Kirchhofer, Strategie und Wahrheit | frameset

Dramatisierung des Wissens über die Leidenschaften in Sarah Fieldings David Simple (1744)

Wissen und Wohltat

David Simple, Titelheld des 1744 erschienenen Romans von Sarah Fielding, kann sich nicht am einsamen Genuß seines ererbten Vermögens erfreuen. Er faßt nach großen Enttäuschungen durch seinen Vater und seinen Bruder den Entschluß "[t]o travel through the whole World, rather than not meet with a real Friend" (S. Fielding, David Simple, 27). Die Londoner Gesellschaft, hoch und niedrig, erweist sich allerdings der moralischen Standards des Helden derart unwürdig, daß der wöchentlich enttäuscht das Quartier wechseln muß, jedesmal aufs neue erschüttert über die Selbstsucht und Kleinlichkeit der Menschen, mit denen er zu tun hat. Meist öffnet ihm etwas zufällig Belauschtes die Augen, oder ein neuer Bekannter klärt ihn über die charakterlichen Mängel seines bisherigen Gefährten auf, und David schließt sich diesem an, bis nach längstens einer Woche auch dieser Freund durchfällt.1 Nach und nach beginnt sich aber eine kleine Gemeinschaft von Menschen, die David aus dem Elend gerettet hat, zusammenzufinden; in deren Kreis findet er mit Valentine zwar auch einen Freund, aber in erster Linie mit dessen Schwester Camilla eine Frau. Die Lebensgeschichte dieser beiden sowie die von Valentines Jugendliebe Cynthia bilden das mittlere Drittel des Buchs. Schließlich nimmt die Geschichte Isabelles, einer französischen Bekannten Cynthias, zusammen mit einigen verstreuten Zwischenfällen den größten Teil des letzten Drittels ein, und am Schluß steht nach der Versöhnung mit Camillas und Valentines reuigem Vater eine Doppelhochzeit.2

"What a knowledge of the human heart!" pries Samuel Richardson 1756 in einem Brief an Sarah Fielding deren Erzählkunst und nutzte die Gelegenheit zu einem Seitenhieb auf seinen inzwischen verstorbenen großen Konkurrenten Henry Fielding: "His was but as the knowledge of the outside of a clockwork machine, while your's [sic] was that of all the finer springs and movements of the inside."3 Schon Henry Fielding selbst hatte in seiner Vorrede zur zweiten Auflage der Adventures of David Simple (die wie die erste 1744 erschien) die tiefe Einsicht seiner Schwester in die geheimen Triebkräfte, die das menschliche Handeln bestimmen, hervorgehoben: "[...] the Merit of this work consists in a vast Penetration into human Nature [...]" (S. Fielding, David Simple, 5). Auch Sarah Fielding wird für ihre Einsichten in Motivationszusammenhänge gepriesen, für Wissen also, das auch in Haywoods Natura einen herausragenden Platz hatte.

Obwohl dieses Wissen auch generalisierend und erklärend als Teil der Erzählerrede dargeboten wird und kursivierte Maximen in den Text eingestreut sind, ist die Erzählinstanz in David Simple nicht mehr der privilegierte Ort, an dem alles Wissen konzentriert ist. Denn Wissen über Leidenschaften und Geschlecht wird in größerer Ausführlichkeit gerade im Rahmen der Romanhandlung produziert. Ein Beispiel: Die kleine Gruppe von Personen, die David aus verschiedenen Unglückssituationen errettet hat, trifft auf eine abwechselnd lamentierende und keifende Frau: "Cynthia and Valentine talked of this Accident in a ridiculous Light; but David, in his usual way, was for enquiring into the Cause of this Woman's Passions [...]" (S. Fielding, David Simple, 192). Die ermittelte Ursache ist dann in der Tat eher lächerlich, aber die Szene ist typisch: Der Protagonist David Simple ist nicht in erster Linie Gegenstand der Beschreibung und Deutung durch die Erzählinstanz; er ist nicht der exemplarische Charakter, an dem das zu vermittelnde Wissen illustriert wird, wie der Protagonist von Haywoods Natura; er ist vielmehr gerade eine Figur, die dieses Interesse für die Leidenschaften teilt. Es ist sein "usual way", die Gründe von zur Schau gestellten Leidenschaften ermitteln zu wollen. David ist der Hauptagent der Produktion von Daten über die innere Motivation menschlichen Verhaltens im Roman. Seine Suche nach einem wahren Freund, die sich als ein Finden der wahren Liebe mit Camilla erfüllt, ist immer auch eine Suche nach Wissen über das Wirken der Leidenschaften in anderen Menschen.

