Kirchhofer, Strategie und Wahrheit | frameset

Neue Kontexte der Wahrheit von Leidenschaften und Geschlecht in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts

 

 

Die im Folgenden untersuchten Texte aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stehen insgesamt im Zeichen einer Ausbreitung des Aspekts der Wahrheit von Leidenschaften und Geschlecht. Kontroversen sind nicht mehr vorrangig als Auseinandersetzungen gefaßt, in deren Rahmen die Liebe strategisch, in den Metaphern des Kriegs, der Belagerung und Verteidigung einer Festung, verstanden wird, sondern als Auseinandersetzungen darüber, was hinsichtlich des Geschlechtlichen wahr ist. 'Was ist die Wahrheit über das weibliche Geschlecht?', fragt sinngemäß die Ladies Library und setzt einem Frauenbild, das Frauen vorrangig im Rahmen von Liebeshändeln definiert, also mithin der strategischen Problematisierung des Geschlechtlichen entstammt, eine weibliche Subjektivität entgegen, deren Kern Keuschheit und Keuschheitshandlungen sind. Zahlreiche Pflichtkompendien für Frauen verbreiten jene alternative Wahrheit des weiblichen Geschlechts, die sich nicht in der Sicherung einer starken Position in den Schlachten der Liebe erschöpfen will. 'Was ist die Wahrheit der geschlechtlichen Leidenschaft?', fragt die Onania und erweist sich als Pionier einer Sexualwissenschaft dadurch, daß sie die Physiologie geschlechtlicher Vorgänge in ihrer individualpathologischen und gesellschaftsrelevanten Dimension in den Mittelpunkt von teils sehr scharfen Kontroversen stellt. 'Was ist die Wahrheit über die Leidenschaften (die eigensüchtigen und die großzügigen)?', fragt schließlich auch Sarah Fieldings Roman The Governess und bemüht sich, seiner Zielgruppe ein wahres Wissen über die Leidenschaften zu vermitteln, dessen Einsatz ihr persönliches Glück im Rahmen einer funktionierenden Gemeinschaft jetzt und in Zukunft gewährleisten soll.

All diese unterschiedlichen Problematisierungen der Wahrheit von Leidenschaften und Geschlecht nehmen Elemente des Frömmigkeitshandbuchs auf und setzen sie in ihrem neuen Kontext ein. Als unterschiedliche Weisen der Refunktionalisierung ursprünglich religiöser Formen der Problematisierung von Leidenschaften und Geschlecht, nicht etwa mit dem Ziel der Einführung in die historischen Problematiken der Geschlechterkonzeption1, der Sexualmedizin und -pädagogik2 oder des Romans in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts werden die ausgewählten Texte hier untersucht. Keiner der behandelten Texte kann oder soll das Feld, aus dem er stammt, repräsentieren. Wichtig ist dagegen jeweils der Nachweis, daß auf je spezifische Weise Keuschheitshandlungen, Wissen über die Operationsweise des Fleischs und vor allem Bekenntnismuster, die bislang ihren Ort vorrangig in Frömmigkeitshandbüchern hatten, mit je spezifischen Wirkungen in anderen Kontexten eingesetzt werden können.

Variation und Rekombination: Pflichtkompendien im Anschluß an das Frömmigkeitshandbuch

Bearbeitungen der Whole Duty of Man

Der im voraufgegangenen Kapitel umrissene historische Ort des Frömmigkeitshandbuchs bedingt es, daß der Text seine Wirkung nicht vorrangig in einem institutionellen Kontext entfaltet, sondern über den Buchmarkt. Das Buch ist Teil des Sortiments eines Buchhändlers, und es soll möglichst viele Käufer finden. Nun ist die fortdauernde Popularität der Whole Duty of Man vielfach belegt.3 Der British Library Catalogue weist zwischen 1659 und 1749 etwa fünfzig Auflagen des Werks nach. Auch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und bis ins späte 19. Jahrhundert hinein wird das Werk noch regelmäßig, wenn auch nicht mehr ganz so häufig, wieder aufgelegt. Der Erfolg des Buchs war nun aber auch Anreiz für andere Autoren und Buchhändler bzw. Verleger, mit Bearbeitungen, Ergänzungen, Verbesserungen der Whole Duty of Man einen Anteil an diesem Erfolg zu suchen.

