Kirchhofer, Strategie und Wahrheit | frameset

Strategie und Wahrheit als Aspekte der Problematisierung von Leidenschaften und Geschlecht

 

 

Zu Beginn der historischen Untersuchungen geht es darum, exemplarisch unterschiedliche Formen der Problematisierung des Wissenskomplexes von Leidenschaften und Geschlecht herauszuarbeiten. Zugleich lassen sich dabei die verschiedenen Positionen am Ende des 17. Jahrhunderts bestimmen, die der folgenden Entwicklung, in welcher die empfindsamen Romane ihren Ort haben, als Bezugs- bzw. Kontrastpunkte dienen. Neben einen Liebesroman treten dabei Repräsentanten zweier Textsorten, die in der angloamerikanischen Forschung häufig unter dem Stichwort 'Puritan conduct books' zusammengefaßt werden, die aber bei allen Gemeinsamkeiten markante Unterschiede hinsichtlich der Problematisierung von Leidenschaften und Geschlecht aufweisen. Ich werde hier im Folgenden die kontrastiven Bezeichnungen 'Verhaltensratgeber' bzw. 'Frömmigkeitshandbuch' verwenden. Für Liebesroman und Verhaltensratgeber ist in je unterschiedlicher Weise die Inbezugsetzung des Geschlechtlichen mit der Position des Individuums in Familie und Gesellschaft charakteristisch. Das Frömmigkeitshandbuch dagegen zielt in erster Linie auf die Rettung der Seele und bringt das Geschlechtliche in Verbindung mit der sowohl konzeptuellen als auch im persönlichen Bekenntnis aktualisierten Wahrheit des Individuums. Verhaltensratgeber und Frömmigkeitshandbuch haben wiederum im Gegensatz zum Liebesroman gemeinsam, daß sie ausdrücklich darauf angelegt sind, ihren Lesern und Leserinnen Wissen zu vermitteln, das diese zur Grundlage ihres Handelns machen sollen. Während die Beziehungen, die das Wissen tatsächlich konstituiert, also jeweils variieren, überschneiden sich zugleich die lokalen Zentren von Macht-Wissen, auf die sich die Texte beziehen.

Roman: Behns Love Letters between a Nobleman and his Sister (1684-87)

Verkettungen von Liebesintrigen

Sylvia und Philander, beide aus dem französischen Hochadel, haben einander in vielen Briefen versichert, daß ihre Herzen für die Liebe und sie füreinander geschaffen wurden: "the decrees of heaven, or fate, or both, design'd us for this mutual passion" (Behn, Love Letters, 44). Doch stehen ihrer Verbindung Hindernisse entgegen. Philander ist bereits mit Sylvias Schwester Myrtilla verheiratet, die allerdings ihre frühe Liebe zu dem frondierenden Prinzen Cesario noch nicht vergessen konnte. Die Entdeckung der heimlichen Korrespondenz zwischen Sylvia und Philander durch deren Vater führt zu Repressalien gegen Sylvia. Deren vorübergehender Entschluß, sich in ihre Pflicht zu schicken und auf Philander zu verzichten, bringt diesen derart außer sich, daß er ein Duell mit dem glücklich geglaubten Rivalen Foscario austrägt. Nur der Besitz Sylvias kann ihn befriedigen, und bei einem heimlichen Stelldichein im Garten gewährt sie ihm diese letzte Gunst. Auch dies wird entdeckt, und nun verfügt ein Familiengericht aus Vater, Mutter und betrogener Schwester, daß Sylvia so schnell wie möglich mit Foscario verheiratet werden solle. Philander wird auf Anklage von Sylvias Vater in der Bastille festgesetzt, kommt durch Cesarios Einfluß wieder frei, soll wieder verhaftet werden und kann mit Sylvia in das protestantische Holland fliehen. Um dem Vater die Mittel einer rechtlichen Verfolgung zu nehmen, heiratet Sylvia, da Philander ja bereits verheiratet ist, dessen vertrauten Diener Brilliard ("a gentleman, though a cadet, [...] whose only crime is want of fortune", Behn, Love Letters, 110).

