Kirchhofer, Strategie und Wahrheit | frameset

Das Subjekt spricht die Wahrheit über sich

Selbstdiskursivierung vor Gott

Das Fleisch und seine Sünden sind im Frömmigkeitshandbuch Gegenstand einer Pflicht, sich selbst gründlich nach dessen Spuren zu durchforschen und das Ergebnis einer solchen Suche in einer still formulierten und vor Gott ausgesprochenen Erzählung zusammenzustellen. Am ausführlichsten ist dies im Rahmen der Vorbereitung auf den Empfang des Abendmahls vorgesehen. Es ist nötig, über die eigenen Sünden in einer Weise zu sprechen, die geeignet ist, das durch diese Sünden verscherzte Wohlwollen Gottes wiederzugewinnen. Die Vorbereitung auf dieses stille Sprechen umfaßt in der Darstellung der Whole Duty of Man eine Reihe von Bewußtseinsschritten: Es ist nötig, erstens zu verstehen, worin der mit Christi Erlösungstod und Auferstehung besiegelte neue Bund besteht; zweitens ist erforderlich, "that we consider, what our breaches of it have been", und drittens "that we resolve upon a strict observance of it, for the rest of our life" (Whole Duty of Man, 68). Der zweite dieser Schritte muß mit vielfältiger Genauigkeit ausgeführt werden:

[...] content not thy self with knowing in general, that thou hast broken Gods Law, but do thy utmost to discover in what particulars thou hast done so. Recall, as well as thou canst, all the passages of thy life, and in each of them consider what part of that duty hath been transgrest by it. And that not onely in the grosser act, but in word also, nay, even in thy most secret thoughts: For though mans Law reaches not to them, yet Gods doth; so that whatever he forbids in the act he forbids likewise in the thoughts and desires, and sees them as clearly as our most publick acts. This particular search is exceeding necessary; for there is no promise of forgiveness of any sin but only to him that confesseth and forsaketh it. (Whole Duty of Man, 70)

Größtmögliche Ausführlichkeit und Genauigkeit der Selbsterforschung; jeweils genaue Zuordnung von Lebensbereichen und Wissen über die eigenen Pflichten, aufgrund deren bestimmte Handlungen als Transgressionen klassifizierbar werden; Einbeziehung nicht nur der Handlungen, sondern auch der Rede und der geheimsten Gedanken in diese Erforschung; schließlich das nachdrückliche Bestehen auf der Notwendigkeit der eingehenden Selbsterforschung und des detaillierten expliziten Bekenntnisses (gekoppelt mit dem Entschluß zur Besserung): In einem solchen Akt des Aussprechens dessen, was man ist und was man getan hat, ist das Individuum zur Konstitution seiner selbst als eines Subjekts von Gedanken, Worten und Werken angehalten.1

Charakteristisch für dieses christliche Subjekt ist dabei zunächst die Einsicht, daß die anzustrebende Sündenfreiheit in diesem Leben nicht zu verwirklichen ist2; dann ist ausdrücklich anzuerkennen, daß selbst die ausdauerndste und rigoroseste Selbsterforschung nicht zur völligen Selbsttransparenz, zur Entdeckung aller Sünden führen kann. Doch entbindet dies keinesfalls von der absoluten Heilsnotwendigkeit des Rituals.

[...] although it be true, that it is not possible by all our diligence to discover or remember every sin of our whole lives: and though it be also true, that what is so unavoidably hid from us, may be forgiven without any more particular confession than that of Davids, Psal. 19.12. Cleanse thou me from my secret faults; Yet this will be no plea for us if they come to be secret onely because we are negligent in searching. (Whole Duty of Man, 71)

Die Selbsterforschung findet im Angesicht der Tatsache statt, daß manches im eigenen Bewußtsein den einzelnen verborgen, "unavoidably hid" ist. Die nicht gänzlich aufhebbare Intransparenz des einzelnen für sich selbst befreit aber nicht von der Aufgabe der ausführlichen und gewissenhaften Prüfung des Selbst. Sie definiert vielmehr die Bedingungen, unter denen die Selbsterforschung vorgenommen wird.3

