen Sexualmoral gegenüberzustellen. Doch zunächst ist es, wie schon angedeutet, fragwürdig, jene Bücher, die das Verhalten der einzelnen vorzeichnen wollen, den 'Puritanern' zuzuweisen. Darüberhinaus vernachlässigt eine pauschale Obergruppe 'Puritan conduct books' die zwei distinkten Textsorten, die sich hier vermengt finden: auf der einen Seite Bücher, die sich auf die Erörterung des Verhaltens in dieser Welt und in diesem Leben beschränken, auf der anderen Seite diejenigen Werke, die eine explizit christlich-protestantische Religiosität in all ihren praktischen Konsequenzen als nachzuahmendes Vorbild darstellen. Ich werde für diese im 17. Jahrhundert eindeutig zu unterscheidenden Textsorten im Folgenden die Begriffe Verhaltensratgeber bzw. Frömmigkeitshandbuch verwenden und sie zunächst genau auseinanderhalten, um dann allerdings die Interferenzen, die ab dem 18. Jahrhundert zwischen ihnen deutlich werden, herauszustellen. So treten in Kapitel 2link, das die Situation im späteren 17. Jahrhundert vorstellt, neben Behns Love Letters mit Advice to a Daughter und mit The Whole Duty of Man ein Verhaltensratgeber und ein Frömmigkeitshandbuch.

Das Bild, das sich ergibt, weicht nun bedeutsam von dem traditionell erwartbaren ab. Zwar weisen Frömmigkeitshandbuch und Verhaltensratgeber durchaus eine Gemeinsamkeit auf, die sie in einen Gegensatz zum Liebesroman bringt. Sie sind nämlich beide ausdrücklich daraufhin angelegt, ihren Lesern Wissen zu vermitteln, das diese zur Grundlage ihres Handelns machen sollen, und sie thematisieren diese Wissensvermittlungsrelation auch zentral. Fragt man sich aber, unter welchen Aspekten Wissen über Geschlecht und Leidenschaften ins Spiel gebracht wird, so ergibt sich sowohl für den Liebesroman als auch für den Verhaltensratgeber eine vorwiegend strategische Problematisierung. Es steht in beiden Fällen das Problem im Vordergrund, wie sich Vorteile erringen, Nachteile aber vermeiden lassen. Das Geschlechtliche wird dabei in einen Bezug zur Position des Individuums in Familie und Gesellschaft gesetzt, es wird vorrangig als Bereich sozialer Auseinandersetzung gefaßt. Im Frömmigkeitshandbuch steht dagegen der Aspekt der Wahrheit des Geschlechtlichen im Vordergrund, und zwar sowohl der konzeptuellen als auch der im persönlichen Bekenntnis aktualisierten Wahrheit. Das Geschlechtliche wird als Teil des Selbst relevant. Keuschheitshandlungen Handlungen, die, ohne selbst geschlechtliche Handlungen zu sein, mit Referenz auf jene geschlechtliche Instanz vorgenommen werden und Bekenntnisse Aussagen des einzelnen über sich selbst, die sich auf das Wirken jener geschlechtlichen Instanz beziehen bringen das Geschlechtliche in Verbindung mit der Identität des einzelnen, machen es zu dem Bereich, in dem die Wahrheit über das Subjekt zu suchen ist. Die lokalen Zentren von Macht-Wissen, auf die sich alle drei Textsorten jeweils beziehen, überschneiden sich. Liebesintrige wie Verhaltensratgeber wie Frömmigkeitshandbuchstellen sich das Problem des geschlechtlichen Verhaltens junger Frauen und der diversen anderen Personen, die mit dieser Frau interagieren, die auf ihr Verhalten eine Auswirkung haben oder auf die ihr Verhalten eine Auswirkung hat.

