Kirchhofer, Strategie und Wahrheit | frameset

Die strategische Perspektive: Konflikte zwischen Familienmitgliedern und Liebenden

Familieninterne Interessenkonflikte

Who will wonder at the intrigues and plots carried on by undermining courtiers against one another, when a private family, but three of which can possibly have clashing interests, and one of them, as she presumes to think, above such low motives, cannot be free from them? (Clarissa 82)

Clarissa stellt schon früh fest, daß sie auch wenn sie für sich in Anspruch nimmt, daß es ihr selbst nicht vor allem um die Verfolgung ihrer eigenen Interessen geht , trotzdem eine Position in einem strategischen Feld von Machtbeziehungen innehat, das im wesentlichen die Mitglieder ihrer Familie umfaßt. Auch die Beziehung zwischen Clarissa und Lovelace ist in ein Netz von Faktoren eingebettet, die insgesamt ihren Verlauf bestimmen und die sowohl Lovelace als auch Clarissa jeweils bei ihren Schritten berücksichtigen. Der Konflikt in Clarissa dreht sich zwar um das Problem der Partnerwahl Clarissas, doch seinen Ausgang nimmt er aus einem Interessenkonflikt innerhalb der Familie Harlowe.

James und Charlotte Harlowe haben drei Kinder: den Sohn James jun. und zwei Töchter, Arabella die ältere, Clarissa die jüngste. Mit ihrer Schönheit, Klugheit, Tugend und Geschicklichkeit hat Clarissa häufig die älteren beiden Geschwister in den Schatten gestellt. Sie ist der Liebling nicht nur ihrer Eltern, sondern auch ihrer beiden Onkel, wie sie auch der Liebling ihres Großvaters war, als dieser noch lebte. Auch wer sonst mit der Familie zu tun hat Aunt Hervey, die Schwester der Mutter; Mrs Norton, die Amme und Erzieherin; Dr. Lewin, der örtliche Geistliche; nicht zuletzt Clarissas beste Freundin Anna Howe und deren Mutter alle bewundern und preisen Clarissa. Beide Brüder des Vaters haben auf die Gründung eigener Familien verzichtet, um ihren nicht unbeträchtlichen Besitz den Nichten und Neffen zu vermachen und so die Chancen der Familie auf einen Adelstitel in einer der folgenden Generationen durch Bündelung des Wohlstands zu steigern. Der Großvater gar vermachte Clarissa direkt und unter Umgehung der üblichen Erbfolge ein Gut, auf dem er mit dem Kind einen sonnigen Lebensabend verlebte.

Fragen der Vererbung von Familienbesitz bilden zunächst auch den Gegenstand der Auseinandersetzung. Der älteste Bruder durfte ja den Löwenanteil erwarten, doch stellen für James die Schwestern Schmälerungen seiner Erwartungen zukünftigen Besitzes dar.1 Arabella versucht ihrerseits, die jüngere Schwester zum Bündnis gegen die "rapacious views" (Clarissa 77) des Bruders zu gewinnen. Clarissa betrachtet solche eigennützigen Erwägungen als kleinlich und versucht, sich herauszuhalten. Die erwähnte Erbschaft gibt der gesamten Situation eine neue Wendung:

[...] when my grandfather's will (of the purport of which in my particular favour, until it was opened, I was as ignorant as they) had lopped off one branch of my brother's expectation, he was extremely dissatisfied with me. Nobody indeed was pleased: for although everyone loved me, yet being the youngest child, father, uncles, brother, sister, all thought themselves postponed as to matter of right and power (who loves not power?); and my father himself could not bear that I should be made sole, as I may call it, and independent, for such the will as to that estate and the powers it gave (unaccountably, as they all said), made me. (Clarissa 77 f.)

Die ganze Familie ist also zum ersten Mal dabei, den Glanz Clarissas als zu hell und sich selbst als zu sehr in den Schatten gestellt zu empfinden.

Der familiäre Raum ist von vorneherein als ein von Interessenkonflikten durchsetzter Raum präsentiert ("who loves not power?" fragt Clarissa rhetorisch), und wenn Clarissa sich hier heraushebt, dann durch ihren souveränen Umgang mit den Machtrelationen in ihrer Familie. Sie erkennt das Erbe ihres Großvaters, das ihr zwar materielle Unabhängigkeit verschaffen würde, als eine Bedrohung ihrer bisherigen Stellung innerhalb der Familie und wendet diese Bedrohung durch Verzicht ab: "To obviate therefore everyone's jealousy, I gave up to my father's management [...] not only the estate, but the money bequeathed me" (Clarissa 78). Sie erreicht damit die Erneuerung und Fortdauer der ungetrübten Zuneigung der Elterngeneration. Doch James und Arabella, einig im Ärger über ihre Hintanstellung, sind auch durch Clarissas freiwilliges Zurücktreten nicht zu gewinnen, festigt sie doch damit wieder ihren Einfluß in der ganzen Familie.