Da der Christ in diesem gesamten Ablauf von Selbsterforschung und -formulierung ganz auf sich gestellt ist und jedenfalls nicht von einem geistlichen Beistand individuell angeleitet wird, sind der Whole Duty of Man in einem Anhang4 verschiedene Anleitungen beigegeben. Sie stellen Vorgaben und Muster für die christliche Subjektivierung zur Verfügung. Zur sichereren und vollständigeren Selbsterforschung dienen die Brief Heads of Self-Examination [...] Collected out of the fore-going Treatise, concerning the breaches of our Duty, ein über achtseitiger Fragenkatalog, der eine tendenziell vollständige Erfassung des Materials ermöglicht, welches der einzelne zu einer personalisierten und umständlichen Erzählung zusammenfassen muß.

The use of this Catalogue of sins is this: Upon days of Humiliation, especially before the Sacrament, read them consideringly over, and at every particular ask thine own heart, Am I guilty of this? And whatsoever by such Examination thou findest thy self faulty in, Confess particularly, and humbly to God, with all the heightning circumstances, which may any way increase their guilt, and make serious Resolutions against every such Sin, for the future [...] (Allestree, Private Devotions, 45 f.)

Diese Abfolge von Selbsterforschung, Reue, Bekenntnis und Besserungsentschluß findet sich nicht nur als exzeptionelle Praxis, die an die Abendmahlsfeier gebunden ist, sondern sie wird auch in geraffter Form zur Umrahmung der einzelnen Schritte des Tagesablaufs anempfohlen. So ist das Sündenbekenntnis Teil der Routine, mit der man sich morgens auf den Tag vorbereiten, abends auf den Tag zurückblicken und auf die Nacht vorbereiten soll. In beiden Fällen geht der Bitte um Gottes Schutz und Gnade oder dem Dank für deren Gewährung das immerhin noch teils personalisierte Bekenntnis der eigenen Sündhaftigkeit und der Entschluß zur Besserung voraus. Das morgendliche Bekenntnis wird folgendermaßen vorgegeben:

A Confession.
O Righteous Lord, who hatest iniquity, I thy sinful creature cast my self at thy feet, acknowledging that I most justly deserve to be utterly abhorred and forsaken by thee, for I have drunk iniquity like water, gone on in a continued course of sin and rebellion against thee, dayly committing those things thou forbiddest, and leaving undone those things thou commandest; mine heart, which should be an habitation for thy spirit, is become a cage of unclean birds, of foul and disordered affections; and out of this abundance of the heart my mouth speaketh, my hands act, so that in thought, word, and deed I continually transgress against thee. [Here mention the greatest of thy sins] [...] (Allestree, Private Devotions, 5 f.)

Die zu benennende Verfehlung ist beim morgendlichen Bekenntnis nicht eine punktuell-spezifische, sondern eine, die der einzelne erst als Resultat von kontinuierlicher Selbsterkenntnis auf der Basis der vorgeschlagenen Muster treffen kann, da sie theologische Einsicht in die unterschiedliche Sündhaftigkeit jeweiliger Verhaltensweisen und zugleich psychologische Einsicht in den eigenen Charakter erfordert.

Am Abend tritt das Bewußtsein der Sündhaftigkeit aufgrund der auch an diesem Tag wieder begangenen Verfehlungen, für deren Auflistung in der vorgegebenen Form des Sündenbekenntnisses ein Platz vorgesehen ist, in den Vordergrund:

A Confession.
O MOST Holy Lord God, who art of purer eyes then to behold iniquity, how shall I abominable wretch dare to appear before thee, who am nothing but pollution? I am defiled in my very nature, having a backwardness to all good, and a readiness to all evil; but I have defiled my self yet much worse by my own actual sins and wicked customes; I have transgrest my duty to thee, my neighbour, and my self, and that both in thought, in word, in deed, by doing those things which thou hast expressly forbidden, and by neglecting to do those things thou hast commanded me. And this not only through ignorance and frailty, but knowingly, and wilfully, against the motions of thy Spirit, and the checks of my own conscience to the contrary. And to make all these out of measure sinful, I have gone on in a dayly course of repeating these provocations against thee, notwithstanding all thy calls to, and my own purposes and vows of amendment; yea, this very day I have not ceased to adde new sins to all my former guilts. [Here name the Particulars.] And now, O Lord, what shall I say, or how shall I open my mouth, seeing I have done these things? (Allestree, Private Devotions, 11 f.)

