Kirchhofer, Strategie und Wahrheit | frameset

Erzählstrategie und Nicht-Wissen des Subjekts bei Sterne, Goldsmith und Mackenzie (1759-1771)

 

 

Kaum mehr als ein Jahrzehnt nach Clarissa werden 1759 die ersten beiden Bände von Sternes Tristram Shandy veröffentlicht, in den folgenden knapp anderthalb Jahrzehnten erscheinen nicht nur die sieben weiteren Bände dieses Romans (bis 1767) sondern auch mit Sternes Sentimental Journey through France and Italy. By Mr. Yorick (1768), Oliver Goldsmiths Vicar of Wakefield (1766) und Henry Mackenzies The Man of Feeling (1771) die Romane, die als die herausragenden Werke der späteren Empfindsamkeit in England gelten. Von den Texten der vierziger Jahre unterscheiden sich die Romane vor allem durch ein massives Zurücknehmen des strategischen Aspekts von Liebesbeziehungen zugunsten einer Konzentration auf die Wahrheit des (empfindsamen) Subjekts. Es ist gerade diese Wahrheit des Subjekts, nicht mehr das Zusammenspiel taktischer Faktoren, woraus sich auch der Verlauf von Liebesbeziehungen ableitet. Für das empfindsame Subjekt ist dabei gerade jene Opazität charakteristisch, die schon Clarissa prägte: eine Geschlechtlichkeit, die zutiefst identitätskonstitutiv ist und die zugleich dem Subjekt selbst nicht oder nicht gänzlich verfügbar ist. Diese Frage nach der Wahrheit des Subjekts und der Geschlechtlichkeit bestimmt auch die Kommunikationssituation der Romane insgesamt. Die Erzählinstanz tritt nun wieder wesentlich mehr in den Vordergrund als in den Romanen der vierziger Jahre; sie ist aber nicht mehr in erster Linie die Quelle direkter Mitteilung an die Leser, sondern bezieht in entscheidender Weise deren Interpretationsfähigkeiten in den Erzählakt ein und macht so die Opazität von Subjekt und Geschlechtlichkeit zum gestaltenden Element des Erzählvorgangs.

Desavouierung der strategischen Perspektive

Die vorausgegangenen Kapitel haben sich bereits zu zeigen bemüht, daß in Romanen des ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhunderts für die Erzählinstanz eine strategische Perspektive charakteristisch ist, während in den späteren Texten strategische Erwägungen grundsätzlich anders gewertet werden. Für die Romane der Jahrhundertmitte ließ sich feststellen, daß die geschlechtliche Leidenschaft vorrangig unter dem Aspekt der Wahrheit problematisiert wird. Dorimene und Vieuville in Isabelles Geschichte in David Simple sowie Lovelace und James Harlowe in Clarissa waren die Figuren, die ihr Verhalten vor allem an strategischen Erwägungen ausrichteten. Doch die Suche nach dem eigenen Vorteil und das Bestreben, persönliche Nachteile zu vermeiden, werden in den Romanen als unheilvoll gewertet. Dem Verhalten dieser Figuren fehlt jene Großzügigkeit, die die Bedürfnisse aller anderen Beteiligten berücksichtigt und die gerade im Vorteil der anderen das eigene Glück als Teil des gemeinsamen Glücks verwirklicht. Sie scheitern nicht nur bei der Verwirklichung ihrer Absichten, sondern stürzen sogar den Kreis von Personen, in dem sie agieren, häufig in den Untergang: Vieuville gefährdet das Zusammenleben der kleinen Gruppe, die im Haus des Marquis de Stainville versammelt war; Dorimene löst das fatale Mißverständnis aus, das zum Eifersuchtsmord führt, und ruiniert das Lebensglück aller Beteiligten; Lovelace ruiniert Clarissas und sein eigenes Leben in den Tod, und Clarissas Bruder James beraubt die Familie Harlowe ihres wertvollsten Mitglieds und verdunkelt die verbleibende Lebenszeit aller.1 In der Geschichte von Charlot dagegen war es die Figur, die taktische Fehler machte und also nicht richtig oder konsequent ihren eigenen Vorteil verfolgte, die allein unterging, während die Verhältnisse der restlichen Personen stabil blieben.

Dabei, so haben die vorausgegangenen Analysen ebenfalls zu zeigen versucht, entfaltet die geschlechtliche Leidenschaft ihre Macht sowohl in den auf ihren Vorteil bedachten als auch in den großzügigen Figuren, sowohl in Dorimene als auch in Clarissa: eine Macht, die nicht gänzlich erkennbar und auch nicht vollständig zu kontrollieren ist; eine Macht, die die Selbsttransparenz und Selbstkontrolle des Subjekts dieser Leidenschaft immer in Frage stellt. Als ein Wissensbereich, der für das erkennende Subjekt besondere Gefahren der Täuschung birgt, ruft das Geschlechtliche nach immer anderen Verfahren zur Erkenntnis der Wahrheit des Geschlechtlichen und der Wahrheit des Subjekts dieser Geschlechtlichkeit. Nicht mehr vorrangig der Bereich der Austragung von Auseinandersetzungen ist das Geschlechtliche, sondern Gegenstand von Erkenntnisprozessen und wahren Aussagen; die Auseinandersetzungen, die dann geführt werden, erschöpfen sich nicht in der Erringung von Vorteilen und der Vermeidung von Nachteilen, sondern werden um die Erkenntnis der Wahrheit (der Leidenschaft, des Subjekts, des Geschlechts) geführt.