Als sich die Verbindung von Clarissa und Lovelace anbahnt, gibt es Signale, die die Geschwister fürchten lassen, wieder zu kurz zu kommen. Von Onkel Antony wird folgende Äußerung berichtet:

'[...] he must needs say he was the more desirous of this alliance as there was a great probability, not only from Mr. Lovelace's descent, but from his fortunes, that his niece Clarissa might one day be a peeress of Great Britain and upon that prospect [...] he should, for his own part, think it not wrong to make such dispositions as should contribute to the better support of the dignity.' (Clarissa 79)

Sein Bruder John Harlowe schließt sich dieser Auffassung an, und James jun. hält mit seinem Unmut nicht hinter dem Berg: "'See, sister Bella,' said he, [...] You and I ought to look about us! This little siren is in a fair way to out-uncle as well as out-grandfather us both'" (Clarissa 80).

Zur Schmälerung ihrer Erwartungen und der Aussicht, von der Schwester an sozialem Rang überholt zu werden, treten weitere Faktoren, die für den Bruder wie für die Schwester die Verbindung von Clarissa und Lovelace als wenig wünschenswert, ja als weiteres Zeichen ihrer ewigen Zurücksetzung erscheinen lassen müssen. Zwischen James Harlowe und Robert Lovelace herrscht seit den gemeinsamen College-Tagen eine Rivalität, die sich daraus herleitete, daß James die universale Überlegenheit Lovelaces, gleichermaßen an Fleiß, Wissen, Auffassungsgabe, wie an Lebhaftigkeit, Mut und Selbstbeherrschung, nicht ertragen konnte: "they never met without quarrelling" (Clarissa 49), berichtet Clarissa, und da James immer den kürzeren zog, haßt er Lovelace zutiefst. Arabella hat zusätzlichen Grund zum Ressentiment gegen die Verbindung, weil sie sich als von Lovelace zurückgewiesen betrachten muß. Denn dieser war durch einen Irrtum seines Onkels zunächst als Bewerber um ihre Hand aufgetreten und nahm ihr anfängliches und rein der Form verpflichtetes 'Nein' zum Vorwand, um seine Bewerbung aufzugeben. Ihrer Schwester macht er jetzt sehr ausdauernd den Hof. Die Demütigung schmerzt umso tiefer, als sie Lovelace heimlich liebt und schlaflose Nächte über ihrer Qual durchseufzt.2

Insgesamt, so stellt auch Miss Howe fest, ist es kaum überraschend, daß Clarissas Brillanz nicht unangefochten hingenommen wird:

[...] this brother and sister of yours, judging as such narrow spirits will ever judge, have some reason for treating you as they do. It must have long been a mortifying consideration to them (set disappointed love on her side, and avarice on his, out of the question) to be so much eclipsed by a younger sister Such a sun in a family where there are none but faint twinklers, how could they bear it!  [...] Can you wonder then, that they should embrace the first opportunity that offered to endeavour to bring you down to their level? (Clarissa 129)

Die Gelegenheit, das Blatt gegen Clarissa zu wenden, suchen Bruder und Schwester in der Oppostion gegen die Verbindung von Lovelace und Clarissa. Mit abweisendem Verhalten gegenüber Lovelace soll ein Bruch provoziert werden, und gleichzeitig bringt James andere potentielle Gatten für die Schwester ins Spiel.3 Als diese jedoch bei den Eltern und Onkeln erreicht, zunächst keinem ihr Jawort geben zu müssen, geht James weiter. Er wirft Clarissa eine geheime Voreingenommenheit für Lovelace vor und provoziert diesen zu einem Duell, in dem er selbst unterliegt und leicht verletzt wird. Nach der gewaltsamen Auseinandersetzung ist das erste Ziel erreicht. Die Familie ist gegen Lovelace aufgebracht, es kommt zum offenen Bruch, und Clarissa wird jeder Kontakt mit Lovelace untersagt.

Eine einmonatige Abwesenheit Clarissas, die bei ihrer Vertrauten Miss Howe zu Besuch ist, nutzt James, um die Familie auf einen neuen Bewerber für Clarissa einzuschwören. Clarissas Ehe mit Mr. Solmes würde nicht nur die Gefährdung der eigenen Aussichten durch Clarissas Glanz und Aufstieg endgültig abwenden, sondern könnte sogar das Familienvermögen durch großzügige Vereinbarungen im Ehevertrag, zu denen sich Solmes bereit erklärt, noch vermehren. Es hat also den Anschein, als sollten dieses Mal James und Arabella ihre Interessen gegen Clarissa durchsetzen. Die Geschwister setzen auf die Einigkeit der Familie, Clarissas Nachgiebigkeit ("they have all an absolute dependence upon what they suppose to be a meekness in my temper", Clarissa 65), die in der Isolation einer Besuchs- und Korrespondenzsperre4 bald die gewünschte Einwilligung bringen werde. Clarissa sieht sich in eine Lage gebracht, in der ihr nur zwei unakzeptable Optionen offenstehen:

[...] thus far, let matters with regard to Mr. Solmes and me come out as they will, my brother has succeeded in his views; that is to say, he has, in the first place, got my Father to make the cause his own, and to insist upon my compliance as an act of duty.

My Mamma has never thought fit to oppose my father's will, when once he has declared himself determined.

My Uncles, stiff, unbroken, highly-prosperous bachelors, give me leave to say, though very worthy gentlemen in the main, have as high notions of a child's duty as of a wife's obedience, in the last of which my mamma's meekness has confirmed them, and given them greater reason to expect the first.