So findet sich der Christ mit der beständigen Selbsterforschung und -formulierung beschäftigt, die gerade deshalb immer nur zu einem vorläufigen Ende gebracht werden kann, weil man einerseits kontinuierlich fortfährt zu sündigen und andererseits niemals alle seine Sünden gefunden und individuell bereut haben kann.

Das Bekenntnis und sein Kontext

In Henry Athertons 1683 erschienenem Christian Physician um noch ein Beispiel aus den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts herauzugreifen, aus denen die ersten beiden behandelten Texte stammten findet sich die Whole Duty of Man ausgiebig rezipiert und in Besonderheit auf die Situation des Arztes zugeschnitten. Auch hier wird auf das stille Bekenntnis zentrales Gewicht gelegt. Atherton empfiehlt dem christlichen Arzt sowohl das mündliche als auch das schriftliche Bekennen. Die folgende Passage soll als Vorlage dienen:

[...] I fasted, and upon Examination, I found my self guilty of unclean and unchast thoughts (and that with delight and approbation) which sometimes brake forth into corrupt, frothy Discourse, and immodest or unclean Actions. Upon reflecting into the Causes of this Sin, I found them to be, Eating and Drinking too highly, keeping light or idle Company; not keeping that Guard over my self as I ought, nor behaving my self in all places with that gravity and seriousness as I should: and giving way to the first motions of vain and impure thoughts. Upon which I resolved to use my self to a spare low Diet, to avoid Drinking much Wine or Strong Liquors, to avoid light Company [...] (Christian Physician, 2nd Part, 48 f.)

Gemessen an dem Wissen über das Wirken des Fleisches, das im Voraufgegangenen vorgestellt wurde, ist dieses Bekenntnis, wenn auch vielleicht etwas allgemein gehalten, in der Tat musterhaft. In ihm spricht der Christ in den Begriffen, die ihm das Frömmigkeitshandbuch zur Verfügung stellte, die Wahrheit über die Wirkungen seines Fleisches in seinen Gedanken, Worten und Werken aus. Indem er dies tut, macht er sich in einer Weise, wie sie in verhaltensproblematisierender Literatur für Frauen oder im Liebesroman der Zeit nicht nachweisbar ist, zum Subjekt einer als wirkende Instanz begriffenen Geschlechtlichkeit. Im Aussprechen der Wahrheit über sich selbst wird diese Geschlechtlichkeit zur Wahrheit des Subjekts: Die Selbsterforschung bringt die fleischlichen Gedanken, Worte und Werke ans Licht, und der Sprecher erkennt sie reuig als die seinen an und gelobt Besserung.5

Der Bekenntnisakt steht im Zeichen einer nach Regeln, wenn auch mit Schwierigkeiten zu ermittelnden Wahrheit. Er scheint sich auch insofern der strategischen Problematisierung zu entziehen, als er der sozialen Dimension ganz enthoben ist und nach den Vorgaben des Frömmigkeitshandbuchs seinen Ort ausschließlich in der Beziehung des Individuums zu Gott hat. Dies war aber durchaus nicht immer so.