Die Präsenz Philanders, dessen enge Kontakte zu Cesario bekannt sind, ist in Holland ein Politikum. Der Einfluß seines Freundes Octavio kann nicht verhindern, daß Philander zum unerwünschten Ausländer erklärt wird. Er geht nach Köln, wo Octavio Verbindungen hat, wohin die schwer erkrankte Sylvia ihn aber nicht begleiten kann. Sylvia erholt sich, wird aber bald von Unruhe und Eifersucht geplagt, denn Philander läßt wenig von sich hören. Octavio hindert seine Freundschaft mit Philander nicht, seine Leidenschaft für Sylvia zu erklären. Und auch Brilliard, in dessen Obhut Sylvia zurückgelassen wurde, sieht nun eine Chance, in Sylvias Gunst zu steigen:

'For' (says he, in reasoning the case) 'if she can by degrees arrive to a coldness to Philander, and consider him no longer as a lover, she may perhaps consider me as a husband; or should she receive Octavio's addresses, when once I have found her feeble, I will make her pay me for keeping of every secret.' So either way he entertained a hope, though never so distant from reason and probability [...] (Behn, Love Letters, 144)

Sylvia kann sich von Octavios Zuwendung einen doppelten Effekt versprechen. Zum ersten mag Eifersucht die erkaltende Flamme von Philanders Liebe wieder schüren. Zum zweiten korrespondiert Octavio mit Philander und ist so eine mögliche Quelle für Informationen über den fernen Geliebten. Sollte sich der Verdacht seiner Untreue bestätigen, so kann sie doppelte Rache üben, indem sie erstens ihrerseits mit Octavio untreu wird und zweitens ein Duell zwischen Octavio und Philander unausweichlich würde. Sylvia bringt Octavio dazu, Philander selbst in einem Brief seine Leidenschaft für sie mitzuteilen.

Philander hat in der Tat mit Calista, der jungen, schönen Frau des alten spanischen Grafen von Clarinau, einen neuen Gegenstand seiner Liebe gefunden, der ihn Sylvia vergessen ließ. Er beantwortet die Eröffnung, die ihm Octavio macht, seinerseits mit einem Bekenntnis: "[...] since I cannot better pay you back the secret you had told me of your love, than by another of my own; take this confession from thy friend I love! languish! And am dying, for a new beauty" (Behn, Love Letters, 166). Da diese neue Schönheit Octavios einzige Schwester ist, bedroht ein Erfolg von Philanders Liebesintrige aber Octavios Familienehre. Gleichzeitig behält die Verpflichtung, die aus dem Vertrauensbeweis Philanders erwächst, die Oberhand über die Versuchung, durch eine Enthüllung von Philanders Untreue Sylvia an sich zu binden. Auf solch niedere Weise zu reüssieren, ist seiner unwürdig. Octavios Situation gegenüber allen anderen Beteiligten wird dadurch aber sehr schwierig und verlangt äußerstes Geschick: "never lover had so hard a game to play, as our new one" (Behn, Love Letters, 174).

Während Octavio also beschließt, Philanders Geheimnis zu wahren, setzt Sylvia alles daran, Philanders Antwortbrief an Octavio zu sehen, in welchem sie zurecht Beweise für Philanders Untreue vermutet. Brilliard, der von Sylvias Zofe Antonet über alle Vorgänge laufend informiert wird, fängt einen Brief Sylvias an Octavio ab und macht in einer gefälschten Antwort eine Nacht mit Sylvia zum Preis für die Herausgabe des Briefes mit Philanders Geheimnis. Sylvia ist entrüstet, daß man es wagt, solche Forderungen zu stellen; doch da sie den Brief um jeden Preis will, soll Antonet als falsche Sylvia die unverschämte Forderung erfüllen. Zufällig wird nun Octavio Zeuge, wie ein Fremder (nämlich Brilliard) zu der vermeintlichen Sylvia geführt wird. Brilliard kann die Früchte seines Plans nicht ernten, denn eine Überdosis eines potenzsteigernden Mittels, mit dem er die bestmögliche Nutzung der Zeit sichern wollte, verursacht ihm "intolerable gripes and pains" (Behn, Love Letters, 216), so daß er sich nach einigen Stunden vergeblicher Anstrengung unverrichteter Dinge zurückziehen muß. Octavio vermeint indessen, Sylvia als gemeine Prostituierte entlarvt zu haben, und hält sich, indem er alle Schmerzen, Wut und Empörung der verschmähten edlen Zuneigung fühlt, von ihr fern. Sylvia dagegen führt Octavios Distanz darauf zurück, daß er den Trick mit der unterschobenen Antonet erkannt und ein Magengrimmen vorgeschützt habe. In der Zwischenzeit hat Philander bei der schönen Calista das Ziel seiner Wünsche erreicht, doch das Verhältnis bleibt nicht lange verborgen und endet nach einigen Tumulten mit Calistas Einweisung in ein Kloster. Das doppelte Mißverständnis zwischen Octavio und Sylvia klärt sich auf, und Octavio ist bereit, Sylvia unter Absehung von ihrer Vergangenheit zu heiraten.