My aunt Hervey (not extremely happy in her own nuptials, and perhaps under some little obligation) is got over, and chooses not to open her lips in my favour against the wills of a father and uncles so determined.

[...]

My Brother and my Sister triumph They have got me down is their expression [...] And so they have [...], for now my brother will either lay me under an obligation to comply, to my own unhappiness, and so make me an instrument of his revenge upon Lovelace, or, if I refuse, throw me into disgrace with my whole family. (Clarissa 82)

Der geschilderte Ausschnitt aus der Konfliktlage ebenso wie häufige Analysen der strategischen Situation nach dem Muster der zitierten Passage zeigen, welchen außerordentlichen Wert der Text auf die Herausarbeitung der Wirkungszusammenhänge legt, die die Entwicklung voranbringen, bzw. die unter bestimmten Umständen einen Fortschritt gerade verhindern.

Der Text bringt zusätzlich zu den im Familienrat vertretenen Personen noch Clarissas Amme und Erzieherin Mrs. Norton und den Geistlichen Dr. Lewin sowie Clarissas Verwandten Colonel Morden ins Spiel. Von allen könnte Clarissa Unterstützung erwarten, doch können sie ihren Einfluß nicht geltend machen; den ersten beiden mangelt es an sozialem Status, und Colonel Morden, zusammen mit Onkel John Harlowe einer der Treuhänder von Clarissas Erbe, der sich den Plänen der Familie wohl nicht so völlig angeschlossen hätte, hält sich in Italien auf und bleibt so ohne Stimme.5 Ihren prinzipiellen Rückhalt hat Clarissa in ihrer Vertrauten, Ratgeberin und Informationslieferantin Miss Howe, die diese Rolle allerdings im Widerstand gegen ihre eigene Mutter erfüllt. Auch die wesentlich simplere Cousine Dolly Hervey bringt gelegentlich Zuspruch und Informationen.

Wenn Clarissa in ihrer Analyse alle ihre Fürsprecher machtlos sieht, während die Entscheidungsträger auf der Seite ihres Bruders stehen, kann sie gerade daraus die Kraft ziehen, sich nicht zu fügen: Sie ist im Recht, und auch wenn dessen Durchsetzung nach Sachlage schwierig ist, ist ihre Position die moralisch stärkere. Doch nicht nur, um sich im Recht zu fühlen, unternimmt Clarissa solche Situationsanalysen. Sie sucht auch nach immer neuen Wegen, weil sie sich als verpflichtet erachtet, alle möglichen Wege auszuschöpfen, die ihr eine Vermeidung der Ehe mit Mr. Solmes erlauben würden: "when I have tried every expedient, I shall have the less to blame myself for if anything unhappy should fall out" (Clarissa 140).

Gerade diese Gewissenhaftigkeit Clarissas dient unter anderem als Ansatzpunkt für das Vorgehen des Bruders. James Harlowe ist deshalb so erfolgreich, weil er auf Clarissas allgemein anerkannter Vorbildlichkeit aufbaut. So wird beispielsweise Clarissas Ruf hoher Moral und Einsicht in Anspruch genommen, um ihre Einwände gegen Mr. Solmes zu entkräften. Wie kann eine derart vorbildliche Tochter den Mann, den ihre Eltern ihr bestimmten, wegen seiner körperlichen und geistigen Mängel ablehnen?

[...] Person in a man is nothing, because I am supposed to be prudent, So my eye is to be disgusted and my reason not convinced 

[...]

Thus are my imputed good qualities to be made my punishment, and I am to be wedded to a monster (Clarissa 95 f.)

Noch in entscheidenderer Weise besteht der Kern der Taktik, mit der es James gelingt, seine Pläne zunächst durchzusetzen, darin, die eingestandene Vortrefflichkeit Clarissas zum Argument für den schroffen Umgang mit ihr zu machen. Clarissas Klugheit dient allen zum Nachweis der Notwendigkeit, sich auf keine Diskussion mit ihr einzulassen. Immer wieder wird es Clarissa verboten, mit der Familie zu anderen Zwecken in Kontakt zu treten als zur Übermittlung ihrer bedingungslosen Einwilligung in deren Pläne. Werden ihre Briefe doch beantwortet, so wird die Überzeugungskraft ihrer Argumente mit dem Hinweis auf "the knack you are noted for at writing"6 vorsorglich und pauschal suspendiert. Der Onkel John Harlowe schildert die Angst vor Clarissas Überlegenheit im Zuge eines der wenigen gutartigen Versuche, Clarissa umzustimmen:

[...] since you have displayed your talents and spared nobody, and moved everybody without being moved, you have but made us stand the closer and firmer together. [...] We are all afraid to see you, because we know we shall be made as so many fools. Nay, your mamma is so afraid of you, that once or twice, when she thought you was coming to force yourself into her presence, she shut the door and locked herself in, because she knew she must not see you upon your terms, and you are resolved you will not see her upon hers. (Clarissa 253 f.)

So ist die ganze Familie von der Notwendigkeit der geeinten Kompromißlosigkeit überzeugt; nur diese Verpflichtung zur Einigkeit garantiert eine Aussicht, der Übermacht Clarissas zu widerstehen: "we are an embattled phalanx. [...] We have agreed all to be moved, or none; and not to comply without one another: so you know your destiny, and have nothing to do but to yield to it" (Clarissa 150).