In der katholischen Kirche bildete ein solches Bekenntnis, in dem das Subjekt die Wahrheit über sich sprach, den Kern des seit dem vierten Lateranskonzil im Jahre 1215 für alle Christen obligatorischen Beichtsakraments. Das Sündenbekenntnis war und ist ja persönlich in der Abgeschlossenheit des Beichtstuhls vor einem Priester auszusprechen, der hinsichtlich seiner Lossprechungsvollmacht für die meisten Sünden die Stelle Gottes vertritt. Das Aussprechen eines wahren Wissens über das eigene Wesen und die eigenen Handlungen konstituiert in diesem Rahmen eine Beziehung zwischen Beichtling und Beichtvater, die zu den wichtigsten Instrumenten der Seelenführung in der katholischen Kirche wurde: ein foyer local de pouvoir-savoir, zu dessen Funktionieren die Konstitution einer Beziehung zwischen dem eigenen Fleisch, den eigenen Gedanken, Worten und Werken, und der eigenen Identität durch das beichtende Individuum unentbehrlich ist.

Die Reformation hat als eine ihrer entscheidenden Neuerungen diese lokalen Zentren von Macht-Wissen beseitigt. Daß die Abschaffung des Beichtsakraments aber nicht das völlige Verschwinden des Bekenntnisses und seiner subjektkonstituierenden Rolle bedeutete, belegen die bereits vorgestellten Bekenntnismuster. Was sich ändert, ist offensichtlich der Kontext, in den das Bekenntnis eingebettet ist.

Stephen Greenblatt hat in seiner Untersuchung Renaissance Self-Fashioning die Situation im unmittelbar nachreformatorischen England folgendermaßen beschrieben:

[...] in breaking images, radical Protestants have rejected a central Catholic mode of generating inward reflection [...] while in abandoning formal auricular confession, they have rejected the primary Catholic mode of maintaining the obedience of the Christian man by ordering this inward reflection. [...]

Because of subsequent developments, we associate Protestantism with a still more intense self-scrutiny, the alternately anguished and joyful self-reflection of Bunyan's Grace Abounding or Fox's Journal. But significantly, among the early Protestants we find almost no formal autobiography and remarkably little private, personal testimony. The kind of self-consciousness voiced in these forms, the sense of being set apart from the world and of taking a stance towards it, the endless, daily discursiveness of later generations, is only in the process of being shaped, while the traditional methodology for the examination of conscience and the ritual forgiveness of sin by virtue of the Church's power of the keys have been bitterly renounced. There is a powerful ideology of inwardness but few sustained expressions of inwardness that may stand apart from the hated institutional structure. (Greenblatt 1980: 85)

Was sich im 16. Jahrhundert zunächst vor allem als Lücke präsentiert, schafft Raum, in dem modifizierte Formen der Subjektivierung Platz greifen können. Greenblatt verweist auf das spirituelle Tagebuch und die spirituelle Autobiographie als Stätten und Zeugen dieser Innerlichkeit im späteren 17. Jahrhundert. Für das 16. Jahrhundert nennt er eine andere Gattung, die mutatis mutandis funktionell an die Stelle von Beichte und Seelenführung tritt:

[...] with the rejection of formal auricular confession and the power of the keys, works like Tyndale's [The Obedience of a Christian Man] are, in effect, among the primary sources of self-fashioning. In the symmetry of unmaking and displacement, they occupy the structural position of the confessional manual, but they refuse the institutional framework that seems to have controlled the experience or at least the representation of interiority in the Middle Ages. (Greenblatt 1980: 86)

Mit der Reformation übernimmt also im Zeichen einer Entinstitutionalisierung der Religionsausübung das Frömmigkeitshandbuch Aufgaben der Seelenführung und der Subjektivierung, die bislang durch das Sakrament der Beichte geleistet wurden.

Greenblatt hebt zurecht die karge Strenge der Verhaltensanweisungen in Tyndales Obedience of a Christian Man hervor, doch um Zeugnisse für die Organisation eines reichen, differenzierten und detailliert regulierten Innenlebens zu finden, braucht man nicht auf andere Gattungen und auf Nonkonformisten zurückzugreifen. Vertreter der aus der Reformation hervorgegangenen anglikanischen Kirche selbst haben, als in der Mitte des 17. Jahrhunderts mit dem Bürgerkrieg und der Parlamentsherrschaft Fragen des rechten Praktizierens von Frömmigkeit und seines institutionellen Rahmens wieder virulent wurden, für die versprengten Schafe Werke verfaßt, die auch in Ermangelung kontinuierlicher seelsorgerischer Betreuung Halt und Weisung geben sollten.