'Alles auf einen Blick' verspricht beispielsweise ein Folio-Blatt mit den zehn Geboten und jeweils einer kurzen Auslegung unter dem Titel The Whole Duty of Man, Containing a Practical Table of the Ten Commandments: Wherein the Sins forbidden, and the Duties commanded, or implied are clearly discovered, by Famous Mr. Will Perkins. Gedruckt wurde das Werk im Jahre 1674 für William Miller, dessen Sortiment nach Auskunft der Fußzeile aus "most sorts of bound or stitched Books, as Acts of Parliament, Proclamations, Speeches, Declarations, Letters, Orders, Commissions, Articles; As also Books of Divinity, Church-Government, Sermons, and most sorts of Histories, Poetry, Plays, and such like" besteht. Politische, religiöse und unterhaltende Texte lassen sich also in William Millers Buchhandlung "at the Gilded Acorn in St. Paul's Church-Yard, near the little North Door" erwerben. Die Überblicksversion der Whole Duty of Man, die eigentlich eher ein kurzer Kommentar zu den zehn Geboten ist, vertraut dabei offensichtlich der Zugkraft des Titels und will den Bezug auf die originale Whole Duty of Man als Kaufanreiz benützen.

Daß der Versuch, die Whole Duty of Man vom Buchmarkt zu verdrängen und mit einer New Whole Duty of Man ihren Platz einzunehmen, noch Mitte des 18. Jahrhunderts lukrativ erscheinen konnte, zeugt von der andauernden Vitalität des Texts. Mit von George II. gegebenem Privileg des "sole Printing, Publishing, and Vending of the said Work" bringt der Buchhändler Edward Wickstead eine New Whole Duty of Man auf den Markt.4 Um eine zeitgemäße Fassung der Whole Duty of Man soll es sich handeln, insbesondere die theologischen Mängel des älteren Werks seien beseitigt. Diese Mängel werden aus den Entstehungsumständen der alten Whole Duty erklärt, da der Text ja "under the usurpation of Oliver Cromwell" (New Whole Duty of Man, A1) geschrieben und veröffentlich worden sei und sich hauptsächlich gegen die im Übermaß reformatorischen Bestrebungen der "Solifidians" richte. In der Mitte des 18. Jahrhunderts habe das Christentum andere Feinde, die es mit neuen Mitteln zu bekämpfen gelte:

[...] the Old Whole Duty of Man (which, in opposition to the prevailing doctrine of those days, is chiefly confined to the moral duties) cannot by any means be well suited to the impious age we live in, when the articles of our christian faith are so impudently attacked and contemned [...] (New Whole Duty of Man, A1v)

Daß die christlichen Glaubensartikel aus den genannten Gründen in dem Werk völlig zu kurz kämen, lasse dessen Einfluß in der Mitte des 18. Jahrhunderts als nachgerade schädlich erscheinen. Hat es nicht bereits durch die Hervorhebung der praktischen Moral zur Minderschätzung des theologischen Aspekts der Religion beigetragen? Als Beleg für diese Vorwürfe und gegen die Einwände von Lesern früherer Auflagen, die die alte Whole Duty of Man verteidigten, wird in einer einleitenden Beweissammlung ein Frontispiz5 reproduziert, auf dem unter anderem Moses mit nur der zweiten Gesetzestafel abgebildet ist. Erst mit dem fünften Gebot (die Eltern zu ehren) setzten also die Unterweisungen der Whole Duty of Man ein. Weggefallen sind damit die Gebote, die sich auf Gott, auf das Verbot von anderen Göttern und von Bildnissen, auf Gottes Namen und auf den Sabbath beziehen.