Dabei ist nicht zufällig Davids affektphilosophisches Interesse von seiner spontanen Hilfsbereitschaft untrennbar. Die empfindsame Wohltat, vollzogen von dem empfindsamen Helden David Simple, stellt den idealen Mechanismus zur Produktion eben des Wissens über die Windungen des Herzens, die Triebfedern der menschlichen Natur dar, das Richardson und Fielding gleichermaßen hervorhoben.

Daß aus dem Elend errettete Unglückliche ihre Lebensgeschichte erzählen, darf als integraler Bestandteil der empfindsamen Wohltat gelten. Der Wohltäter erwirbt durch sein Eingreifen ein Recht auf sie, gleichzeitig ist sich der Empfänger der Wohltat der Verpflichtung zur Erzählung der eigenen Lebensgeschichte wohl bewußt. Sie rechtfertigt die Wohltat durch den Nachweis, daß der Empfänger kein Unwürdiger war, und bietet den Hörern Gelegenheit, aus den geschilderten Erfahrungen zu lernen und die Richtigkeit von schon gewußten Verhaltensmaßregeln zu bestätigen. Sicherlich ist die Variationsbreite der Standardsituation beträchtlich. Der Vorspann zur Erzählung der Lebensgeschichte Camillas mag als Beispiel dienen. David hat Camilla und ihren Bruder aus großem Elend gerettet, doch hat er noch nicht erfahren, auf welche Weise die Geschwister in die Notlage geraten waren, in der er sie fand4:

David longed to know their Story, and yet was afraid to ask it, lest by that means he should discover something in their Conduct which would lessen his Esteem for them; besides, he was afraid they might not care to tell it, and it would look like thinking he had a right to know what he pleased, because they were obliged to him [...] (S. Fielding, David Simple, 132)

Davids Zurückhaltung ist also mehrfach motiviert. Einerseits fürchtet er, Unangenehmes über seine neuen Freunde zu hören. Andererseits möchte er die Geschichte nicht einfach aufgrund des erwiesenen Dienstes einfordern. Dazu kommt schließlich noch, daß er schon begonnen hat, Camilla "something more soft than Friendship, and more persuasive than common Compassion" (S. Fielding, David Simple, 132) entgegenzubringen. Schließlich unternimmt er "with the greatest Caution and Respect, lest she should be offended at his Request" (S. Fielding, David Simple, 133) einen Vorstoß. Camillas Antwort zeugt von ihrem Bewußtsein der Schwierigkeit der Situation und der Bereitschaft, sich ihrer Redeverpflichtung nicht zu entziehen. Sie sagt:

[...] she should already have related it to him, but that there was nothing entertaining in it; on the contrary, she feared from the Experience she had had of his Good-nature, it might raise very uneasy Sensations in him; but as he desired it, she should think it unpardonable in her not to comply [...] (S. Fielding, David Simple, 133)

Über Davids Erwiderung: "'he would not for the World have her do any thing to give either herself, or Brother a Moment's Pain'" geht der Text lakonisch mit der Bemerkung hinweg: "She then proceeded to relate what will be seen in the following Chapter" (S. Fielding, David Simple, 133).

Auch in Fällen, in denen die helfende Intervention virtuell bleibt, sind eingeschobene Geschichten über die Hilfsbereitschaft, die mit der Preisgabe der Lebensgeschichte der scheinbar hilfsbedürftigen Person entgolten wird, in den Gang der Erzählung eingebunden. So etwa wenn Cynthia, die ebenfalls den Beistand Davids erfahren durfte, per Zufall eine Bekannte aus Frankreich namens Isabelle wiedersieht, die von tiefer Melancholie befallen scheint. Man beginnt sofort, Vermutungen über den Grund dieser Melancholie anzustellen, und entsendet in der Hoffnung, etwas zur deren Behebung beitragen zu können, Cynthia mit dem Auftrag, Näheres zu ermitteln.