Daß sich alle drei Textsorten mit dem in ihnen relevanten Wissen auf die gleichen foyers locaux de pouvoir-savoir beziehen, bildet die Voraussetzung für eine Dynamisierung der Elemente dieses Wissens. In der Folge werden die Problematisierungsperspektiven, die immer wieder die Familie und besonders die junge Frau betreffen, aus der einen in die andere Textgattung wechseln. Entscheidendes Merkmal dieser Entwicklung ist die Ausbreitung jenes Aspekts der Wahrheit des Geschlechtlichen, der sich im 17. Jahrhundert noch auf den religiösen Kontext beschränkt. Die Problematisierung von Leidenschaften und Geschlecht unter dem Aspekt ihrer Wahrheit wird im 18. Jahrhundert zu einer Kombination der Perspektiven von Frömmigkeitshandbuch und Verhaltensratgeber führen. Sie wird in den medizinischen und den pädagogischen Diskurs Eingang finden. Und sie wird in noch detailliert darzustellender Weise die strategische Problematisierung aus dem Roman überlagern und verdrängen.

Zunächst analysiert das dritte Kapitel die neuen Kontexte dieser Frage nach der Wahrheit von Leidenschaften und Geschlecht. Der Ausbreitungsprozeß läßt sich schon an der Verbreitung des Frömmigkeitshandbuchs und an seinen Bearbeitungen im Verlauf der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ablesen. Zwei Zielgruppen lassen sich dabei unterscheiden: Es gibt Bearbeitungen für Kinder und Bearbeitungen für Frauen, und je nach Zielgruppe differieren die typischen Modifikationen. Die Bearbeitungen für Kinder verändern vor allem die Aufbereitung und Darbietung des Stoffs. Es geht darum, daß Kinder die Unterweisungen, nach denen sie sich von Jugend an und in allen weiteren Lebensabschnitten richten sollen, leichter verstehen und im Gedächtnis behalten können. Die vermittelten Inhalte bleiben jedoch die gleichen; es werden mithin nicht etwa speziell die Dinge hervorgehoben, die sich auf die Kindheit beziehen. Bei den Bearbeitungen für Frauen ist dagegen gerade dies der Fall. Vermittelt wird ein Wissen, das in den einzelnen Lebensabschnitten der Frau besondere Bedeutung hat. Zu dem moraltheologischen Wissen, das traditionell den Gegenstand des Frömmigkeitshandbuchs bildet, tritt in solchen Bearbeitungen auch ein praktisch-strategisches Wissen über die Führung des Haushalts, die Erziehung der Kinder und die Sicherung der eigenen Position in der Familie, das seinen traditionellen Ort im Verhaltensratgeber hat. Hinzu kommt aber auch ein hauswirtschaftliches Wissen. Pflichtkompendien für Frauen wie The Whole Duty of a Woman richten sich insgesamt nicht mehr an 'den Christen', sondern an 'die Frau'; daß etwas Frauen betrifft, ist nun das Selektionskriterium für das aufgenommene Wissen.

Für sie gilt ebenso wie etwa für Steeles Ladies' Library, wo allerdings nicht mehr aus einer Autoritätsposition Wissen vermittelt wird, sondern eine (fiktive) junge Frau sich das für sie relevante Wissen selbständig zusammenstellt, daß die Perspektiven von Frömmigkeitshandbuch und Verhaltensratgeber kombiniert werden. Für die Problematisierung von Leidenschaften und Geschlecht heißt das, daß die Position der Frau an deren Keuschheit geknüpft wird. Die Wahrheit des Geschlechtlichen wird so nicht nur im Verhältnis des Individuums zu sich selbst und zu Gott relevant, sondern erhält eine Rolle in taktisch-strategisch gefaßten Beziehungen der Frau zu anderen. Eine rein strategische Problematisierung der Stellung der Frau ist jedoch im frühen 18. Jahrhundert weiterhin möglich, wie das Beispiel Delarivier Manleys zeigt.