Abgesehen von dieser starken Betonung theologischer Fragen folgt das Werk aber in großen Zügen seinem Vorbild. Auch die Ausführungen zur Keuschheit sind weitgehend übernommen, wobei besonderes Gewicht auf den Widerstand gegen unkeusche Gedanken gelegt wird.6

Die meisten Bearbeitungen suchen indessen ihr Heil nicht in der Attacke auf die Whole Duty of Man, sondern in einer ergänzenden Aufbereitung, die das Werk in eine für bestimmte Personengruppen besonders nutzbare Form bringen soll. Kurz erwähnt wurde bereits eine Whole Duty of Servants von Richard Lucas, die in ihrem Hauptteil die Pflichten des Bediensteten zu Gott, zu seiner Herrschaft, zu deren Nachwuchs, gegenüber Besuchern und Fremden, dann gegenüber ihren Mitbediensteten und schließlich sich selbst gegenüber enthält. Die Bearbeiter tun es letztlich nur dem Verfasser des Werks selbst nach, denn mit der Verfasserangabe "By the Author of the Whole Duty of Man" erscheinen nach 1660 eine beträchtliche Zahl weiterer erbaulicher Schriften, die entweder bestimmte Personengruppen oder bestimmte Aspekte christlicher Tugend im Blick haben: The Gentleman's Calling (1660), The Ladies Calling (1673), The Government of the Tongue (1674), The Art of Contentment (1675), The Art of Patience under Afflictions (1684), The Government of the Thoughts (1694).

Die größte Zahl der Bearbeitungen geht von einer pädagogischen Problemstellung aus. Die Lehren der Whole Duty of Man sollen der Jugend früh eingängig gemacht werden. Ein Scriptural Catechism trägt den Untertitel: The Whole Duty of Man Laid Down in Express Words of Scripture, Chiefly intended for the Benefit of the Younger Sort. Auf suggestive Fragen antworten passende Stellen aus der heiligen Schrift, wobei, wie der Titel schon angibt, für Aufbau und Inhalt die Whole Duty of Man zum Vorbild diente. Ebenfalls zum Nutzen der lernenden Jugend erschien schon im Jahre 1680 das Officium Hominis, eine lateinische Übersetzung der Whole Duty of Man, die eine Verbindung von frommer Unterweisung mit Fortschritten im Lateinischen ermöglicht, wie auf der Titelseite ausdrücklich vermerkt ist: "Liber hic ex Lingua Anglicana in Latinam, eo praecipuè consilio traductus est, quò Juvenes in Ludis Literariis versantes, simul & moribus instituantur, & in lingua Latina proficiant."

Aus dem Jahre 1700 datiert eine mit Illustrationen versehene Whole Duty of Man, in all his Stages, in a plain and familiar Heroic Verse, with Variety of Cuts proper to the Several Chapters thereof [...] Fitted for the Pleasure and Benefit of Youth von William Beck. Auch dieser hat sich den Aufbau der Whole Duty of Man zum Muster genommen und verspricht sich von der gereimten Versform eine verbesserte Einprägung des aufbereiteten Stoffes gerade bei Kindern. In aller Erbötigkeit präsentiert er

[...] this little Version of The Whole Duty of Man, in a plain and familiar dress, to be got by Heart by the Ignorant, being divided into Thirteen Chapters, one quarter of which being learned every Sunday; the Whole in one Year may be compassed: and it is measured out in Verse only to make it go down the smoothlier, and stick the better upon the Memory [...] (Beck 1700: 4 f.)