David waited with great Impatience while Cynthia was with Isabelle, in hopes at her return to learn, whether or no it would be in his power to gratify his favourite Passion (of doing Good) on this Occasion: but when Cynthia informed him, it was impossible as yet, without exceeding all Bounds of Good-Manners, to know any Occurrences that had happened to Isabelle; he grew very uneasy [...] (S. Fielding, David Simple, 195)

Auch wenn die Hilfsbereitschaft als Davids Hauptinteresse hervorgehoben wird, kommt diese doch ohne das Wissen um die Lebensgeschichte der Unglücklichen nicht aus. Wenn dieses Wissen nicht erreichbar scheint, ist Unruhe die Folge.

Cynthia erreicht indessen, daß Isabelle auch ihre Freunde empfängt, und alle geben sich Mühe, sie aufzuheitern. Als dies erfolglos bleibt und Isabelle sich zurückziehen möchte, hält man sie zurück in der Überzeugung: "what, on some Occasions, would be transgressing the Laws of Decency, in this Case would be only the Effect of a generous Compassion" (S. Fielding, David Simple, 195). David bietet ihr jeden möglichen Beistand an. Isabelle verweigert sich noch eine Weile, gibt jedoch schließlich nach:

At last, by their continual Importunities, and the Uneasiness she was convinced she gave to People, who so much deserved her Esteem, she resolved, whatever Pain it would occasion her, to comply with their Requests, and relate the History of her Life [...] (S. Fielding, David Simple, 196)

Die bloße Intention der Wohltat und der persönliche Wert der Wissensdurstigen reichen also schließlich als Redeanreize aus. Wie bereits Camilla nimmt Isabelle den eigenen Schmerz in Kauf, um das teilnehmende Interesse der Gesellschaft zu befriedigen. Bei den Unterbrechungen und Fortsetzungen der Geschichte ist dann auch nicht mehr vom Anbieten von Hilfe die Rede, sondern es heißt unumwunden: "she gratified their curiosity"5. Über fünfzig Seiten später, nachdem sie einen ausführlichen Bericht über den traurigen Verlauf ihrer Herzens- und Familienangelegenheiten abgegeben hat, pflichten alle Isabelles Entschluß, ins Kloster zu gehen, bei und lassen sie ziehen. Als Ertrag des Erzählten bleiben die Einsichten in die "finer springs and movements of the inside" des Herzens.

Großzügigkeit und das Katastrophale des strategischen Vorgehens

Die Geschichte, die Isabelle erzählt,6 läßt sich etwa so zusammenfassen: Isabelle und Dumont, Schwester und bester Freund des Marquis de Stainville, lieben einander tief und still. Der Marquis de Stainville vergöttert seine kränkelnde Frau Dorimene. Deren Bruder, Vieuville, bewirbt sich um die Hand Isabelles, und Dorimene verleiht dieser Werbung Nachdruck, indem sie die Aussichten ihrer eigenen Genesung an die glückliche Verheiratung ihres Bruders koppelt. Isabelle befindet sich in einem Dilemma, das noch verschärft wird durch die Verpflichtung und Liebe, die sie für ihren Bruder empfindet, dessen Lebensglück wieder ganz in der Gesundheit seiner Frau besteht. Das Dilemma findet seine glückliche Lösung darin, daß Vieuville nach einiger Zeit überraschend beschließt, anstelle der abweisenden Isabelle eine schöne Nachbarin mit seiner Hand zu beglücken. Eine zweite, fatale Komplikation kommt dadurch zustande, daß hinter Dorimenes Krankheit wie hinter ihrem Versuch der emotionalen Erpressung ihre übermächtige Leidenschaft für Dumont (Freund ihres Gatten, Bräutigam ihrer Schwägerin) steht. Unfähig, ihre Leidenschaft zu meistern, zwingt sie Dumont mit der Drohung, Isabelle an ihrem Hochzeitstag zu vergiften, zur Geheimhaltung ihrer Liebe zu ihm und zum Aufschub der Hochzeit. Diesmal hilft kein glücklicher Umstand aus dem Dilemma. Vielmehr entsteht der Anschein, Dumont habe ein Verhältnis mit Dorimene. Der Marquis de Stainville ersticht ihn in rasender Eifersucht und wird nach einem Selbstmordversuch aus Reue über das Mißverständnis Karthäuser. Dorimene vergiftet sich in Verzweiflung. Isabelle folgt dem Beispiel ihres Bruders und macht sich auf den Weg ins Kloster.