Clarissa weiß umgekehrt, daß ihre Chance im Appell an einzelne liegt, und unternimmt verschiedene Versuche, die Interessengemeinschaft der Familie aufzubrechen. Deren kurzfristig erfolgversprechendster wiederholt das bereits erprobte Verzichtsmuster und besteht im Angebot der gänzlichen Aufgabe ihres großväterlichen Erbes. Sie stellt diese Möglichkeit mit folgenden Worten vor:

I have no doubt that Mr Solmes would greatly prefer my sister to such a strange, and averse creature as me. His chief, or one of his chief motives to address me, is, as I have reason to believe, the contiguity of my grandfather's estate to his own. I will resign it; for ever I will resign it: and the resignation must be good, because I will never marry at all7: I will make it over to my sister, and her heirs for ever. I shall have no heirs, but my brother and her; and I will receive, as of my papa's bounty, such an annuity (not in lieu of the estate, but as of his bounty), as he shall be pleased to grant me [...] (Clarissa 255)

Nicht nur, daß die Größe des Opfers allen die Ernsthaftigkeit von Clarissas Abneigung verdeutlichen soll; der Verzicht zielt auch darauf ab, die Einigkeit der "embattled phalanx" durch die Erzeugung von Einzelinteressen aufzubrechen. Der väterlichen Autorität wird durch die völlige Auslieferung an sie, die Clarissa in Aussicht stellt, geschmeichelt. Onkel, Mutter und Tante dürften gerührt sein. Die Besitzwünsche der Schwester wie des Bruders werden, wenn auch auf unterschiedliche Weise, interessiert. Sollte Solmes Interesse zeigen, so würde er damit seine wahre Motivation demonstrieren, wie sich überhaupt die materiellen Interessen der Geschwister entlarven würden.

Die Geschwister aber rechnen ihr bei der Diskussion des Vorschlags nicht nur diese, sondern noch schlimmere Absichten zu und setzen damit die Zurückweisung des Angebots durch. Clarissa sei, wie sie durch Betty Barnes erfährt,

[...] a vile, artful creature. [...] My uncle Harlowe has been taken in [...]. They knew how it would be, if he either wrote to me or saw me. He has, however, been made ashamed to be so wrought upon A pretty thing, truly, in the eye of the world, were they to take me at my word. It would look as if they had treated me thus hardly, as I think it, for this very purpose. [...] I myself could mean nothing by it but to see if it would be accepted, in order to strengthen my arguments against Mr Solmes. (Clarissa 256)

Die "Phalanx" ist dadurch gerettet und Clarissa nicht nur als unwiderstehlich disqualifiziert, sondern zusätzlich als hinterlistig diskreditiert. Der Verzicht auf ihr Gut, der Clarissa zuvor rettete, bleibt dieses Mal ohne Wirkung.

In all diese Auseinandersetzungen scheint Lovelace nicht verwickelt. Alle Beziehungen Clarissas zu möglichen Ehegatten werden zunächst vorrangig als Funktion des Familienkonflikts reflektiert. Doch hier gibt der Text auch andere Perspektiven vor. Im Verlauf der Ereignisse wird immer klarer, daß Lovelace nicht unbeträchtlich an den Vorgängen in der Familie beteiligt ist.

Lovelace und der Familienkonflikt

Clarissa unterhält eine heimliche Korrespondenz mit Lovelace. Sie führt diese Korrespondenz sogar mit der stillschweigenden Billigung der Mutter, um Lovelace von einer Eskalierung seines Konflikts mit den Harlowes abzuhalten. Daraus erwächst für Lovelace ein privilegierter Zugang zu Clarissa, der für diese nicht ungefährlich ist. Miss Howe warnt:

Already, in order to restrain him from resenting the indignities he has received and which are daily offered him, he has prevailed upon you to correspond with him privately. I know he has nothing to boast from what you have written. But is not his inducing you to receive his letters, and to answer them, a great point gained? By your insisting that he should keep this correspondence private, it appears that there is one secret that you do not wish the world should know; and he is master of that secret. He is indeed himself, as I may say, that secret! What an intimacy does this beget for the lover! How is it distancing the parent! (Clarissa 71)

Auch in den Verhandlungen mit der Familie ist es wichtig, die Verbindung mit Lovelace zu haben, um an ihre Aufgabe Bedingungen knüpfen zu können. So argumentiert sie gegenüber ihrer Vertrauten Miss Howe:

It is easy to see that if I do not break it off, Mr. Lovelace's advantages by reason of my unhappy situation will every day increase, and I shall be more and more entangled; yet if I do put an end to it, without making it a condition of being freed from Mr. Solmes's address May I, my dear is it best to continue it a little longer, in hopes, by giving him up, to extricate myself out of the other difficulty? (Clarissa 117)