Die Problematisierung des Geschlechtlichen unter dem Aspekt der Wahrheit findet auch in andere Diskurse Eingang. Um das Problem der Onanie bilden sich die Anfänge einer Sexualmedizin, einer Sexualpädagogik (Diskurse, die zwei Jahrhunderte später, nach einschneidenden Modifikationen des Wissens, diese ihre eigenen Anfänge als sexualrepressiv denunzieren werden). Die Analyse der Onania (1710-1730) zeigt deutlich das ausgiebige Zurückgreifen der entstehenden Sexualwissenschaft auf die Bekenntnisformen und die Praktiken des Umgangs mit dem Fleisch, die aus dem Frömmigkeitshandbuch stammen. Es ist die Suche nach der Wahrheit von Leidenschaften und Geschlecht, nicht die Frage nach ihren taktischen und strategischen Implikationen, um die herum sich aus der Problematisierung des Fleisches eine Sexualwissenschaft zu entwickeln beginnt. Charakteristisch ist für diesen Prozeß eine Verlagerung des Ziels der Operationen. Nicht mehr für die Rettung der Seele vor dem ewigen Untergang, sondern für die Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit des Körpers werden die spezifischen Formen der Problematisierung von Leidenschaften und Geschlecht unter dem Aspekt der Wahrheit jetzt eingesetzt. Die Modalitäten des Sprechens über Leidenschaften und Geschlecht im Zeichen der Wahrheit bleiben dabei die gleichen, ja sie gewinnen durch ihre Einbindung in den Kontext der sexualwissenschaftlichen Intervention eine neue Virulenz. Die Gefahr der Kontraproduktivität droht beständig. Alle Bemühungen um Keuschheit und Wahrheit bergen das permanente Risiko, in Unkeuschheit und (Selbst-) Täuschung umzuschlagen. So ergibt sich die Pflicht der sorgfältigen Andeutung und Verschleierung aus dem Gebot, trotz aller Gefahren des Sprechens nicht einfach Schweigen zu können, sondern sprechen zu müssen. Dies gilt sowohl für Sprecher im Besitz autoritativen Wissens, als auch für diejenigen, die gegen inneren Widerstand die Wahrheit über ihre eigenen Verfehlungen in diesem Bereich sagen müssen. So geartete Redesituationen prägten schon das Frömmigkeitshandbuch, sie finden sich wieder in den Ausführungen des Verfassers wie der Korrespondenten der Onania, und sie werden auch noch die Kommunikationssituation bestimmen, die Sterne im Tristram Shandy konstituiert, um aus ihr seine Komik zu gewinnen.

Die Doppelheit von wahrem Bekenntnis der eigenen Leidenschaften und Vermittlung von wahrem Wissen über Leidenschaften und Geschlecht durch eine Autoritätsposition hat eine breitere pädagogische Komponente und läßt sich im Roman der Jahrhundertmitte in pädagogischen Fragestellungen nachweisen. Die Kombination der Vermittlung von wahrem Wissen und des individuellen Bekenntnisses der Wahrheit bestimmt Handlung und Erzählweise von Sarah Fieldings The Governess (1749). Der Text enthält pädagogische Rezeptionsanweisungen und Rezeptionsmodelle, das vermittelte und verbürgte Wissen ist jedoch vorrangig ein moralphilosophisches und kein sexualwissenschaftliches. Doch die Voraussetzungen für die Herstellung einer Verbindung zwischen Geschlechtlichkeit und Gesundheit im kombinierten Modus von Wissensvermittlung und Bekenntnis sind geschaffen, auch wenn diese Verbindung in Sarah Fieldings Roman nicht hergestellt wird. Fokus bleibt zunächst die Kombination aus Gestaltung der sozialen Position und der inneren Reinheit, wobei letztere konzeptuell und institutionell für erstere in Anspruch genommen wird. Der Wechsel hin zum Problematisierungsfokus 'Gesundheit' kommt erst im Tristram Shandy zum Tragen.

Sind die Modalitäten des Sprechens im Zeichen der Wahrheit von denen des Sprechens im Zeichen der strategischen Reflexion verschieden, so gilt dies auch für das Erzählen von Geschichten. Kapitel 4 verfolgt die Veränderungen des Einsatzes von Wissen über Leidenschaften und Geschlecht, die sich im Lauf der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Roman ergeben. Manleys New Atalantis (1709), aus der die erwähnte Geschichte der Charlot und des Herzogs stammt, steht noch ganz im Zeichen der strategischen Problematisierung. Dem entspricht es, daß im Roman die Erzählstimme mehr als jede andere Instanz über das je gültige strategische Wissen verfügt. Die Figuren unterscheiden sich durch größere oder kleiner Teilhabe an diesem Wissen voneinander. Physiologisches Wissen über das Geschlechtliche spielt zwar eine Rolle, wird aber explizit gegenüber dem strategischen als unzulänglich abgewertet.