Dagegen hat allerdings sein alter, misogyner Onkel Einwände, die sich jedoch in Bezauberung verwandeln, als er Sylvia mit eigenen Augen sieht. Ob Octavio sie schon besessen habe, will der Onkel wissen, und Octavio kann sich nicht entschließen, irgendetwas zum Nachteil seiner Geliebten zu sagen. Nun soll Octavio eine reiche Witwe heiraten, und der Onkel selbst bestimmt sich zum Ehemann Sylvias. Und so geht es weiter. Erst nach vielen weiteren Verwicklungen und Wechselfällen endet der Roman damit, daß Octavio sich zum Bedauern aller bei seinem feierlichen Ordensgelübde anwesenden Damen in ein Kloster zurückzieht, während die immer noch attraktive Sylvia auf der schiefen Ebene der Edelprostitution weiterwandelt.

Gegenstand der Erzählung, das läßt sich zunächst festhalten, bilden in Aphra Behns 1684-87 in drei Bänden erschienenen Love Letters between a Nobleman and his Sister offensichtlich Verkettungen von Liebesintrigen. Jede gegebene Konstellation modifiziert sich durch die Aktivitäten der einzelnen Beteiligten beständig, wobei die gegebene Zusammenfassung bereits stark raffte und viele Details unerwähnt ließ. Die Modifikationen führen zur Verwicklung weiterer Personen in die Geschehnisse und erlauben das Ineinandergreifen von Liebesintrigen. Welche Formen des Wissens über Leidenschaften und Geschlecht sind nun mit solchen Verkettungen von Liebesintrigen korreliert, und welche Personen stehen dabei in welchen Beziehungen zueinander?

Strategische Problematisierung von Leidenschaften und Geschlecht: "the arts and politics of love"

"[...] as much a lover as you are, how little do you understand the arts and politics of love!" (Behn, Love Letters, 181) hält Sylvias Zofe Antonet ihrer Herrin in einem komischen Dialog über den Stand der Liebesbeziehungen Sylvias vor. Sylvia ist zunächst gutmütig bereit, die Ratschläge und Weisheiten ihrer Dienerin zu ihrer Unterhaltung anzuhören, wird aber unwillig, als diese zu unverschämt wird. Das kurze Zwischenspiel belegt nicht etwa, daß Sylvia tatsächlich kein Geschick in Liebesdingen besitzt; dieses Geschick stellt sie vielmehr ununterbrochen unter Beweis. Indem es aber den Maßstab des größeren oder geringeren Geschicks anlegt, macht es deutlich, unter welchem Aspekt Leidenschaften und Geschlecht in diesem Roman problematisiert werden: Das Wissen, das für die Liebesintrige relevant ist, hat die Form der "arts and politics of love".