Dabei ist dieser Zugang zu Clarissa nicht die einzige Weise, auf die Lovelace mit den Ereignissen im Haus der Harlowes in Verbindung steht, denn in James Harlowes Diener Joseph Leman verfügt er über einen Doppelagenten, mit dessen Hilfe er die ganze Familie manipuliert. Leman wurde ursprünglich dafür eingesetzt, im Auftrag der Harlowes aus Lovelaces Diener Informationen über dessen Pläne herauszuholen. Als Lovelace ihn ertappte, ließ sich "honest Joseph" als Gegenspion engagieren. Keiner der Beteiligten kann ohne Joseph Leman auskommen: James vertraut ihm weiterhin, und Lovelace sichert sich so zuverlässige und detaillierte Informationen über die Vorgänge in der Familie und die Pläne James'. Er erhält darüber hinaus nicht nur Kenntnis vom Informationsstand seiner Widersacher, sondern kontrolliert sogar, welche Informationen über ihn in die Familie gelangen. Lovelace triumphiert: "the rascal is caressed by the uncles and nephew; and let into their secrets; yet proceeds all the time by my line of direction" (Clarissa 164). Auch Clarissa, der die Doppelagententätigkeit Lemans nicht verborgen bleibt8, erscheint es, sogar als sie sich selbst dem Verdacht ausgesetzt sieht, Lovelaces Informationsquelle zu sein, nicht geraten, Leman zu enttarnen:

Although I approve not of the method [Lovelace] stoops to take to come at his intelligence, yet is it not prudent in me to clear myself by the ruin of the corrupted servant (as his vileness has neither my connivance, nor approbation), since my doing so might occasion the detection of my own correspondence [...] (Clarissa 343)

Die Schlüsselfigur Joseph Leman verfolgt dabei im wesentlichen ihre eigenen Interessen, zu deren Erreichung der zentrale Konflikt ihm Gelegenheit bietet und an die er Lovelace immer wieder unterwürfig erinnert:

[...] commending myself to your honner's furthir favour, not forgetting the inne, when your honner shall so please, and a good one offers [...]

[...]

As to Mrs Betty; I tho'te, indede, she looked above me. But she comes on very well, nathelesse. (Clarissa 386)

Ein eigenes Gasthaus und eine Wirtin dazu, das ist es, was für Joseph auf dem Spiel steht, und er ergreift die Chance, die sich ihm bietet. Lovelaces Geschick besteht darin, die Interessen Joseph Lemans in den Dienst der Erreichung seiner eigenen Ziele zu nehmen.

Sein gesamtes Vorgehen im Konflikt mit der Familie um Clarissa basiert, wie er immer wieder bemerkt, auf diesem Prinzip:

[...] the whole stupid family were in a combination to do my business for me. I told thee that they were all working for me, like so many underground moles; and still more blind than the moles are said to be, unknowing that they did so. I myself, the director of their principal motions; which falling in with the malice of their little hearts, they took to be all their own. (Clarissa 387)

Die gesamte komplexe Situation im Hause Harlowe bildet eine Kombination von Faktoren, die Lovelaces eigenen Plänen zuarbeiten. Seine Kenntnis der charakterlichen Voraussetzungen und der Interessenlage in der Familie ermöglicht es ihm, seine Gegner und Werkzeuge nicht etwa gegen ihren Willen zu etwas zwingen zu müssen; dieser Weg wäre wesentlich unsicherer, denn Clarissas Beispiel zeigt, daß bei solchem Vorgehen mit Widerstand gerechnet werden muß. Lovelace läßt vielmehr die Ziele und Interessen der anderen intakt und nimmt sie in den Dienst der Durchsetzung seines eigenen Plans.

Um die Entscheidungen anderer wirkungsvoller in die erstrebte Richtung zu lenken, spezialisiert sich Lovelace auf die Gestaltung der Daten, aufgrund derer die andere Person entscheidet.9 So läßt er Joseph bestimmte Informationen weitergeben, von denen er sicher sein kann, daß sie zu einer Zuspitzung der Fronten führen werden. Schon der sonst noch sehr zurückhaltende fiktive Herausgeber der ersten Ausgabe hebt diesen Sachverhalt in einer Anmerkung eigens hervor: "It may not be amiss to observe in this place, that Mr Lovelace artfully contrived to drive them [i.e. the Harlowes] on by permitting his agent and theirs to report machinations which he had no intention, nor power, to execute" (Clarissa 348).

Gerade weil Lovelace seine Ziele nicht unter Brechung, sondern unter Benutzung des Willens anderer verfolgt, ist es aber letztlich nur eine Frage der Perspektive, wer wessen Ziele fördert. Und diese Perspektiven sind nicht aufeinander reduzierbar, sind nicht in einer umfassenden Sicht aufzuheben, die privilegierte Geltung beanspruchen könnte. Lovelaces Vertrauter Belford macht sich später als Clarissas Fürsprecher genau diese Tatsache zunutze, um Lovelaces Triumph in Frage zu stellen und ihn zu einer Änderung seines Verhaltens gegenüber Clarissa zu bewegen:

[...] thou vainly imaginest that the whole family of the Harlowes [...] are but thy machines, unknown to themselves, to bring about thy purposes and thy revenge: what art thou more or better than the instrument even of her implacable brother and envious sister, to perpetuate the disgrace of the most excellent of sisters, which they are moved to by vilely low and sordid motives? Canst thou bear, Lovelace, to be thought the machine of thy inveterate enemy James Harlowe? Nay art thou not the cully of that still viler Joseph Leman, who serves himself as much by thy money, as he does thee by the double part he acts by thy direction? (Clarissa 604)

Es hilft nichts, daß Lovelace flucht: "An instrument of the vile James Harlowe, dost thou call me? Oh Jack! how I could curse thee!" (Clarissa 609). Die Tatsache bleibt bestehen, daß Lovelaces Vorgehen essentiell an die Erhaltung der Handlungsfreiheit des anderen gebunden ist, und solange er die Motivationen anderer in den Dienst seiner eigenen nimmt, kann er sie nicht gleichzeitig invalidieren.