Isabelles Geschichte weist keine Handlungselemente auf, die nicht als Bestandteile von Liebesgeschichten vertraut wären. Im Zentrum stehen miteinander verknüpfte Liebesbeziehungen, die einander auch durchkreuzen. Ein glücklicher Ausgang liegt durchaus im Bereich des Herbeiführbaren, wird aber letztlich durch ein individuelles Fehlverhalten verhindert. Einzig Dorimenes Bruder Vieuville entrinnt der aus diesem Fehlverhalten resultierenden Katastrophe, doch um ihn kümmert sich die Erzählerin nach seiner Verheiratung nicht weiter. Der entscheidende Unterschied zu einer Liebesintrige besteht aber in der Tatsache, daß Isabelle die Ereignisse nicht unter dem Aspekt berichtet, daß alle Beteiligten um die Erringung von Vorteilen und die Vermeidung von Nachteilen für sich selbst bemüht sind. Die einzigen Figuren, die unter dieser Perspektive handeln, sind Dorimene und ihr Bruder Vieuville. Isabelle, Dumont und Stainville dagegen handeln nach einer Einstellung zu den Leidenschaften, die jener in der Governess vorgeführten gleicht: Die Zufriedenheit des einzelnen ist nur im Rahmen der Zufriedenheit aller Beteiligten zu erreichen, also muß jeder einzelne die Perspektive und Bedürfnisse des anderen mit berücksichtigen, denn über sie führt der Weg zum eigenen Glück. Generosity ist die Charaktereigenschaft, die diese Einstellung bezeichnet und die in Opposition zum taktisch klugen Streben nach persönlichen Vorteilen verstanden wird.

In Vieuvilles und Dumonts Werbung um Isabelle tritt der Kontrast zwischen diesen beiden Einstellungen deutlich hervor. Dumonts Großmut (nämlich "his great Generosity in being thus fearful of disclosing it", S. Fielding, David Simple, 221) läßt ihn Isabelle gegenüber eine große Zurückhaltung an den Tag legen. Ein Mann seines geringen Vermögens wäre keine gute Partie für die Schwester eines reichen Marquis: "he thought in his Circumstances to indulge a Passion for me, and endeavour to make me sensible of it, would be but an ill Return to his Friend for all his Goodness" (S. Fielding, David Simple, 221). Die empfangenen Verpflichtungen erfordern in besonderem Maße, daß Dumont die Konsequenzen seines Handelns für den großzügigen Freund bedenkt und ihm keinen Tort antut. Beim Auftreten des sozial wesentlich aussichtsreicheren Vieuville räumt Dumont das Feld. Die Liebe Vieuvilles tut sich offen und unverzüglich kund: "[...] from the first Day of his Arrival, the Effect I had on him was very apparent; he was seized with as sudden and violent a Passion for me, as the Marquis had been for his Sister" (S. Fielding, David Simple, 222). Vieuville kümmert sich im Gegensatz zu Dumont jedoch in keiner Weise um die Konsequenzen, die seine Werbung um Isabelle für diese selbst oder für andere Mitglieder der kleinen Gemeinschaft bringt, sondern denkt vor allem an die Erreichung seines Ziels, Isabelle zu heiraten. So ist der Versuch, Vieuville zum großmütigen Verzicht auf seine Neigung zu bewegen, aussichtslos: "I was his present Passion, and he was very careless what the Consequence of it was to me, provided he could gratify himself" (S. Fielding, David Simple, 224), erzählt Isabelle. Diese Einstellung verstärkt nur ihre Abneigung gegen ihn:

Had I before had any Inclination for him, this would entirely have conquered it; for the Contrast was so great between his Behaviour, and that of the generous Dumont, who so visibly sacrificed his own Peace to his Love for me, and his Friendship for my Brother, that my Love for the latter increased equally with my Detestation of the former. (S. Fielding, David Simple, 224)

Vieuvilles offene Bewerbung um Isabelle stößt also nicht auf Gegenliebe; Dumonts großmütige Zurückhaltung, seine so offensichtliche Hintanstellung seiner eigenen Wünsche zugunsten, wie er meint, des Glücks seines Freundes und dessen Schwester dies sind die Qualitäten, die Isabelles Liebe erregen und steigern.