Zu den verbreitetsten unter diesen gehören nun die Whole Duty of Man und das ebenfalls bereits erwähnte 1650 erschienenen The Rule and Exercises of Holy Living von Jeremy Taylor6. Diese beiden Texte sind bis weit ins 18. Jahrhundert hinein Standardwerke religiöser Erbauung und Unterweisung. Wenn bei Tyndale schon der Titel erkennen läßt, daß in Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche Fragen der Autorität im Zentrum der Problematisierung stehen, deuten die Titel "The Practice of the Christian Graces: or, The Whole Duty of Man" und "The Rule and Exercises of Holy Living" darauf hin, daß es hier um praktische Aspekte des täglichen Verhaltens geht. Die Verantwortlichkeit der einzelnen für sich und ihr Verhalten ist entscheidender geworden als die Frage, wem man unter welchen Umständen Gehorsam schulde. Über ein Jahrhundert nach der Reformation in England und im Zeichen der theologisch-politischen Konflikte zur Zeit des Bürgerkriegs und der Parlamentsherrschaft sind es die praktischen Tugenden, an die sich alle Christen halten können und über die sie in ein grundlegendes Einverständnis mit ihrem Schöpfer und dessen Forderungen eintreten können.

In diesem Sinne beschreibt Taylor einleitend die Zielsetzung seines Werks:

[...] the Ministers of Religion are so scattered that they cannot unite to stop the inundation [immer neuer Sekten, A.K.], and from Chaires or Pulpits, from their Synods or Tribunals, chastise the iniquity of the errour and the ambition of evil Guides, and the infidelity of the willingly seduced multitude; and that those few good people who have no other plot in their religion but to serve God and save their soules, do want such assistances of ghostly counsel as may serve their emergent needs, and assist their endeavours in the acquist of vertues, and relieve their dangers when they are tempted to sinne and death, I thought I had reasons enough inviting me to draw into one body those advices which the severall necessities of many men must use at some time or other, and many of them, daily: that by a collection of holy precepts they might lesse feel the want of personall and attending Guides, and that the rules for conduct of soules might be committed to a Book which they might alwayes have [...] (Taylor, Holy Living, 5 f.)

Hier soll in der Tat, wie von Greenblatt festgestellt, an die Stelle der personalisierten institutionellen Leitung des Individuums das Buch zur Anleitung für Frömmigkeit und frommes Handeln treten und zum privilegierten Träger und Ort des geistlichen Innenlebens werden. Die Herausgelöstheit aus festen amtskirchlichen Zusammenhängen geht einher mit der Tatsache, daß schon formal das Buch selbst seine organisatorische Kraft entfaltet. Dies wird besonders in der Whole Duty of Man deutlich, die nicht nur einen frömmigkeitsstrukturierten Tagesablauf vorgibt, sondern auch als dreimal jährlich jeweils sonntags zu absolvierendes, siebzehnteiliges Lesepensum gegliedert ist, das an die schon durch das Book of Common Prayer vorgegebene jährliche Bibellektüre und monatliche Psalmenlektüre gemahnt. All dies liegt nun in der persönlichen Regie des Christen sowie in gewissem Ausmaß des Haushaltsvorstands.7