Die Aufbereitung in Versen rechtfertigt der Verfasser in der Vorrede unter Bezug auf eine verbreitete Versmachermode mit einer Argumentation, die aus der späteren Moralisierung des Romans nur allzu vertraut ist: Die Unterhaltung versprechende Form verschaffe der moralischen Belehrung bei einem Publikum Verbreitung und Akzeptanz, das dieser sonst gerne aus dem Weg ginge. Er zitiert dazu die Verse, mit denen schon George Herbert die Unterhaltungserwartung von Lesern in den Dienst ihres geistlichen Wohls nehmen wollte:

A verse may find him who a sermon flies,
And turn Delight into a Sacrifice.7

Daß der Magister Beck jedoch auch hofft, mit seinem Versifizierungsprojekt sein eigenes Los etwas zu bessern, indem er sich der Öffentlichkeit als Pädagoge in Erinnerung bringt, geht aus der folgenden Notiz hervor:

ADVERTISEMENT.

The Author (being Master of Arts of a long standing, now either at his Lodgings at the Kings-Head, and Grammar-School in Jermain-street, St. James's; or at any ones own House, if desired) doth, and will in a few Years exactly, tho' not pedantickly, teach Young Ladies, and Gentlemen the Tongues and Sciences; he having lately contrived and made a Compendious, yet exact English Accidence, Grammar, and Rhetorick, &c. By which any of an ordinary capacity, with the Author's assistance, without a Miracle, in a few Months may learn (that which is so much wanting and desired to accomplish Ladies) viz. to Write True English, and good Sense either with, or without the Latin Tongue. The Accidence he promises (God willing) to publish the beginning of the New Year. But the other will be dictated only to those that can write, to be got by Heart against the next Day. (Beck 1700: 6)

In einträchtiger Deutlichkeit tritt hier das pädagogische Bemühen um die bestmögliche Ausstattung der Jugend mit Wissen in eine Verbindung mit dem Bemühen des Verfassers, seinen Lebensunterhalt zu sichern und den Absatz seiner anderen Werke zu befördern. Zu dem Buch, mit dem man seine Kinder auf den rechten Lebensweg bringen kann, bietet sich gleich der Hauslehrer an, der dies in Person leisten will. Der Schlüssel zur Aufmerksamkeit des Publikums ist dabei immer der Titel The Whole Duty of Man.

Wenn in den zuletzt besprochenen Texten die Jugend als Zielgruppe besonders in den Blick genommen wird, so geschieht dies in dem Bestreben, ihnen den gesamten Pflichtenkatalog möglichst früh und vollständig nahezubringen. Die folgenden Ausführungen zur Keuschheit aus dem Scriptural Catechism [...] for the Benefit of the Younger Sort belegen, daß der Stoff nicht etwa inhaltlich besonders auf die Zielgruppe zugeschnitten wurde:

Q. Is not Chastity a Duty every Man is bound to observe?

A. Yes; For this is the Will of God, even your Sanctification, that ye should abstain from Fornication; that every one of you should know how to possess his Vessel in Sanctification and Honour, 1 Thess. 4.3,4.

[...]

Q. And should we not guard our outward Senses also?

A. Yes; I made a Covenant with mine Eyes; why then should I think upon a Maid? Job 31.1.

[...]

Q. Should we not also abstain from filthy Communications and immodest Speech?

A. Yes; But Fornication, and all Uncleanness or Covetousness, let it not once be named amongst you, as becometh Saints; neither Filthiness, nor foolish Talking, Eph. 5.3,4. (Scriptural Catechism 40)

Es wird in solchen pädagogisierenden Bearbeitungen also keine Modifikation der Zielsetzung des ursprünglichen Werks vorgenommen. Es gilt immer noch, die eigene Seele zu retten und zu diesem Zweck seine Pflichten zu erfüllen und sich vor der Welt, dem Fleisch und dem Teufel in Acht zu nehmen. Es geht nicht etwa besonders um die Pflichten des Kindes, sondern darum, Kindern die Pflichten, die sie als Erwachsene haben werden, schon frühzeitig zu vermitteln.

In dieser Hinsicht unterscheiden sich die pädagogisierenden Bearbeitungen der Whole Duty of Man von den Pflichtkompendien für Frauen, die seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert zu erscheinen beginnen.