Indessen fehlt zielgerichtetes Handeln im Hinblick auf die Herbeiführung eines erwünschten Zustands in Clarissa keineswegs. Clarissa strebt gerade eine Situation an, in der alle Beteiligten ihr gemeinsames Interesse an einer funktionierenden Gemeinschaft erkennen und sich insbesondere hinsichtlich ihrer Leidenschaften dementsprechend verhalten2). Aber konfrontiert mit den Machenschaften ihres Bruders und Lovelaces greift Clarissa genauso zu Listen, Taktiken und Manövern wie ihre Widersacher. Quasi aus Notwehr und zur Herbeiführung einer wünschenswerten Situation ist eine strategische Perspektive durchaus als legitim vorgesehen.

In den nun noch zu untersuchenden Texten sind in keinem Fall grundlegende Interessenkonflikte Ausgangspunkt der Erzählung; es geht nie darum, durch wirkungsvolle taktische Maßnahmen Ziele zu erreichen. Ob es sich um den disparaten Gesprächskreis aus Walter Shandy, Toby Shandy und (in wechselnden Kombinationen) Dr. Slop, Trim und Yorick handelt; ob es das traute Familienidyll des Vicar of Wakefield ist, das so mannigfache Schicksalsschläge und Verfolgungen erleidet, oder die Situationen, in denen der empfindsame Reisende Yorick oder der Gefühlsmensch Harley emotional reagieren es geht nie darum, Probleme durch kluges und überlegtes Handeln anzugehen. Dieses Merkmal des späten empfindsamen Romans ist in der Sekundärliteratur schon lange diagnostiziert worden3: Die Figuren handeln nicht mehr, sie fühlen nur noch; die Texte sind eine Aneinanderreihung von Episoden, deren jede die vorhergehende an rührender Wirkung zu übertreffen sucht.

Auch zeitgenössisch wurde, wie folgender Auszug aus einer Rezension von Henry Brookes Fool of Quality belegt, ein Geschmackswandel thematisiert:

To criticize in the terms of art upon this novel would be as absurd as to condemn a Chinese landscape for not being drawn according to the principles of architecture and perspective. There is a freedom and a goodness of heart discernible through the whole, which, to a benevolent mind, may be more pleasing than a strict adherence to occurrences of common life, and to what the painters call the il costumi [sic]. We shall therefore dismiss it with a candid acknowledgement, that several passages affected us to an uncommon degree, which is a greater recommendation than any arising from the mechanical properties of writing.4

Der Mangel an Wahrscheinlichkeit, der die plötzlichen Schicksalsumschwünge und zufälligen Zusammentreffen in dem fraglichen Text charakterisiert, wäre also nur ein Manko, wenn man den Text an einem Wahrscheinlichkeitskriterium mißt, das aber seiner Abfassung gar nicht zugrunde gelegen hat. Offenherzigkeit und Güte ("a freedom and a goodness of heart") kennzeichnen vielmehr das Werk, und es bezieht seinen Wert nicht aus der künstlerischen Qualität, sondern aus seinen emotionalen Wirkungen auf die Leser. Was nun diesem Wandel zum Opfer fällt, ist nicht nur ein poetologisches Wahrscheinlichkeitskriterium, sondern auch die beispielsweise in Clarissa noch starke Konzentration des Romans darauf, welche Faktoren und Kombinationen von Umständen zu welchen Ereignissen führen.

Unkenntnis oder sogar bewußte Ablehnung solcher taktischer und strategischer Zusammenhänge kennzeichnen auch die Protagonisten dieser Texte. Yorick wird seine "unwary pleasantry" (Sterne, Tristram Shandy, 1.12.57), sein spontaner Witz, der auf die Eitelkeiten und Empfindlichkeiten anderer keine Rücksicht nimmt, zum Verhängnis. Er nimmt sich gelegentlich vor, den Ermahnungen seines Freundes Eugenius zu folgen und sich zu zügeln, um nicht mit jedem Scherz, den ihm sein Humor eingibt, neue Feinde zu sammeln, doch dieser Entschluß kommt viel zu spät:

[...] a grand confederacy, with ***** and ***** at the head of it, was formed before the first prediction of it. The whole plan of the attack, just as Eugenius had foreboded, was put into execution all at once, with so little mercy on the side of the allies, and so little suspicion in Yorick, of what was carrying on against him, that when he thought, good easy man! full surely preferment was o'ripening, they had smote his root, and then he fell, as many a worthy man had fallen before him. (Sterne, Tristram Shandy, 1.12.58 f.)