Die großmütig verheimlichte Leidenschaft offenbart sich gerade in den Verhüllungsanstrengungen, die sie erfordert. So berichtet Isabelle über sich und Dumont:

Whenever we were together alone, his Thoughts appeared so fixed, that as he was fearful of saying too much, he remained in silence; and when he approached me, it was with such a Confusion in his Looks, as plainly indicated the great Disorder of his Mind. I have observed him when he has been coming towards me, suddenly turn back, and hasten away, as if he was resolved to shun me in spite of any Inclination he might have to converse with me: in short, in his Eyes, in his whole Conduct, I plainly read his Love [...] (S. Fielding, David Simple, 221)

Isabelle führt vor, wie Schweigen, Verwirrung, Ausweichen, Unfähigkeit zum Ausdruck und zum Handeln als Symptome einer großzügig verborgenen Liebe zu lesen sind.

Auch dem Bruder Isabelles bleibt diese Liebe nicht verborgen, und er, der allein eine Änderung der Lage herbeiführen kann, unternimmt nun Schritte, die zum Glück seines Freundes und seiner Schwester führen sollen. Dazu ist es allerdings doch nötig, daß die Liebenden ihre Liebe bekennen. Isabelle berichtet, wie ihr Bruder daran geht, ihr ein solches Bekenntnis zu entlocken und gleichzeitig die damit verbundene Pein möglichst zu mildern:

I fancied by the Emphasis he laid on some of his Words, that he knew the whole Truth, and was therefore resolved to take this Opportunity of disclosing my Mind to him; and yet a kind of Shame with-held my Tongue; and it was with difficulty, and in broken Accents, I at last pronounced the Word Dumont. He stopped me short, and told me there was no occasion for saying any more, for that from the very first, he with pleasure saw our growing Love [...] I was quite overwhelmed with my Brother's Goodness [...] (S. Fielding, David Simple, 225)

Wie schon bei Miss Sukeys Bekehrung7 reicht ein mit großer Überwindung vorgebrachtes und nur dem Hörer, der bereits weiß, was zu erwarten ist, verständliches Bekenntnis aus, um eine neue Situation zu schaffen. Das gepreßt hervorgestoßene "Dumont" ist schon "the whole Truth". Der Marquis kann in dieser neuen Situation die Initiative übernehmen.

Der Marquis ist es auch, der nach Vieuvilles Abreise daran geht, den zurückgekehrten Dumont zu einem Liebesgeständnis zu bringen. Er nimmt ihn beiseite und spricht ihn geradeheraus auf seine Liebe an. Dumont läßt ihn nicht weiter sprechen, sondern antwortet:

'He could not imagine by what Accident he had discovered it; for he would defy any one to say he had ever dropped the least Complaint, notwithstanding all the Misery he had suffered; nor could even the daily, nay hourly Sight of a Person he then thought his successful Rival, extort from him a Confession, which his Gratitude to such a Friend forbad him ever to make.' (S. Fielding, David Simple, 227)

Dumont impliziert also ein Liebesbekenntnis es abzustreiten käme einer Lüge gleich , betont aber vor allem, daß er die Konsequenz einer Eheschließung, die diesem Geständnis folgen müßte, weiterhin nicht fordert. Stainville kann ihn überzeugen, daß er eine Verbindung von Isabelle und Dumont nicht als soziale Injurie, sondern als Schlüssel zum Glück seiner Schwester betrachtet, und man kann die Heirat der beiden in Aussicht nehmen.

Durchkreuzt und zu einem katastrophalen Ende geführt wird die Situation dann aber durch die Liebe Dorimenes zu Dumont. Präzise gesagt, ist es das Verhalten Dorimenes, die Tatsache, daß sie keine Großmut an den Tag legt, sondern versucht, ihre Leidenschaft für Dumont zu realisieren, wodurch die Tragödie ausgelöst wird. Dorimene gesteht Dumont ihre Leidenschaft: "[...] to remove the Torment I now daily endure [...] you must give up Isabelle, you must forget the Marquis de Stainville was ever your Friend And, Oh! how shall I have Strength to utter it? my Interest in Dumont must be on my own account." (S. Fielding, David Simple, 235). Sie gesteht und strebt nach Realisierung, obwohl Vernunft, Gesellschaft und Verpflichtung gegenüber Gatten und Schwägerin einem solchen Streben entgegenstehen. Dumont versucht, das Unmögliche zu verhindern. Trotzdem entsteht der Eindruck, Dumont halte Isabelle hin und pflege ein heimliches Einverständnis mit Dorimene, der den Marquis zum Eifersuchtsmord treibt.