Die durchgängige Prävalenz dieser Perspektive belegen etwa die Gedankengänge Octavios, nachdem er den Bekenntnisbrief Philanders erhalten hat. Welche Ziele streben die einzelnen an, und welche Mittel dienen zum Erreichen dieser Ziele? In der Liebe Philanders zu Calista und Octavios zu Sylvia greifen ja zwei Liebesintrigen dadurch ineinander, daß erstens Sylvia die vormalige Geliebte Philanders, Calista aber die Schwester Octavios ist. Octavios Analyse der Lage setzt bei seiner Schwester Calista an:

[...] having been bred in a nunnery, [she] was taken then to be married to this old rich count, who had a great fortune: [...] he considered her young, about eighteen, married to an old, ill-favoured, jealous husband, no parents but himself to right her wrongs, or revenge her levity; he knew, though she wanted no wit, she did art, for being bred without the conversation of men, she had not learnt the little cunnings of her sex; he guessed by his own soul that hers was soft and apt for impression; [...] she had a simple innocence, that might betray a young beauty under such circumstances; to all this he considered the charms of Philander unresistible, his unwearied industry in love, and concludes his sister lost. At first he upbraids Philander, and calls him ungrateful, but soon thought it unreasonable to accuse himself of an injustice, and excused the frailty of Philander, since he knew not that she whom he adored was sister to his friend; however, it failed not to possess him with inquietude that exercised all his wit, to consider how he might prevent an irreparable injury to his honour, and an intrigue that possibly might cost his sister her life, as well as fame. (Behn, Love Letters, 172 f.)

Calista ist jung und schön. Ihre Beziehung zu ihrem Ehemann bietet keinerlei erotischen Anreiz. Aufgrund ihrer Erziehung in einem Konvent hatte sie nie Gelegenheit, ein Wissen zu erwerben, das ihr ein geschicktes und umsichtiges Verhalten in Liebesintrigen ermöglichen könnte. Eine für die Liebe empfängliche Seele hat sie allerdings. Der unattraktive Ehemann, die schöne und schutzlose Calista und dazu der unwiderstehliche und unermüdlich dienstfertige Philander: Das Zusammenspiel der Faktoren ("under such circumstances", heißt es) ist derart, daß Octavio erwarten muß, daß seine Schwester Philander erliegen und damit Verderben über sich bringen wird. Octavios Rolle ist es hier, in einer Weise aktiv zu werden, die das Verderben abwendet. Was ihn dann doch am Eingreifen hindert, ist das Eintreten weiterer Verwicklungen und die Tatsache, daß er ein noch wichtigeres Ziel zu verfolgen hat. Denn "[i]n the midst of all these torments he forgot not the more important business of his love [...]" (Behn, Love Letters, 173).

Das herausragende Merkmal von Octavios Überlegungen ist, daß sie gänzlich unter taktischem und strategischem Aspekt erfolgen. Es wird vorausgesetzt, daß alle Beteiligten das Ziel haben, ihren sozialen Status zu wahren oder gar zu stärken: Der Ehemann will kein Hahnrei, Calista will keine entehrte und verstoßene Gattin werden; Philander will eine neue Schönheit erobern, und Octavio will zugleich den Ehrverlust verhindern, der mit seiner Schwester auch ihn träfe, und seine eigenen erotischen Ziele erreichen. Die Beziehungen der beteiligten Personen untereinander werden als ein Zusammenspiel von Vorteilen und Nachteilen beschrieben, innerhalb dessen jeder nach Vorteilen strebt und Nachteile zu vermeiden sucht.

Ausschließlich in dieser Hinsicht ist Octavio auch bereit, Kritik an Philander zu üben. Weder daß er Sylvia untreu wird und eine neue Intrige spinnt noch daß er Schande und Tod der geliebten Person herbeizuführen in Kauf nimmt, macht ihm Octavio zum Vorwurf. Er erscheint "ungrateful", weil ihm, der Octavio für seine Rettung verpflichtet ist, seine eigene Ehre verbieten müßte, daß er mit der Verführung von Octavios Schwester dessen Ehre einen Makel beibringt.