Strategische Dimension und Wahrheitscharakter des Bekenntnisses

Ist das Frömmigkeitshandbuch somit nichts anderes als der Platzhalter des Beichtvaters? Und ist die Wahrheit, die der einzelne im Bekenntnis formuliert, nichts anderes als das der Bekenntnissituation angemessene Sprechen, auch wenn sie sich gerade als das nicht aus der Situation Entspringende, sondern situationsunabhängig Wahre (als das, was Gott in jedem Falle sieht und womit er das Bekenntnis vergleicht) präsentiert? Beide Fragen zielen darauf ab, den einen der beiden kontrastierten Terme auf den anderen zu reduzieren. Doch geht es nicht darum, die selbststilisierte abgeschlossene Privatheit des protestantischen Sündenbekenntnisses quasi zu dekonstruieren, indem sie als doch immer schon sozial konditioniert entlarvt wird. Genausowenig geht es darum, die jeweils zu bekennende Wahrheit zu dekonstruieren, indem sie als das immer schon situativ Konditionierte entlarvt wird.8

Es ist zweifellos ein Unterschied, ob das Bekenntnis im Beichtstuhl oder in der stillen Morgen- oder Abendandacht abgelegt wird. Anstatt nun die eine Situation als heimlich in der anderen präsent erweisen zu wollen, gilt es eine andere Feststellung zu treffen: Das Bekenntnis ist offensichtlich in unterschiedlichen Situationen mit unterschiedlichen Wirkungen einsetzbar. Die Analysen der folgenden Kapitel werden es mit einer Reihe von weiteren Verwendungskontexten des Bekenntnisakts zu tun haben, die jeweils nach ihrem Vorkommen und ihren Wirkungen zu beschreiben sind.

In ähnlicher Weise geht es nicht um den Nachweis, daß die vom Individuum zu bekennende Wahrheit 'in Wirklichkeit' situativ durch die inhaltlichen Vorgaben und die Beziehungen, in denen der einzelne dazu angehalten ist, seine Wahrheit auszusagen generiert ist. Die Wahrheit ist nicht nur ein hypokrites und perfides Phänomen taktischer Kalkulation. Es ist ja davon auszugehen, daß eine taktische und strategische Problematisierung von Leidenschaften und Geschlecht ebenso im Rahmen einer Konstellation von Macht-Wissen stattfindet wie die Reflexion der Geschlechtlichkeit unter dem Aspekt der Wahrheit; das Ziel dieses Kapitels bestand jedoch gerade in dem Nachweis, daß die Effekte, die mit der einen oder anderen Weise der Problematisierung verbunden sind, je verschieden sind. Strategie und Wahrheit sind nach dem Ausweis der Texte alternative, nicht aufeinander reduzierbare Weisen, das Wissen über Leidenschaften und Geschlecht zu problematisieren. Diese unterschiedlichen Effekte gilt es anzuerkennen und zu beschreiben.

Die Ausbreitung des Problematisierungsfokus der Wahrheit in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist Gegenstand des folgenden Kapitels. Für das ausgehende 17. Jahrhundert ergaben die vorausgegangenen Analysen etwa folgende Lage:

Nach den Vorgaben des Frömmigkeitshandbuchs ist das stille Bekenntnis vor Gott zunächst ein Mittel, um das Ziel der Bewahrung der eigenen Seele zu erreichen. Dabei ist es ein unverzichtbarer Teil dieser Strategie, daß das Individuum eine von allen taktischen Erwägungen freie Wahrheit über sich formuliert. Im Zuge dieser Formulierung der Wahrheit muß es das Fleisch als Teil seiner sündigen Natur anerkennen und die Wirkungen dieses Fleisches in seinem Leben (in seinen Gedanken, Worten und Werken) selbst wahrheitsgemäß aussagen. Die Modelle der Liebesintrige im Roman und des Verhaltensratgebers kennen keine Entsprechung dieser Form der Subjektivierung, die einen Bezug zwischen der als intrapersonale und zugleich eigenständig operierende Instanz verstandenen Geschlechtlichkeit und der personalen Identität herstellt und dem einzelnen die Aufgabe zuweist, sich diesen Bezug vor Augen zu führen und diese Identität zu formulieren.