In Romanen der vierziger Jahre steht dagegen der Aspekt der Wahrheit im Vordergrund. In Haywoods Natura (1748) ist das Wissen über die Wahrheit der Leidenschaften ein nicht mehr dominant strategisches, sondern anthropologisches Wissen also zentraler Erzählanlaß. Allerdings ist in diesem Roman das Wissen noch wie bei Manley in der hierarchisch höchsten Position des Texts, der Erzählinstanz, konzentriert. Sarah Fieldings David Simple (1744) bietet dagegen solches Wissen nicht mehr vorrangig im Rahmen der Erzählerrede dar, sondern verteilt dessen Ermittlung und bekenntnishafte Aussage auf die Figuren des Romans. Die bekenntnishaften Aussagen der Figuren antworten einem Interesse anderer Figuren daran, daß Wissen und Wahrheit ausgesagt werden. Im Zeichen der strategischen Problematisierung dagegen waren Bekenntnisse nicht Ergebnisse eines expliziten oder impliziten Gebots, die Wahrheit zu sprechen sie erfolgten aufgrund von Erwägungen hinsichtlich ihrer taktischen Effekte und möglichen Vor- und Nachteile.

Damit wird eine wichtige Konsequenz der Umstellung von der strategischen Problematisierung auf die Problematisierung unter dem Aspekt der Wahrheit greifbar. Diese Umstellung bedeutet nicht, daß die Wahrheit unerschütterlich feststeht, sondern daß man sich unablässig und durchaus ohne notwendiger-weise zu einem eindeutigen oder für alle akzeptablen Ergebnis zu gelangen fragt, was diese Wahrheit sei. Charakteristisch ist gerade, daß die Wahrheit kontrovers wird, daß eine Pluralisierung der Instanzen, eintritt, die je um die Etablierung dieser Wahrheit bemüht sind. Zugleich gewinnen die Schwierigkeiten, die das Individuum bei der Erkenntnis des Geschlechtlichen in sich und bei anderen hat, neues Gewicht. Die Suche nach der Wahrheit über sich und seine Gefühle bedient sich einer komplexen und dabei keineswegs gesicherten Hermeneutik. Solange es nicht um die Wahrheit, sondern um die richtige, d.h. erfolgversprechende Situationsanalyse ging, erwies sich deren Brauchbarkeit unmittelbar im Erfolg bzw. Mißerfolg der einzelnen Beteiligten. Die Figuren allerdings, die im David Simple noch die ältere strategische Perspektive vertreten, bringen die Gefahr von Katastrophen nicht nur für sich selbst, sondern für den ganzen Kreis von Personen, mit denen sie zu tun haben.