Pflichtkompendien für Frauen

Das Werk, das 1695 unter dem Titel The Whole Duty of a Woman erscheint und 1739 in achter Auflage vorliegt8, ist nicht einfach eine Bearbeitung der Whole Duty of Man, die etwa besonders für Leserinnen gedacht wäre. Es ist auf der Titelseite vielmehr beschrieben als "A Guide to the Female Sex. From the Age of 16 to 60 &c. Being Directions, How Women of all Qualities and Conditions ought to Behave themselves in the various Circumstances of this Life, for their obtaining not only Present, but Future Happiness". Das Frontispiz zeigt im oberen Halbbild eine vor einem Lesepult kniende Frau, die ein aufgeschlagenes Buch hält und zu einem Auge in der rechten oberen Bildecke aufblickt, das Strahlen auf sie herabsendet. Das untere Halbbild zeigt eine Frau, die in einer Küche Essen bereitet. Damit sind das kontemplative und das aktive Leben aufgerufen und zugleich die verschiedenen sozialen Schichten einbezogen.9 Das Auswahlprinzip, das alle Lebensumstände der Frau einschließen will, gemahnt nun eher an den Verhaltensratgeber für Frauen als an das Frömmigkeitshandbuch. Daß "not only Present but Future Happiness" erreicht werden soll, läßt einen doppelten Fokus auf der Sicherung und Gestaltung der sozialen Position einerseits und der Bewahrung der Seele andererseits erwarten.

Als Verfasserin wird auf dem Titelblatt "A Lady" genannt, die sich im Vorwort als Dame in reiferen Jahren vorstellt, welche die Früchte ihrer Lebenserfahrung an die vielleicht dankbare Nachwelt weitergeben möchte. Einem allgemeinen Kapitel zum Thema "How to obtain the Divine and Moral Virtues" folgen spezielle Unterweisungen für die sukzessiven Stadien im Leben einer Frau. Zunächst werden die Pflichten der Jungfrau dargelegt. Einmal verheiratet, hat die Frau dann dreifache Pflichten als Gattin, Mutter und Hausherrin zu erfüllen10, und sollte ihr Mann vor ihr sterben, so wird sich ihre eheliche Liebe in eine höhere Stufe der Frömmigkeit verwandeln11.

Nach diesen vier Kapiteln wendet sich die Aufmerksamkeit sehr praktischen Aspekten der Haushaltsführung zu:

[...]. having thus shewed what relates to Education, and a Prospect of Happiness here and hereafter, I now proceed to Treat of such things as may be useful, somewhat in a lower Degree, and may be advantageous to you in Houshold Affairs. (WDW 1695: 75)

Diese nützlichen Dinge faßt das Titelblatt zusammen als "Choice Receipts in Physick and Chirurgery With the whole Art of Cookery, Preserving, Candying, Beautifying". The Whole Duty of a Woman ist also alles in einem: Frömmigkeitshandbuch, Verhaltensratgeber, Nachschlagewerk für Hausmittel gegen alle möglichen Krankheiten, Koch- und Backbuch; daneben enthält sie Anleitungen zum Einmachen sowie zur Herstellung kosmetischer Mittel.

Nun ist schon ein Leitfaden wie Vives' Instruction of a Christen Woman (englisch 1523) in drei Bücher eingeteilt, die den drei möglichen Stadien des weiblichen Lebenslaufs vor, während und nach der Ehe entsprechen. Auch existierten bereits Bücher mit nützlichen Informationen für verschiedene Bereiche der Haushaltsführung wie etwa The Ladies Cabinet, enlarged and opened: Containing Many Rare Secrets and rich Ornaments of several kindes and different uses. Comprized under Three General Heads. Viz. of 1. Preserving, Conserving, Candying &c. 2. Physick and Chirurgery 3. Cookery and Houswifery [...].12