Das Shakespearesche Alas, poor Yorick! ist "epitaph and elegy" (Sterne, Tristram Shandy, 1.12.60) des ahnungslosen Opfers einer humorlosen, nachtragenden und berechnenden Welt.

Dr. Primrose, Titelheld des Vicar of Wakefield, steht zu Beginn des Romans kurz davor, seinen Sohn George mit der Tochter eines "neighbouring clergyman, who was a dignitary in the church, and in circumstances to give her a large fortune" (Goldsmith, Vicar, 7) zu verheiraten, doch die beiden Väter des Brautpaars geraten in eine hitzige Kontroverse über die Rechtmäßigkeit von Eheschließungen bei verwitweten Klerikern. Ein Verwandter nimmt Dr. Primrose beiseite und rät ihm, sich zu mäßigen. Sein Vermögen sei durch den Bankrott und die Flucht eines Kaufmanns fast zur Gänze verloren und, so der Verwandte weiter, "I suppose, your own prudence will enforce the necessity of dissembling, at least till your son has the young lady's fortune secure" (Goldsmith, Vicar, 9). Der Vicar lehnt aber diese Form der "prudence", die unter vorgetäuschten Voraussetzungen seinen Vorteil und den seines Sohnes gesichert hätte, ab. Er gibt die Nachricht der Verarmung seiner Familie sofort weiter, und die Ehe der Kinder kommt nicht zustande.

Auch Harley, der Protagonist des Man of Feeling, erweist sich als unfähig, sein materielles Fortkommen in der Welt zu sichern. Der Versuch, sich als Erbe einer entfernten Verwandten zu etablieren, zu dem ihn seine Vormünder ermuntern, scheitert daran, daß er gar kein Geschick zur Schmeichelei hat: "he accommodated himself so ill to her humour, that she died, and did not leave him a farthing" (Mackenzie, Man of Feeling, 13). Ein zweiter Anlauf zur Vergrößerung seines Vermögens, "an endeavour to get a lease of some crown-lands, which lay contiguous to his little paternal estate" (Mackenzie, Man of Feeling, 13), führt ihn mit einer Empfehlung seines Nachbarn Mr. Walton nach London. Der mächtige Mann, der seine Interessen beim zuständigen Minister vertreten soll, setzt sich dann allerdings für einen anderen Interessenten ein: nicht für einen "gentleman who had long served his majesty in another capacity, and whose merit had entitled him to the first lucrative thing that should be vacant" (Mackenzie, Man of Feeling, 74), wie er selbst behauptet, sondern einen, der ihm seine Schwester als Näherin ins Haus schickt, wo sie sich, so wird nahegelegt, ihm prostituiert.5 Harley fährt unverrichteter Dinge nach Hause.

Die drei Beispiele zeigen, daß die empfindsame Figur nicht die Gefahr sieht, in der sie schwebt, daß sie ein interessegeleitetes Verhalten als unwürdig ablehnt, ja kaum die Mittel kennt, um ihre Interessen zu sichern.6 Taktisch kluges und auf den eigenen Vorteil bedachtes Handeln ist in all diesen Beispielen das Merkmal der 'Welt'.


  1. Dies wird nocheinmal ausdrücklich hervorgehoben in der Conclusion ( Clarissa 1489).
  2. Das heißt konkret, daß Lovelace zu einer Konversion gebracht werden soll, die ihre wesentlichen Punkte mit den Konversionen der Schülerinnen von Mrs. Teachums Internat teilt: Er soll eine neue Wahrheit der Leidenschaften akzeptieren und sie seinen Handlungen zugrundelegen.
  3. Frederick Karl stellt beispielsweise fest: "Many of these fictions, including The Fool of Quality. The Man of Feeling, Sterne's Sentimental Journey, appear to form a subgenre of their own. [...] Their conflicts [...] are of little validity, since tension is established to reach a preresolved moral point, which is the real focus of the narrative." (Karl 1974: 228).
  4. Monthly Review XXII (1766), 204, zitiert nach Park (1967), p. 36.
  5. Vgl. Mackenzie, Man of Feeling 74 f.
  6. Eine Ausnahme ist Mr. Burchell alias Sir William Thornhill, der seine "sickly sensibility of the miseries of others" (Goldsmith, Vicar, 16), als sie ihn finanziell zu ruinieren drohte, rechtzeitig einer rationalen Kontrolle unterwerfen konnte (vgl. Goldsmith, Vicar, 17). Ohne regelrecht den Intrigen der Welt ausgesetzt zu sein, gelingt es Sir William Thornhill, die selbstzerstörerische Tendenz seiner Empfindsamkeit zu kontrollieren. Auch seine Aktionen im Roman sind aber nicht die Resultate strategischer Überlegungen, und wenn er sich am Ende als Retter aus höchster Not herausstellt, so sind es unvermutete Zusammentreffen und plötzliche Handlungswendungen, die ihn alles aufklären und zum Besten ordnen lassen.