Teils vehement geführte Kontroversen um die Wahrheit des Geschlechtlichen prägten bereits die in Kapitel 3 analysierte Onania. Clarissa, der herausragende Roman der Jahrhundertmitte, dem die Analysen von Kapitel 5 gelten, nimmt alle bislang skizzierten Elemente auf und führt dabei in verschiedener Hinsicht insbesondere das charakteristische Kontroverswerden der Wahrheit fort. Alle Korrespondenten, alle an den diversen Auseinandersetzungen Beteiligten, zeigen ein akutes Bewußtsein der taktischen und strategischen Situation in den einzelnen Phasen der Handlung. Die Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren werden immer auch hinsichtlich ihrer vorteilhaften oder nachteiligen Auswirkungen auf andere betrachtet. Im Hinblick auf die Wahrheit des Geschlechts invalidiert der Verlauf der Handlung allerdings ein strategisches Wissen über das Wesen der Frau, dessen Träger Lovelace ist. An Clarissa wird das Kalkül, das seinen Aktionen bislang den Erfolg brachte, zuschanden. Kontrovers ist aber vor allem die Frage, was Clarissa für Lovelace wirklich empfindet. Der Roman ist gesättigt mit Verfahren zur Ermittlung von Wissen, die von verschiedenen Positionen aus konfligierende 'Wahrheiten' affirmieren. Die Verbürgung des Zugriffs auf die Wahrheit wird also zum zentralen Problem. Wie läßt sich gegen eine Pluralität von vorgetragenen Wahrheiten die 'wahre' Wahrheit ermitteln? Der Auskunft des einzelnen über sich einerseits und der Frage nach der Zuverlässigkeit der Selbsterkenntnis andererseits kommt hierbei besondere Bedeutung zu. Das Dilemma, sich nie ganz selbst erkennen zu können und im Angesicht dieser Unfähigkeit dennoch immer nach bestem Gewissen nach dieser Erkenntnis streben zu müssen, war bereits für die im Frömmigkeitshandbuch vorgezeichnete Situation von Gewissenserforschung und stiller Beichte konstitutiv. Doch dort hatte das Sprechen der bei der Selbsterforschung ermittelten Wahrheit in der stillen Beichte vor Gott seinen Ort. Sowohl Natura als auch David Simple legten Gewicht auf die Schwierigkeiten beim Erkennen des Geschlechtlichen. Wo aber das Bekenntnis intersubjektiv eingefordert wird und wo gleichzeitig die Wahrheit umstritten ist, da wird auch die per definitionem nie abschließend zu erlangende Selbsttransparenz zum Gegenstand kontroverser Interpretation. Clarissa kann ihr Herz und dessen Zustand nie gänzlich und zuverlässig erkennen und stirbt schließlich daran, daß diese Herz, auf das sich so viele konfligierende Wissensermittlungsprozeduren richten, bricht.

Damit läßt sich eine andere als die bisher übliche Antwort auf die Frage nach dem Wissen über Leidenschaften und Geschlecht in dem Roman geben. Das Neue in Clarissa ist nicht die Verdrängung der Sexualität durch Clarissa, die dann ihrerseits Opfer ihrer verdrängten Sexualität würde. Neu ist vielmehr die Tatsache, daß die Opazität des Geschlechtlichen eine derart zentrale und entscheidende Stellung erhält. Diese Opazität selbst aber begegnet hier nicht zum ersten Mal. Schon das Frömmigkeitshandbuch benennt sie als unvermeidliche Konstituente jeder Situation der Gewissenserforschung. Auch aus strategischer Perspektive dies soll der kontrastierende Rückgriff auf eine der Geschichten aus Manleys New Atalantis zeigen rechnet man mit der Tatsache, daß hinsichtlich des Geschlechtlichen die Individuen selbst häufig nicht in der Lage sind, ihren Zustand zu erkennen. Doch hat diese Tatsache dort nicht den Stellenwert eines zentralen epistemologischen Problems, sondern wird unter dem Aspekt ihrer taktischen und strategischen Implikationen betrachtet.

Mit den Ergebnissen der Analyse von Clarissa schließt sich ein erster Argumentationskreis: Es sollte nun klar sein, daß aus der Perspektive des Einsatzes von Wissen die entscheidende Veränderung, die der empfindsame Roman gegenüber seinen Vorgängern bringt, nicht in einer Einschränkung des Wissens und der Handlungen besteht, sondern in einem veränderten Problematisierungsfokus. Es ist die Problematisierung von Leidenschaften und Geschlecht unter dem Aspekt der Wahrheit, die im Zentrum der untersuchten empfindsamen Romane steht und die zugleich auch das Charakteristikum einer entstehenden Sexualwissenschaft ist.