Der Verlauf der Liebesbeziehung von Clarissa und Lovelace ist genauso eine Funktion des Familienkonflikts, wie umgekehrt Lovelace diesen Konflikt in den Dienst seiner Pläne nimmt. Die Machtbeziehungen, zu denen Familienkonflikt wie Liebesbeziehung Anlaß geben, sind ineinander verschränkt und lassen sich nicht trennen oder der jeweils einen oder anderen Relation zuweisen. Der Roman zeichnet gerade ein intrikates Netz von solchen Machtbeziehungen, und keine der beteiligten Personen steht außerhalb dieses Beziehungsgeflechts.

Die Beziehung zwischen Clarissa und Lovelace

Auch nachdem Clarissa mit Lovelace ihr Elternhaus verlassen hat, macht der Text immer wieder deutlich, daß es sich ungeachtet der Anstrengungen Lovelaces, es möglichst dahin zu bringen nicht um eine hermetisch abgeschlossene Beziehung handelt. Indem Lovelace Clarissa geschickt veranlaßt, das angebliche Haus der Witwe Sinclair und ihrer Nichten (in Wirklichkeit eine Kupplerin und zwei junge Frauen, die Lovelace verführte und dann zur Prostitution brachte) als Aufenthalt zu wählen, schafft er eine Umgebung, die gänzlich unter seiner Kontrolle stehen soll. Daß er und Clarissa sich vor der vermeintlich respektablen Hausherrin als heimlich getraut ausgeben, versteht er als Einübung Clarissas in die Rolle der inoffiziellen Mrs. Lovelace, die er ihr zudenkt. Clarissa untersteht nicht nur der strikten Überwachung, sondern muß auch noch unter dem Druck einer von Lovelace simulierten öffentlichen Meinung agieren.

Ohne dies eingeplant zu haben, ist Lovelace jedoch auch selbst von dem Bild abhängig, das sich die Frauen von ihm machen; auch sein Verhalten ist ihrem Urteil ausgesetzt. Dies zeigt seine Reaktion auf eine Zurückweisung, die er durch Clarissa erfährt: "Cruel creature, thought I, to expose me thus to the derision of the women below!" (Clarissa 644), heißt es etwa im Anschluß an eine Auseinandersetzung, bei der sich Lovelace nicht durchsetzen konnte. Die Frauen, denen daran liegt, den Bordellbetrieb auch im von Clarissa bewohnten Teil ihres Hauses wieder aufnehmen zu können, und mit denen Lovelace keine solchen Umstände machte, drängen ihn wiederholt zur sexuellen Tat:

How do these creatures endeavour to stimulate me! (Clarissa 535)

[...] the women urge me on; for they are continually complaining of the restraint they lie under in their behaviour, in their attendance; neglecting all their concerns in the front house and keeping this elegant back one entirely free from company, that she may have no suspicion of them. [...] Women, ye reason well. I think I will begin my operations the moment she comes in. (Clarissa 633)

They again urge me [...] They remind me that the situation of their house is such, that no noises can be heard out of it [...] (Clarissa 702)

Lovelace sieht sich also unter einem Druck, den auch die Tatsache, daß die Frauen seine 'gedungenen Werkzeuge' sind, nicht beseitigen kann. Indem er sich ihrer bedient, schafft er unausweichlich eine Situation, in der sie als Faktoren nicht mehr auszuschließen sind.

Auch die Einführung anderer gedungener Lieferanten von Scheinwirklichkeit tendiert immer wieder dazu, die Situation zu öffnen. Jeder Faktor, der von Lovelace zu seinem Vorteil eingeführt wird, kann sich auch anders auswirken. So bekommt etwa Mennell, der Agent, der bei Clarissa die Hoffnung auf den baldigen Einzug in das Haus einer erfundenen älteren Dame wachhalten soll, Gewissensbisse: "Mennell has declared that he cannot in conscience and honour go any farther He would not for the world be accessory to the deceiving of such a lady!" (Clarissa 658). Ähnlich geht es mit dem von Lovelace als fiktiver Freund des Onkels Harlowe eingeführten Captain Tomlinson, der eine Versöhnung mit der Familie herbeiführen wolle, falls Clarissa und Lovelace tatsächlich verheiratet seien. Lovelace zielt darauf ab, Clarissas Wunsch nach Versöhnung mit ihrer Familie dazu zu nutzen, ihr eine Heirat mit ihm erstrebenswert scheinen zu lassen und mit ihr als mit seiner Braut umgehen zu können, wobei er den Zeitpunkt der Verehelichung selbst bestimmen und immer wieder aufschieben kann. Auch Tomlinson ist indessen nicht immer im Stande, seine Rolle in den Dreiergesprächen, in denen er Lovelace sekundieren soll, durchzuhalten: "[Clarissa] burst into tears, which even affected that dog [Tomlinson], who, brought to abet me, was himself all Belforded over" (Clarissa 823). Ohne daß Clarissa dies überhaupt hätte beabsichtigen können (ihr Bild der Situation ist ja ein gänzlich manipuliertes), hat ihr Verhalten einen Effekt, der gegen Lovelace statt für ihn arbeitet.