Im Zentrum der Liebesintrige steht offensichtlich die liebesauslösende Schönheit einer Frau. Sie ruft die Bestrebungen des Liebhabers auf den Plan, die, sofern ihnen Erfolg beschieden ist, zumindest potentiell zu Nachteilen sowohl für die Frau als auch für die in einer Beziehung zu ihr stehenden Männer führt. Es ist dieses ständige Wechselspiel von Vor- und Nachteilen im Rahmen von permanent offenen Situationen, das den Erzählgegenstand von Aphra Behns Roman bildet und das durchgehend die Perspektive auf das Erzählte bestimmt. Selbstverständlich streben die Liebenden nach erotischen Genüssen in den Armen der geliebten Person. Selbstverständlich hat Calista Bedürfnisse, die der alte Gatte nicht befriedigen kann. Genuß wie Begehren werden im Text vorausgesetzt. Sie kommen als Faktoren in Betracht, an denen eine strategische Situationsanalyse nicht vorbeigehen darf, wenn sie nicht Opfer einer Fehleinschätzung werden will. Sie werden aber nie selbst zu Brennpunkten der Problematisierung, denn die Aufmerksamkeit gilt immer der Frage, welche Mittel zur Erreichung welcher Ziele geeignet sind.

Diese Perspektive der strategischen Problematisierung des Wissens über Leidenschaften und Geschlecht charakterisiert sowohl die Figuren, die jeweils eine Situation lenken, als auch die Erzählinstanz. Philander etwa wählt die ersten Worte, die er an Calista richtet, ganz aus ihrer situativen Angemessenheit heraus. Die unerfahrene Calista, die ihn bereits zu einer früheren Gelegenheit nachts im Garten erspähte und für eine übernatürliche Erscheinung hielt, sitzt wieder nachts allein in einer Gartenlaube. Philander schildert in einem Brief an Octavio, wie er den günstigen Moment für eine Annäherung nutzt:

[...] I kneeling down in an humble posture, cried 'Wonder not, oh sacred charmer of my soul, to see me at your feet at this late hour, and in a place so inaccessible; for what attempt is there so hazardous despairing lovers dare not undertake, and what impossiblity almost can they not overcome? Remove your fears, oh conqueress of my soul; for I am an humble mortal that adores you; I have a thousand wounds, a thousand pains that prove me flesh and blood, if you would hear my story: oh give me leave to approach you with that awe you do the sacred altars; for my devotion is as pure as that which from your charming lips ascends the heavens ' With such cant and stuff as this, which lovers serve themselves with on occasion, I lessened the terrors of the frighted beauty [...] (Behn, Love Letters, 238 f.)

Zweck der Apostrophe, in der durchgehend der Blankvers des zeitgenössischen heroischen Dramas anklingt, ist es, Calista für die weitere Kontaktaufnahme zu disponieren. Es gilt zu verhindern, daß sie verschreckt Alarm schlägt, und zu bewirken, daß sie sich selbst als den Gegenstand der Verehrung des schönen Eindringlings begreift. Auch wenn Philander in seinem Brief an Octavio von "cant and stuff" spricht, ist seine Beherrschung des Liebesdiskurses die Voraussetzung für seinen Erfolg.

Das gleiche strategische Wissen dient Octavio zur Selbstversicherung bei seinem Werben um Sylvias Gunst:

[Octavio] saw himself in the great glass, and bid his person answer his heart, which from every view he took was reinforced with new hope, for he was too good a judge of beauty not to find it in every part of his own amiable person, nor could he imagine from Sylvia's eyes [...] that she meant from her heart the rigours she expressed: much he allowed for his short time of courtship, much to her sex's modesty, much from her quality, and very much from her love, and imagined it must be only time and assiduity, opportunity and obstinate passion, that were capable of reducing her to break her faith with Philander; he therefore endeavour'd by all the good dressing, the advantage of lavish gaiety, to render his person agreeable, and by all the arts of gallantry to charm her with his conversation, and when he could handsomely bring in love, he failed not to touch upon it as far as it would be permitted [...] (Behn, Love Letters, 163)

Seiner Schönheit kann sich Octavio kraft seines ästhetischen Urteilsvermögens ("too good a judge of beauty") sicher sein. Sylvias bislang ablehnende Haltung liest er als Signal, daß sie nur unter Aufbietung großer Anstrengungen zu gewinnen sei. Zu solchen Anstrengungen ist Octavio bereit: Durch ausgesuchte Kleidung, üppige Vergnügungen und Galanterie macht er seinen Umgang angenehm, und wenn sich eine Gelegenheit bietet, bringt er das Gespräch auf seine Liebe.