Ausschließlich in diesem Sinne sieht die vorliegende Arbeit den empfindsamen Roman im Kontext dessen, was Foucault die Entfaltung des Sexualitätsdispositivs genannt hat. Empfindsame Subjekte wie Clarissa erforschen sich selbst, vertreten eine bestimmte Wahrheit gegen andere Wahrheitsansprüche, sie bekennen die Wahrheit, und ihre Bekenntnisse werden interpretiert; sie stehen schließlich in einem Spannungsverhältnis zu der Geschlechtlichkeit, die ebenfalls ein Teil ihrer selbst ist. Die Merkmale und Verfahren, mittels deren in Richardsons Roman Clarissa als Subjekt konstituiert wird, sind denjenigen homolog, mit denen Foucault das Verhältnis von Subjekt und Sexualität im Kontext des Sexualitätsdispositivs charakterisiert. Für Clarissa sind geschlechtlich markierte Faktoren "[l]a causalité dans le sujet, l'inconscient du sujet, la vérité du sujet dans l'autre qui sait, le savoir en lui de ce qu'il ne sait pas lui-même [...]" (Foucault, Volonté de savoir, 94). Als Determinans, als Unbewußtes, als das von einer anderen Interpretationsinstanz Gewußte und als das, was sich hinter dem der Person selbst Bewußten auf spezifische und rekonstruierbare Weise verbirgt in diesen Formen stellt das Sexualitätsdispositiv die Beziehung zwischen Geschlechtlichkeit und Subjekt her:

[...] dans cette "question" du sexe (aux deux sens, d'interrogatoire et de problématisation; d'exigence d'aveu et d'intégration à un champ de rationalité), deux processus se développent, renvoyant toujours de l'un à l'autre: nous lui demandons de dire la vérité (mais nous nous réservons, puisqu'il est le secret et qu'il s'échappe à lui-même, de dire nous-mêmes la vérité enfin éclairée, enfin déchiffrée de sa vérité); et nous lui demandons de nous dire notre vérité, ou plutôt, nous lui demandons de dire la vérité profondément enfouie de cette vérité de nous-mêmes que nous croyons posséder en conscience immédiate. [...] C'est de ce jeu que s'est constitué, lentement depuis plusieurs siècles, un savoir du sujet; savoir, non pas tellement de sa forme, mais de ce qui le scinde; de ce qui le détermine peut-être, mais surtout le fait échapper à lui-même. (Foucault, Volonté de savoir, 93)

Das Wissen über Geschlechtlichkeit und Subjekt ist zwar auch ein Wissen über die Identität des Subjekts. Es ist jedoch vor allem ein Wissen darüber, was die Identität des Subjekts problematisch macht. An derartigen sexuellen Subjekten setzen nicht nur die Pioniere der Sexualwissenschaft, sondern auch die Wissensrelationen in den empfindsamen Texten an.1

So stehen sich auch, wie Kapitel 6 zeigen will, in den späteren empfindsamen Romanen nicht einfach die Prüderie des Vicar of Wakefield und die Gehemmtheit des Man of Feeling einerseits und die Schlüpfrigkeit Sternes andererseits gegenüber. Alle haben das Wissen über das sich bezüglich des Geschlechtlichen selbst verkennende Subjekt gemeinsam, und machen es geradezu zur Grundlage des Erzählvorgangs. Das agonale Element ist in diesen Texten auf der Handlungsebene weitgehend zurückgetreten, strategische Überlegungen sind mit dem empfindsamen Charakter nicht mehr zu vereinbaren, und um den Charakter der Figuren geht es jetzt in den Texten immer ganz zentral. Dieser Charakter soll geschildert werden, Situationen und Ereignisse sind Funktionen des Charakters. Die Figuren sind aber nun immer wieder gerade durch ein mangelndes Wissen bzw. Bewußtsein von Geschlechtlichem geprägt. Sie sind damit aber nicht schlicht durch eine Leerstelle gekennzeichnet; es handelt sich vielmehr um ein Wissen über die verborgene Sexualität im Charakter der Figuren, das die Texte den Lesern vermitteln.

Die Erzählstimme ist nun nicht mehr die Instanz, die über alles Wissen verfügt und dieses an die Leser weitergibt, sondern es findet ein kalkulierter Einsatz von Opazität statt, der pointiert die interpretative Mitarbeit der Leser fordert und der mit dieser Mitarbeit rechnet und spielt. Dabei sind es wieder geschlechtliche Bedeutungen, die nicht nur bei Sterne, sondern auch bei Goldsmith und Mackenzie par excellence ins Implizite verlagert werden und zur Entschlüsselung einladen. Zugleich wirft das Geschlechtliche noch die Probleme der Selbstransparenz auf, die schon für Clarissa festzustellen waren: Die empfindsame Figurencharakterisierung besteht darin, daß der Text die Figuren für die Leser als sexuelle Subjekte und das heißt: als Subjekte mit einer sie zutiefst prägenden Geschlechtlichkeit, zu der sie selbst nicht gänzlich Zugang haben entschlüsselbar macht. Dies gilt vor allem für Onkel Toby und für Harley, es gilt in anderer Weise für Yorick in der Sentimental Journey, und es geht insbesondere bei Sterne so weit, daß die Leser im Rahmen dieser Interpretationsvorgänge gehalten sind, sich selbst als Subjekte sexueller Bedeutungskonstitution zu erfahren.