Für die Adressatin des Verhaltensratgebers ist das Geschlechtliche ein Bereich, der ein Potential für Auseinandersetzungen um ihre soziale Stellung birgt. Ihre Aufmerksamkeit ist für diesen Bereich genau in dem Maße erforderlich, in dem sie durch diese Aufmerksamkeit Nachteile für sich vermeidet oder Vorteile erringt. Selbsterforschung steht ausschließlich im Dienst der vollständigen Situationsanalyse. Das Gleiche gilt für die Liebesintrigen. Was Octavio Sylvia zunächst vorenthält und schließlich gesteht, ist die Tatsache, daß nicht etwa er selbst, sondern ein anderer (nämlich Philander) ihr untreu geworden ist. Situationen, in denen das Individuum gegen seinen Willen etwas über sich selbst preisgeben muß, zeichnet der Roman nicht. Octavio setzt ja vielmehr das Geständnis seiner Leidenschaft für Sylvia als Mittel ein, um Philanders großmütige Duldung seiner Bestrebungen zu erreichen, und Philander gesteht seine neue Liebe, um Octavio damit zu signalisieren, daß keine unmittelbare Rivalität zwischen ihnen beiden besteht. Es geht hier nicht um Aussagen über das eigene Wesen und die eigenen Handlungen, nicht um eine Selbstpreisgabe gegen innere Widerstände und um ein Ans-Licht-Bringen dessen, was für einen selbst verborgen in einem ist, sondern darum, ob bestimmte Informationen über andere bestimmten Personen vorenthalten oder zugänglich gemacht werden sollen.


  1. Im Gegensatz dazu ist daran zu erinnern, daß die Adressatin von Halifax' Advice to a Daughter sich als ein mit taktischem Geschick auf eine äußere oder innere Situation reagierendes Subjekt erfahren sollte. Dort wurde also das, zu dessen Subjekt sich der Christ in der Beichte macht, zu den situativen Faktoren gerechnet, mit denen taktisch geschickt zu arbeiten ist.
  2. Sie für sich in Anspruch zu nehmen, wäre Anmaßung, pride statt humility.
  3. Die charakteristische Kombination der Notwendigkeit ernsthafter Arbeit an sich Selbst mit der Einsicht in die Unmöglichkeit, diese Arbeit je zu einem gesicherten Abschluß zu führen, gehört zu den Topoi der moraltheologischen Literatur. Ein weiteres Beispiel, aus dem Vorwort zu John Flavels Sacramental Meditations stammend, mag als Beleg genügen: "There are two things of special concernment to the Reader, when thou art to address thyself to any solemn duty [...]: 1. Prepare for thy duty diligently. 2. Rely not upon thy preparations. [...] It is an ingenious and true note of Luther [...]; never are men more unfit, than when they think themselves most fit, and best prepared for their duty; never more fit, than when most humble and ashamed in the sense of their own unfitness." ( Sa Meditations A5v f.)
  4. Private Devotions for Several Occasions, Ordinary and Extraordinary erscheinen ab 1660 als Anhang der Whole Duty of Man.
  5. Nach dem am Ende des vorigen Abschnitts Ausgeführten muß zugleich gelten: Er muß beständig weiter nach diesen Wirkungen des Fleischs suchen, da er nicht erwarten kann, sich ihnen dauerhaft entzogen zu haben, und vor allem da er, selbst wenn seine Nachforschungen keine fleischlichen Sünden ans Licht gebracht haben und er sie nicht in schuldhafter Nachlässigkeit angestellt hat, damit rechnen muß, daß sie zu jenen Sünden gehören, die nach der The Whole Duty of Man "unavoidably hid" sind.
  6. Das Werk ist zusammen mit dem Folgeband The Rule and Exercises of Holy Dying von 1651 bekannt als "Taylors Holy Living and Holy Dying". Beide Bände liegen, was bei Werken dieser Art eine Seltenheit ist, in einer kritischen Ausgabe vor, nach welcher hier zitiert wird.
  7. Ein Beispiel für Andachten unter der Leitung des Haushaltsvorstands findet sich etwa in Athertons Christian Physician, 2nd Part, p. 100 f.
  8. Vgl. dazu schon die Bemerkungen oben S. 39 f.