Die Erzählinstanz nimmt die strategische Analyse der Situation auf und setzt sie fort:

[...] every day [Octavio] had the vanity to fancy he made some advances; for indeed every day more and more [Sylvia] found she might have use for so considerable a person, so that one may very well say, never any passed their time better than Sylvia and Octavio, though with different ends. (Behn, Love Letters, 163)

Der Unterschied zwischen der Figur und der Erzählinstanz liegt nicht in der Perspektive auf die Problematik, sondern in den zur Verfügung stehenden Informationen, und die Erzählinstanz kommt aufgrund ihres überlegenen Zugriffs auf die relevanten Daten zu einem umfassenderen Bild der taktischen und strategischen Situation.

Die gleichen Elemente weist auch eine spätere Situation auf:

[...] Octavio came into the chamber, and with such an air, with such a grace and mien he approached [Sylvia] with all the languishment of soft trembling love in his face, which with the addition of the dress he was that day in, (which was extremely rich and advantageous, and altogether such as pleases the vanity of women,) I have since heard the charming Sylvia say, in spite of her tenderness for Philander, she found a soft emotion in her soul, a kind of pleasure at his approach, which made her blush with some kind of anger at her own easiness. Nor could she have blushed in a more happy season; for Octavio saw it, and it served at once to add a lustre to her paler beauty, and to betray some little kind sentiment, which possessed him with a joy that had the same effects on him: Sylvia saw it; and the care she took to hide her own, served but to increase her blushes, which put her into a confusion she had much ado to reclaim [...] he stood speechless for a moment, gazing on her with infinite satisfaction [...] (Behn, Love Letters, 190)

Es ist zunächst die Erzählinstanz, die die erotische Effizienz von Octavios Erscheinung (ganz nach den Kriterien wie zuvor Octavio selbst) beurteilt. Sylvia reagiert auf die Tatsache, daß es Octavio gelingt, erotische Regungen in ihr wachzurufen, deswegen mit Erröten, weil dies ihre Position Octavio gegenüber entscheidend modifiziert. Octavio liest dies Erröten nicht als Zeichen ihres Ärgers, sondern als Zeichen des Gefühls, das diesen Ärger auslöste, und signalisiert seinerseits die Wirkung, die Sylvias Reaktion auf ihn hat. Wieder ist es die Erzählstimme, die die taktischen Erwägungen beider und die Entwicklung der Situation ineinanderblendet. Festzuhalten ist, daß es immer vorrangig um die Beschreibung von Wirkungen im Rahmen einer Situation geht, in der die Beteiligten auf das Erringen von Vorteilen und das Vermeiden von Nachteilen aus sind.

Die taktische und strategische Problematisierung ist schließlich nicht nur auf den Bereich der Leidenschaften des einzelnen beschränkt, sondern geht einher mit einer entsprechenden Einschätzung des Geschlechtsunterschieds. Mit den folgenden Worten wird etwa Sylvias Reaktion auf einen Brief kommentiert, den Octavio ihr gegen ihren ausdrücklichen Wunsch schreibt:

Sylvia, notwithstanding the seeming severity of her commands, was well enough pleased to be disobeyed; and women never pardon any fault more willingly than one of this nature, where the crime gives so infallible a demonstration of their power and beauty; nor can any of their sex be angry in their hearts for being thought desirable; and it was not with pain that she saw him obstinate in his passion, as you may believe by her answering his letters, nor ought any lover to despair when he receives denial under his mistress's own hand [...] (Behn, Love Letters, 153)

Das 'Wesen' der Frau ist hier identisch mit ihrer taktischen und strategischen Position: Die erklärte Ablehnung einer Frau testet nur die Ausdauer des Liebhabers; die Befriedigung ihres Selbstwertgefühls überwiegt den Ärger über die Zuwiderhandlung; eine eigenhändig verfaßte Antwort signalisiert unabhängig vom Inhalt eines Briefs, daß eine fortgesetzte Werbung nicht ohne Aussicht auf Erfolg ist. Das Wissen, auf das die Erzählinstanz zur Interpretation von Sylvias Verhalten zurückgreift, ist ein strategisches Wissen über die richtige Einschätzung des Verhaltens von Frauen in einer Liebesintrige und über die angemessene Reaktion darauf.