Die bedeutendste Quelle für die Ausführungen zu Situation und Pflichten der Frau in der Whole Duty of a Woman ist allerdings das 1673 vom "Author of the Whole Duty of Man" verfaßte The Ladies Calling. Dieses Werk geht zwar von der nachdrücklichen Affirmation der universellen Gültigkeit der christlichen Gebote aus. Es rechtfertigt seine besondere Problemstellung jedoch durch die Tatsache, daß bestimmte Tugenden für bestimmte Lebensumstände und Situationen besonders relevant seien. Nacheinander werden zunächst die herausragenden Tugenden der modesty, meekness, compassion, affability, und piety abgehandelt. Der zweite Teil behandelt "the principal and most distinct scenes, in which a Woman can regularly be supposed to be an actour": "Virginity, Marriage, and Widow-hood"13. Bemerkenswert ist, daß die Keuschheit kein eigenes Stichwort erhält, daß sie also nicht eigens unter den spezifisch weiblichen Tugenden erscheint. Die einschlägigen Ausführungen finden sich indessen trotzdem im Text. Einerseits sind sie unter dem Punkt modesty enthalten, bei dem zwei Bedeutungen unterschieden werden, deren zweite modesty als Gegenbegriff zu "Lightness and Wantonness" (Ladies Calling 5) bespricht. Andererseits enthält der Abschnitt über den Jungfernstand eindringliche und spezifische Warnungen vor äußerer und innerer Befleckung.

Die Auswahl und Kombination der Elemente, die im Pflichtkompendium für Frauen zusammentreten, bedingt, daß Keuschheit und Weiblichkeit in ein spezifisches Verhältnis treten. Um diesen Bezug soll es nun zunächst gehen.


  1. Vgl. dazu etwa Blanchard (1929) und Gauger (1965).
  2. Zur Sexualpädagogik vgl. Ussel (1970), p. 132 ff. sowie p. 167 ff.
  3. Vgl. etwa Mason (1935), p. 91, p. 147 und die Anmerkungen 47 und 48, sowie p. 81.
  4. The New Whole Duty of Man, Containing the Faith as well as Practice of a Christian: Made Easy For the Practice of the Present Age, As the Old Whole Duty of Man was design'd for those unhappy Times in which it was written; and Supplying the Articles of The Christian Faith, Which are Wanting in that Book, Tho' Essentially necessary to Salvation. Necessary for All Families, and Authorised by the King's most Excellent Majesty. With Devotions proper for several Occasions. The Twenty-Second Edition.Diese 22. Auflage, nach der hier zitiert wird, ist ohne Jahresangabe erschienen; die Erstausgabe stammt aus dem Jahre 1744, 1746 ist eine fünfte, 1759 eine sechzehnte Auflage verzeichnet.
  5. Dieses Frontispiz stimmt nicht mit dem der Erstausgabe überein, aber es findet sich in einer von mir eingesehenen Ausgabe (London 1713).
  6. Vgl. New Whole Duty of Man 372 ff.
  7. Beck 1700: 5; vgl. die erste Strophe von George Herberts "The Church-Porch" (in ders., The Temple, p. 33).
  8. In der British Library sind die erste Auflage von 1695 (dies erst seit kurzem), die dritte Auflage von 1701 und die achte Auflage von 1739 vorhanden.
  9. Damit ist natürlich noch nichts über die wirkliche Leserschaft gesagt. Der Schluß mag sich anbieten, daß zunächst vor allem Frauen, die bei einer solchen Zusammenfassung an Prestige zu gewinnen hatten, an ihr interessiert sein konnten, doch muß dies Spekulation bleiben. (Advice to a Daughter war dagegen wesentlich deutlicher auf Töchter wohlhabender Familien zugeschnitten.)
  10. Vgl. Whole Duty of a Woman 1695: 51 ff.
  11. Vgl. Whole Duty of a Woman 1695: 69.
  12. London 1654; die erste Auflage mit dem Titel The Ladies Cabinet opened erschien 1639.
  13. LC 156; Zitate beziehen sich auf die siebte Auflage, Oxford 1700.