Auch wenn der Text den Konflikt der beiden Protagonisten weiterhin in einem Netzwerk von taktischen Effekten ansiedelt, so sind doch mit Lovelace und Clarissa je deutlich identifizierbare Strategien verbunden, die im dritten und vierten Band der Erstausgabe gegeneinanderstehen. Lovelace hat eine Lieblingsvision seiner Zukunft mit Clarissa: das von ihm so genannte "life of honour"10, eine Welt, in der alle situationsrelevanten Daten zu seiner Disposition stehen:

What a delightful manner of life (Oh that I could persuade her to it!) would that be with such a lady! The fears, the inquietudes, the uneasy days, the restless nights; all arising from doubts of having disobliged me! Every absence dreaded to be an absence for ever! And then, how amply rewarded, and rewarding, by the rapture-causing return! Such a passion as this keeps love in a continual fervour; makes it all alive. The happy pair, instead of sitting dozing and nodding at each other in two opposite chimney-corners in a winter-evening, and over a wintry love, always new to each other, and having always something to say. (Clarissa 521)

Clarissa dagegen strebt nach ihrer unfreiwilligen Flucht aus dem Elternhaus einerseits eine Versöhnung mit ihrer Familie an, für die sie auch bereit wäre, Lovelace aufzugeben, andererseits aber ist sie zugleich (als Folge ihres Schrittes und nicht zuletzt auf Anraten von Miss Howe) schon früh zur Ehe mit Lovelace bereit, sofern alles auf ehrenvolle Weise geschieht. Auch sie hat schon seit langem ihre Lieblingsvision von einem Leben mit Lovelace. Wenn sie an diesen denkt,

[...] then has the secret pleasure intruded itself, to be able to reclaim such a man to the paths of virtue and honour: to be a secondary means, if I were to be his, of saving him, and preventing the mischiefs so enterprising a creature might otherwise be guilty of, if he be such a one. (Clarissa 183)

Was schon für die Geschwister zutraf, gilt nun aber auch für Lovelace: Ein Leben neben Clarissa wäre ein Stück Unterworfensein, das er so schwer ertrüge wie sie sein life of honour: "To be excelled by a wife [...] in every part of praiseworthy knowledge! To take lessons, to take instructions, from a wife! [...] So visible a superiority, to so proud a spirit as mine!" (Clarissa 658).

So ist der Konflikt zwischen Lovelace und Clarissa vom Moment ihres Weggangs aus dem Elternhaus bis zu dem Moment ihrer Vergewaltigung letztlich je auf die konfligierenden strategischen Ziele des life of honour und des reformed rake ausgerichtet. Die Vergewaltigung Clarissas, die früh im Verlauf der letzten Lieferung des Romans stattfindet, bringt dann den entscheidenden Einschnitt, indem sie für Clarissa die Möglichkeit der Verwirklichung ihrer Lieblingsvision endgültig beseitigt. Lovelace hat mit der pharmakologischen Suspendierung ihres Bewußtseins, die Clarissa die Freiheit nahm, sich zu fügen oder Widerstand zu leisten, ein Element aus der Beziehung eliminiert, das ihm zuvor noch Dienste leistete. Denn die Vergewaltigung beseitigt für Clarissa die Möglichkeit, die Rolle seiner Gattin in der Gesellschaft einnehmen zu können.

When thou vowedst, when thou promisedst at Hampstead, I had begun to think that I must be thine. [...] I could then have brought thee what was most wanted, an unsullied honour in dowry to a wretch destitute of all honour; and could have met the gratulations of a family, to which thy life has been a continued disgrace, with a consciousness of deserving their gratulations. (Clarissa 908)

Solange Lovelace nötigenfalls Clarissa heiraten würde, solange Clarissa auch ihre Ehe noch als eine Aufgabe und nicht schon als den Lohn ihrer Tugend und die Verwirklichung ihrer Lieblingsvision zu betrachten bereit ist, gibt es noch einen Spielraum, in dem einzelne taktische Schritte wie etwa die Intervention des vermeintlichen Captain Tomlinson ihre Wirkung entfalten können. Mit dem Wegfall dieses Ziels ist auch die Beziehung zwischen Clarissa und Lovelace entscheidend modifiziert:

I renounce thee forever, Lovelace! [...] Seek thy fortunes wheresoever thou wilt! only now, that thou hast already ruined me

Ruined you, madam The world need not I knew not what to say 

Ruined me in my own eyes, and that is the same to me, as if all the world knew it Hinder me not from going whither my mysterious destiny shall lead me 

[...]

I never, never will be yours, said she, clasping her hands together, and lifting up her eyes! I never will be yours! (Clarissa 909)

Wenn Lovelace in der Folge den Entschluß faßt, sich Clarissas Vorstellungen zu fügen11, ist es bereits zu spät. An die Stelle der Lieblingsvision ist endgültig ein anderes strategischen Ziel getreten12: die endgültige Vermeidung von Lovelace, die Vorbereitung auf ihren sühnenden und glorifizierenden Tod und die Zusammenstellung ihrer Rechtfertigung vor der Welt. Diese Ziele bestimmen Clarissas Handeln bis zu ihrem Tod.