Bekenntnis und rätselhafte Leidenschaft

Isabelle kann ihre Geschichte erst in der Rückschau vollständig erzählen. Die Gründe für die schrecklichen Ereignisse, darunter zuallererst Dorimenes Liebe, sind lange verborgen: "now, in order to make you understand the remaining Part of my Story, I must go back, and let you into the Cause of this terrible Alteration in our Family, which I afterwards learned from the Mouth of the Person who was the occasion of it" (S. Fielding, David Simple, 229 f.). Erst auf dem Totenbett gesteht Dorimene Isabelle die Geschichte ihrer unseligen Leidenschaft, und das detaillierte und umfassende Geständnis der todgeweihten Dorimene bildet die Grundlage für die nachträgliche Sinnfüllung der Ereignisse und verbürgt die Interpretation der Geschehnisse.

Zuvor hatte Dorimene ihre Leidenschaft ja nur gegenüber Dumont bekannt und damit die Katastrophe eingeleitet. Auch die Liebesbekenntnisse von Isabelle und Dumont, jeweils gegenüber dem Marquis abgelegt, bringen je den Wendepunkt im Verlauf der Geschichte. Gegenstand des Bekenntnisses ist in allen Fällen eine geschlechtliche Leidenschaft. Wenn aber das Bekennen einer Leidenschaft jeweils Situationen schafft und Wirkungen zeitigt, so ist nicht nur im Umgang mit der Leidenschaft, sondern gerade im Bekennen der Leidenschaft mit großer Umsicht vorzugehen. Für Dorimene und Vieuville ist charakteristisch, daß sie in der gezielten Kundgabe ihrer geschlechtlichen Ziele diese zu realisieren versuchen, während Isabelle und Dumont ihre Entscheidung in der Frage, in welcher Situation und auf welche Weise sie ihre Leidenschaft kundtun sollen, gerade nach der Situation und nach den Belangen der anderen Beteiligten ausrichten.

Noch wenn Isabelle David Simple und seinen Freunden ihre traurige Geschichte erzählt, weist der Rahmen Merkmale des Bekenntnisses auf: Sie spricht über sich, sie spricht gegen einen inneren Widerstand und Schmerz, der gerade eine Begleiterscheinung des Aussprechens der Wahrheit ist, und mit den Hörern ist auch eine das Bekenntnis einfordernde Instanz gegenwärtig. Isabelle zeigt durch ihr Verhalten in der Einleitungssequenz, daß sie nach wie vor weiß, wann man sich zurückzuhalten und wann man diese Zurückhaltung durchbrechen und sich offenbaren muß. Auf allen Ebenen der Erzählung ist das Aussagen der Wahrheit über sich selbst und die geschlechtliche Leidenschaft zum zentralen erzähltechnischen Merkmal geworden.

Dieser multiple Einsatz des Bekenntnisses bedingt, daß die Instanzen, die ein Wissen tragen und verbürgen, sich ebenfalls vervielfältigen. Im Frömmigkeitshandbuch hatte das Bekenntnis seine Grenze in der nie völlig zu erzielenden Selbsttransparenz des bekennenden Subjekts. In Natura setzte sich dies in der mangelnden Transparenz der Figuren für sich selbst und für einander fort, betraf allerdings nicht die Erzählinstanz. Wo aber beteiligte Figuren erzählen, hat auch die Erzählstimme nicht mehr den vollen Zugang zu allem relevanten, wenn auch verborgenen Wissen, verfügt auch sie nicht mehr über eine privilegierte und vollständige Einsicht in die Wahrheit der Leidenschaften. Die anschließende Analyse von Richardsons Clarissa wird die Zentralität dieser nun nie mehr sicher und vollständig verfügbaren Wahrheit ausführlich verfolgen. In der Geschichte Isabelles ist es die Unfähigkeit, die verborgene Leidenschaft im anderen an ihrem Zeichen zu erkennen, die zum Mißverständnis führt und die die retrospektive Aufklärung durch Dorimenes Bekenntnis erforderlich macht.

Was ist es genau, das Dorimene dazu treibt, sich selbst und ihren kleinen Kreis in den Abgrund zu reißen? Isabelle sieht sich zweimal in ihrer Erzählung außerstande, es zu benennen. Zunächst geht es um die Natur von Dorimenes Gefühl für Dumont:

[...] she thought giving way to the highest Esteem for [Dumont] would be the greatest Proof imaginable of her Virtue: but it was not long before she was undeceived, for she found her Inclination for the Chevalier was built rather on what we call Taste, (because we want a Word to express it by) than any Approbation of his Conduct. (S. Fielding, David Simple, 230 f.)