Die Liebenden: "formed by nature for love"

Das vorgestellte Wissen über Leidenschaften und Geschlecht differenziert die Figuren in verschiedener Weise: einmal nach ihrem Geschlecht, dann nach dem Ausmaß, in dem eine Figur über die Mittel verfügt, ihre Ziele zu erreichen. Es findet aber insgesamt seinen Ort im Rahmen einer Konstellation von Figuren, die jeweils positional definiert sind. Denn im Zentrum steht wie gesehen die liebesauslösende Schönheit einer Frau. Ein Mann bewirbt sich um diese Frau. Ehemann (bzw. Eltern oder Geschwister) versuchen, dessen Erfolg zu verhindern. Diener, Zofen, Pagen und sonstige Vertraute sind als Zwischengänger und Erfüllungsgehilfen in Diensten bald einer, bald einer anderen Partei tätig und kommen dabei selbst auf ihre Kosten. Als Konstellation von jungen Liebenden, von Liebesgegnern und von Erfüllungsgehilfen der einzelnen Beteiligten läßt sich jedes Stadium des Romans beschreiben. In einer solchen Konstellation besteht also das foyer local de pouvoir-savoir, in dem sich Wissensrelationen und Machtbeziehungen in den Texten verschränken.

Die Fälle von Brilliard und Octavios Onkel zeigen nun, daß nicht jede der beteiligten Personen sich für die Rolle des Liebenden eignet: Brilliard strebt nach Zielen, die seiner Rolle als Diener unangemessen sind, und scheitert dabei in lächerlicher Weise1; Octavios Onkel ist wegen seines Alters und seiner gänzlich ungalanten Persönlichkeit ein ebenso absurder Liebhaber und wird zum Gespött der Stadt. Als Subjekte der Leidenschaft eignen sich in einer Liebesintrige nicht alle Beteiligten, sondern nur die, die ohne Absurdität die Rolle des Liebenden einnehmen können. Liebesgegner oder Erfüllungsgehilfen der einen oder anderen Partei werden absurd, wenn sie sich in die Position des Liebenden begeben.

Nicht nur hinsichtlich ihres Stands und Alters müssen die Liebenden in einer Liebesintrige spezifische Voraussetzungen erfüllen. Das Werben von Philander und Octavio hat ja gezeigt, daß die Personen zusätzlich durch Erscheinung, Umgangsformen, Sprache qualifiziert sein müssen, Liebe auszulösen und Liebe auszudrücken. Ein solches Merkmalsbündel ist auch gemeint, wenn wiederholt etwa über Octavio gesagt wird: "[he] was formed by nature for love, and had all that could render him the dotage of women".2 Von der Natur zur Liebe geformt zu sein, heißt in diesem Kontext nichts anderes, als daß die Person die Merkmale aufweist, die dafür Voraussetzung sind, daß sie in einer Liebesintrige die Position des Liebenden einnehmen kann.

Keine tiefe Triebveranlagung also ist hier angesprochen, die einerseits jedem Menschen eignet und andererseits die je individuelle Identität begründet. Liebe, Leidenschaft und Geschlecht sind Faktoren, die die Position des einzelnen in einem Feld taktischer und strategischer Beziehungen regeln und die weder unter dem Aspekt der individuellen Identität noch des physischen Genusses, sondern unter dem der Kunstfertigkeit, Schlauheit, des taktischen und strategischen Geschicks, kurz der "arts and politics" reflektiert werden.


  1. Daß Brilliard unter anderen Voraussetzungen durchaus ernsthaftere Prätentionen vorbringen könnte, wurde schon früh im Roman signalisiert (vgl. Behn, Love Letters, 110). Im weiteren Verlauf des Romans ergibt sich in der Tat eine Situation, in der er vorübergehend sein Ziel erreicht, da Sylvia auf ihn angewiesen ist (vgl. Behn, Love Letters, 387 ff.).
  2. Behn, Love Letters, 159; vgl. a. Behn, Love Letters, 189.