In den folgenden Abschnitten wird es darum gehen, den Aspekt der Wahrheit des Geschlechtlichen in den Rahmen der bis jetzt herausgearbeiteten strategischen Reflexionen im Text einzuordnen. Bislang erscheint der Roman im wesentlichen als eine Geschichte der wirksamen Faktoren, die dazu geführt haben, daß bestimmte Ereignisse sich an bestimmten Punkten auf bestimmte Weise ineinander verschränkten. In all diesen Konflikten herrscht zwar eine beständige Referenz darauf, wie sich die Vorgänge auf die zentrale Liebesbeziehung zwischen Lovelace und Clarissa auswirken, doch es ist kein amouröser Widerstreit, der sich zuträgt. Der Text zeigt im Gegenteil permanent, wie nicht-geschlechtliche Faktoren dieses Verhältnis beeinflussen. Denn die Mittel, mit denen der Konflikt ausgetragen wurde, waren nicht etwa jene Mittel der amourösen Vorteilsgewinnung die vorteilhafte Kleidung, die gewinnende Erscheinung, die verschwenderische Großzügigkeit, mit denen sich Octavio in das Herz von Sylvia schlich oder der unvermerkten Empfänglichmachung der Seele für amouröse Impulse, welche die Maßnahmen des Herzogs gegenüber Charlot zum Ziel hatten. Stattdessen findet zwischen Lovelace und Clarissa eine fast politische Auseinandersetzung um korrekte Verfahrensweisen statt, verschiedene Verhandlungen über die Aufgabe oder Übernahme von Positionen laufen nebeneinander ab.

Und doch hat die Problematisierung von Machtbeziehungen in diesem Text die Problematisierung von Leidenschaften und Geschlecht nicht einfach ersetzt, sondern das Geschlechtliche kommt auf eine andere Weise ins Spiel: Es steht wie auch in den anderen bereits untersuchten Romanen aus den 1740er Jahren nicht mehr dominant im Zeichen taktischer und strategischer Erwägungen, auch wenn hier diese Erwägungen einen großen Raum einnehmen, sondern es wird unter dem Aspekt der Wahrheit problematisiert: Als kontroverse Wahrheit des Subjekts, des Geschlechts, der geschlechtlichen Leidenschaft steht das Geschlechtliche in entscheidender Weise im Zentrum des Geflechts von Konflikten, die bislang analysiert wurden.


  1. Vgl. Clarissa 77.
  2. Vgl. Clarissa 85.
  3. Ein Mr. Symmes, ein Mr. Mullins, zum wiederholten Mal ein Mr. Wyerly und auch schon ganz entfernt Mr. Solmes werden genannt (vgl. Clarissa 56).
  4. Vgl. Clarissa 63.
  5. Seine Präsenz würde es Clarissa erleichtern, sich unter Einforderung des großväterlichen Erbes von ihrer Familie unabhängig zu erklären.
  6. Clarissa 154; vgl a. Clarissa 161.
  7. Denn ein Ehemann könnte auch gegen Clarissas Willen auf der Grundlage des großväterlichen Testaments die Abtretung des Besitzes anfechten.
  8. Vgl. Clarissa 117, 126 und vor allem Clarissa 261.
  9. Lovelace ist nicht allein in der Anwendung dieser Taktik. Clarissa greift, als sie hört, daß die Familie eine Durchsuchung ihres Zimmers plant, zum Schutz ihrer Vorräte an Schreibgerät (immer ein dominantes logistisches Problem für Richardsons Protagonistinnen) zu einer ganz ähnlichen Präparation dessen, was den Suchenden als unpräparierte Realität erscheinen muß, und versäumt nicht, die Gelegenheit zu nutzen, um für sie sprechende Dokumente in die Hände der Familie zu spielen: "I have given them a clue, by the feather of a pen sticking out, where they will find such of my hidden stores as I intend they shall find. Two or three little essays I have left easy to be seen, of my own writing. About a dozen lines also of a letter begun to you [...] They know from your mamma, by my uncle Antony, that somehow or other, I now and then get a letter to you. In this piece of a letter, I declare renewedly my firm resolution to give up the man so obnoxious to my family, on their releasing me from the address of the other." ( Clarissa 365 f.). Ingeniös funktioniert sie das Eindringen in ihren privaten Raum zum Forum um und verschafft sich in einer Familie, die sie zum Schweigen zu bringen versucht, Gehör. Dabei ist genau wie bei Lovelace die Wirkung ihres Vorgehens unbedingt auf den Anschein angewiesen, daß die Information gerade ohne ihr Zutun erlangt wurde.
  10. Vgl. Clarissa 720.
  11. Vgl. Clarissa 952.
  12. Allerdings ist festzuhalten, daß das bisherige Ziel nun als ein tragischerweise nicht mehr erreichbares fortbesteht: "Poor man, said she! I once could have loved him. This is saying more than I could ever say of any other man out of my own family! Would he have permitted me to have been a humble instrument to have made him good, I think I could have made him happy!" ( Clarissa 1341).