Von "Taste" zu sprechen ist eine Verlegenheitslösung. Etwas, wofür kein passender Ausdruck existiert, lenkt Dorimenes Neigung.

Für Dumonts und Isabelles Neigung war charakteristisch, daß gerade die Versuche, sie zu verbergen, allgemein als Symptome der Liebe erkannt wurden: "the great Care we took on both sides to conceal our Love, made it only the more visible to every judicious Eye" (S. Fielding, David Simple, 221). Dorimenes Leidenschaft ist dagegen für das "judicious eye" der anderen Mitglieder der kleinen Gemeinschaft nicht als solche lesbar. Dorimene scheint schlicht und unerklärlich krank:

[...] she fell into a Distemper [...]. I know not by what Name to call it; but it was such a Dejection on her Spirits, that it made her grow perfectly childish. She could not speak without shedding Tears; nor sit a Moment without Sighing, as if some terrible Misfortune had befallen her. (S. Fielding, David Simple, 220)

Während offensichtlich die verborgene Neigung Dumonts für alle leicht erkennbar war, sind Dorimenes Krankheitssymptome ausdrücklich nicht als Anzeichen verborgener Liebe lesbar.

Man ruft ärztlichen Beistand, doch auch die Ärzte sind nicht in der Lage, die richtige Diagnose zu stellen.

[The Marquis de Stainville] sent for the most celebrated Physicians in France; and she, to comply with his Request, took whatever they ordered: But all Medicines proved vain, and rather increased, than abated her Distemper. (S. Fielding, David Simple, 220)

Erst im Anschluß an Dorimenes Geständnis kann Isabelle in der Rückschau die Zusammenhänge erklären:

The great Agitations of her Mind, between her Endeavours to conquer her Passion, and the continual Fright she was in, lest by any Accident she should discover it, threw her into that lingering Illness I have before mentioned. (S. Fielding, David Simple, 231)

Der Text problematisiert nicht selbst diese seltsame Verzögerung der Diagnose, an der ja vor allem überrascht, daß aus den Symptomen einer unerklärlichen Melancholie und Zerstreutheit, des Wunschs nach Einsamkeit und der unangemessenen Reaktionen der eigentlich konventionell zu erwartende Schluß auf eine amouröse Ursache erstens zunächst nicht gezogen wird, zweitens sich dann aber doch als zutreffend erweist. Der Text ergänzt auch nicht das 'richtige' Wort, das Dorimenes Begehren zu benennen in der Lage ist. Hinsichtlich des Grunds der gesamten Katastrophe wird zunächst ein Rätsel aufgebaut, als dessen Lösung dann die geschlechtliche Leidenschaft enthüllt wird, die im Individuum die Form der Pathologie annimmt und die der Untergang der Gemeinschaft ist. Manche Aspekte des Geschlechtlichen sind "unavoidably hid" auch für jene, die wie Isabelle und ihr Bruder an anderer Stelle zum Entziffern der Leidenschaft bei sich und anderen in der Lage sind.

Daß statt einer Liebesintrige das zunächst verborgene Wirken eines ernstzunehmenden pathologischen Potentials vorgeführt wird, läßt das Geschlechtliche nicht mehr einfach als den Bereich galanter Intrigen erscheinen. Wenn die Verbindung zu Dorimenes rätselhaftem Verhalten, ihrem nicht benennbaren Begehren und ihrer unerklärlichen Krankheit schließlich hergestellt wird, dann erscheint eine tief verwurzelte Geschlechtlichkeit als zugrundeliegende und verborgen wirkende Wahrheit. Erkennbar wird sie, ganz im Gegensatz zu den Gefühlen Isabelles und Dumonts, erst durch das Geständnis, das Dorimene selbst in einer Extremsituation kurz vor ihrem Tod ablegt.


  1. Vgl. S. Fielding, David Simple 46, 48 f., 57, 76, 96, 124 f.
  2. Der letzte Band, erschienen 1753, darf hier unberücksichtigt bleiben.
  3. Brief vom 7. Dezember 1756, zitiert nach S. Fielding, David Simple xii.
  4. Vgl. S. Fielding, David Simple 100 f.
  5. S. Fielding, David Simple 230; vgl. a. S. Fielding, David Simple 219.
  6. S. S. Fielding, David Simple 196-249.
  7. Vgl. oben S. 127 f.