Während Yorick eine Strategie der opaken Liebeswerbung entwirft und (auch erzählerisch) einsetzt, ist bei Toby das Verhältnis von Strategie und Geschlechtlichkeit zugleich dissoziiert und in eine enge verborgene Verbindung gebracht. Aus dem Bereich, der traditionell die Metaphern für die Beziehungen der Geschlechter liefert, wird bei Toby literaliter die Belagerungswissenschaft. Tobys Interesse an der Belagerung von Festungen ist im Text die untrennbare Begleiterscheinung seiner Asexualität. Sie ist gerade dadurch (als Wissen im Subjekt von dem, was es selbst nicht weiß) mit einer Sexualität verknüpft, der Toby bei aller modesty und Ahnungslosigkeit genausowenig entrinnen kann, wie er je Zugang zu ihr findet; denn diese verborgene und bestimmende Wahrheit ist die Wahrheit seines Charakters.

Damit besteht zwischen Yorick und Toby ein entscheidender Unterschied: weniger in der Form des Wissens, mit dem sie charakterisiert werden, als hinsichtlich der Beziehungen, in deren Rahmen dieses Wissen eingesetzt wird, um die Figuren zu charakterisieren. Toby hat selbst keine Kontrolle über die Interpretationsvorgänge, die in bezug auf seine Geschlechtlichkeit (sei es von Mrs. Wadman, sei es von seinem Bruder Walter, sei es vom Erzähler) ins Werk gesetzt werden. Yorick dagegen ist als Protagonist und Erzähler selbst derjenige, der die Mechanismen zur Erzeugung von geschlechtlicher Bedeutung in Gang setzt, und keine Instanz im Text macht ihn zum Gegenstand von Interpretationen, die er nicht selbst lenkt. Selbst wenn mit einem bestimmten Wissen ein bestimmter Typ der Machtausübung assoziiert sein kann, wie etwa die Auseinandersetzung zu Beginn der Governess zeigt, so begründet dieses Wissen doch niemals eine unveränderliche Machtverteilung oder eine unerschütterliche Machtposition. Es eröffnet allerdings eine Reihe von möglichen Positionen und Interventionen, die (das belegen die Kontroversen in der Onania und in Clarissa) in ihrer Spezifität bestimmt werden müssen und nicht etwa durch die Form des Wissens schon hinsichtlich ihrer Machteffekte präjudiziert sind.

Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß die Problematisierung von Leidenschaften und Geschlecht unter dem Aspekt der Wahrheit das Geschlechtliche in die Perspektive des Erkenntnisgegenstands bringt. Zweifellos sind aber empfindsame Romane nicht im engeren Sinne (quasi als von Foucault übersehener Diskurs neben der Sexualmedizin, der Sexualpädagogik, der Demographie und der Psychiatrie2) zur scientia sexualis zu rechnen. Sie zielen nicht wie die Wissensermittlungsprozeduren der scientia sexualis vor allem darauf ab, Wissen in positiver, expliziter, formalisierter Form zu erzeugen, sondern sie setzen es ein und arbeiten dabei auch mit präzise umrissenen Bereichen des Nicht-Wissens. Doch Foucault verwendet den Begriff der scientia sexualis auch in einem weiteren Sinn als typisch für die modernen westlichen Gesellschaften und ihren Umgang mit Sexualität insgesamt und kontrastiert ihn mit dem Begriff der ars erotica, die in anderen Kulturbereichen3 Form und Träger der Wahrheit des Geschlechtlichen sei. Kern der scientia sexualis ist das Bekenntnis, dessen Geschichte und Rolle Foucault in diesem Zusammenhang ausführlich skizziert.4 Auch die christliche Selbsterforschung und die Beichte zielten nicht auf die Verwissenschaftlichung des diskursivierten Fleisches ab, selbst wenn die Basis der Interpretationsakte ein Wissen über die Operationsweise des Fleisches ist: Die Problematisierung des Geschlechtlichen unter dem Aspekt der Wahrheit fand dort unter strengster Geheimhaltung, in maximaler Privatheit statt. Was aber in allen Fällen charakteristisch ist und historisch in je neue Kontexte eintritt, ist die Verknüpfung der personalen Identität der Wahrheit, die man aussagt, und der Wahrheit, die über einen ausgesagt werden kann mit Akten der Interpretation des Geschlechtlichen. Nicht zufällig sind Clarissas 'Verdrängung der Sexualität' und Tobys 'Asexualität' Gegenstand von 'sexualwissenschaftlich' fundierten Interpretationen geworden, die eben jene Verknüpfung von Wahrheit und Geschlechtlichkeit ins Werk setzen, welche die vorliegende Untersuchung als ein Charakteristikum auch empfindsamer Romane erweisen will.

Mit der Analyse der Romane der sechziger und frühen siebziger Jahre hat die Arbeit die historische Bahn beschrieben, die die kontrastive Aufarbeitung des traditionell mittels der Polarität von Unterdrückung und Freiheit interpretierten Materials vorgezeichnet hat. Meine Schlußbemerkungen in Kapitel 7 gelten einem größeren historischen Bogen. Hier gilt es zunächst festzuhalten, daß auch die 'sexualwissenschaftlich fundierten' Interpretationen empfindsamer Romane noch in den Kontext eben jenes Sexualitätsdispositivs gehören, das sich im 18. Jahrhundert herauszubilden beginnt. Die Repressionshypothese selbst wird in diesem Kontext als das Ergebnis einer Reihe von Transformationen des Wissens lesbar, zu deren Voraussetzungen in spezifischer Form auch die empfindsamen Positionen zu rechnen sind. Schließlich soll ein Blick auf andere zeitgenössische Problematisierungen andeuten, in welcher Weise anderes zeitgenössisches Material in die hier entwickelte Perspektive einbezogen werden könnte. Am Beispiel Mandevilles läßt sich zeigen, wie Wissen, das sich von dem als typisch empfindsam herausgearbeiteten nicht sehr unterscheidet, zugleich die Basis für eine ganz andere Strategie, nämlich die der satirischen Entlarvung, bilden kann. Auch deren Geschichte, für die andere Marksteine zu setzen wären, ließe sich unter anderem als Reihe von spezifischen Einsätzen von Wissen über Leidenschaften und Geschlecht schreiben.


  1. Auch die Pflichtkompendien und die Onania gehören in diesen Kontext, während Verhaltensratgeber und Liebesintrige mit ihrer Konzentration auf die soziale Stellung der Beteiligten, nicht einem Sexualitäts-, sondern einem Allianzdispositiv zuzuordnen wären, das Foucault als "système de mariage, de fixation et de développement des parentés, de transmission des noms et des biens" (Foucault, Volonté de savoir, 140) charakterisiert. Die vorliegende Arbeit bestätigt damit insgesamt für England, was Rainer Warning schon für die französische Empfindsamkeit postuliert hat: daß der Empfindsamkeit eine spezifische Rolle im Kontext der Überlagerung eines älteren Allianzdispositivs durch ein Sexualitätsdispositiv zugewiesen werden kann (vgl. Warning 1994: 417 f.).
  2. Vgl. Foucault, Volonté de savoir, 159 f.
  3. Foucault nennt "la Chine, le Japon, l'Inde, Rome, les sociétés arabo-musulmanes" (Foucault, Volonté de savoir, 76), vgl. Foucault, Volonté de savoir, 76 ff.
  4. Vgl. Foucault, Volonté de savoir, 78-94. Diese Skizze gipfelt in den zitierten Ausführungen zur Konstitution von sexuellen Subjekten.