Kirchhofer, Strategie und Wahrheit | frameset

Aspekte einer Genealogie der Repressionshypothese

Die charaktergebundene Interpretation des Geschlechtlichen, die als Kernstück des Sexualitätsdispositivs angesehen werden kann, findet sich, so haben insbesondere die letzten beiden Kapitel zu zeigen versucht, schon in den empfindsamen Romanen sowohl auf der Geschichts- als auch auf der Vermittlungsebene in zentraler Rolle. Die Repressionshypothese, Denunziation einer Macht, die die natürliche Sexualität unterdrücke, ließ sich dagegen in den untersuchten Texten nicht nachweisen. Sie gehört vielmehr in der Form, in der sie die literaturwissenschaftliche Empfindsamkeitsforschung hauptsächlich beeinflußt hat, in die zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Hinsichtlich der sozialen Dimension der Sexualität vertrat Sigmund Freud in Das Unbehagen in der Kultur (1930) die Ansicht, die Unterdrückung bzw. für eine geringe Anzahl von Privilegierten die Sublimierung von Sexualität sei ein Erfordernis der Zivilisation. Die Gegenposition daß die Unterdrückung der Sexualität ein individual- und sozialpathologisches Phänomen sei, von dessen Beseitigung das Wohl der Gesellschaft abhänge ist vor allem an den Namen des ehemaligen Freud-Schülers Wilhelm Reich geknüpft, der ebenfalls 1930 eine programmatische Schrift veröffentlichte, die zuerst unter dem Titel Die Sexualität im Kulturkampf erschien und später erweitert unter dem Titel Die sexuelle Revolution Neuauflagen erlebte.

Zwei Merkmale sind beiden Positionen gemeinsam, werden von beiden in spezifischer Weise kombiniert. Zum einen ist dies eine Argumentationsfigur: Sie fassen ein Tatsächliches als Abweichung vom Natürlichen auf, nach deren Gründen sie suchen. Anderseits ist es ein thematischer Fokus: Sie konzentrieren sich auf Elemente der Opazität und des Unterlassens. Jedes dieser Merkmale hat indessen eine eigene Geschichte, die getrennt zu betrachten ist und die nun noch in ihrem Bezug auf das hier analysierte Material angedeutet werden soll.

Die Argumentationsfigur: das Natürliche vs. das Tatsächliche

Die Argumentation, die auf der Repressionshypothese aufbaut, hat typischerweise etwa folgende Form: Eine bestimmte Verhaltensweise wird in den Blick genommen und in ein Spannungsfeld eingerückt. Dabei wird einerseits ein gesellschaftliches Interesse daran konstatiert, daß ein Individuum sich auf bestimmte Weise verhält. Hiervon wird andererseits eine Verhaltensweise unterschieden, die dem Individuum von Natur aus gemäß sei. Das tatsächliche Verhalten läßt sich so als Abweichung von einer natürlichen Veranlagung bestimmen, und als Grund für diese Abweichung läßt sich das gesellschaftliche Interesse am Status quo angeben. Träger dieses gesellschaftlichen Interesses ist ein Herrschaftsapparat, der für die Existenz des einen und das Unterbleiben des anderen Verhaltens sorgt. An eine derartige Konstellation lassen sich dann unterschiedliche Positionsnahmen anschließen. Man kann es billigen oder mißbilligen, es für unausweichlich oder für fatal halten, daß ein Hiatus zwischen Natürlichem und Tatsächlichem besteht. Insbesondere entsteht aber so die Möglichkeit einer Kritik an Bestehendem, die nicht im Namen von unterschiedlichen Interessen erfolgt, sondern die sich auf die Wahrheit berufen kann. Es stehen sich nicht konfligierende Strategien gegenüber, sondern es steht das Natürliche gegen die Macht.

Wenn sich nun auch in den untersuchten Texten eine solche Argumentation in dieser Form noch nicht fand, so ist sie doch in anderer Form am Ende des 18. Jahrhunderts schon nachzuweisen und klingt in den untersuchten Texten in bestimmten Teilaspekten an. Das früheste hier behandelte Beispiel einer ähnlichen Kritik bezieht sich auf die Frage, was das wahre Wesen der Frau sei. In der Ladies Library wurde ein gesellschaftlich herrschendes Frauenbild auf der Basis eines aus den Frömmigkeitshandbüchern gespeisten Frauenbilds kritisiert. Jenes bestehende Selbstverständnis von Frauen, das sich vor allem auf die Stärke ihrer erotisch-strategischen Position stützte, wurde als Effekt interessegeleiteter Suggestion diskreditiert. Die Position, die die Ladies Library selbst vertritt, ist allerdings noch nicht als eine natürliche ausgewiesen, die sich von selbst entwickeln würde, wenn die schädliche soziale Beeinflussung aufgehört hätte. Vielmehr geht es um den Zugang zu bestimmten Formen der Bildung, also gerade um einen Bereich, in dem sich alternative Formen der Selbstkonstruktion entfalten können.1 Natur und Natürlichkeit bilden noch nicht die Basis der Kritik.

Am Ende des Jahrhunderts, in Mary Wollstonecrafts Vindication of the Rights of Woman (1792) etwa, spielt die Natur dann aber die entscheidende Rolle in der Begründung feministischer Kritik. Auch Wollstonecraft fordert Zugang zu Bildung für Frauen und sieht eine universale Keuschheit als die Voraussetzung für allgemeinen und gegenseitigen Respekt, während eine fortgesetzte Reduzierung der Frau auf ihre geschlechtliche Dimension einer Perpetuierung der Ungleichheit der Geschlechter gleichkäme. Zugenommen hat im Vergleich zum frühen 18. Jahrhundert zweifellos die Vehemenz und das Ausmaß der Forderungen2. Während die Kompilatorin der Ladies Library Anleitungen für ihr persönliches Verhalten zusammenstellt, ist es Wollstonecraft um Veränderungen auf gesellschaftlicher Ebene zu tun. Bemerkenswert ist aber vor allem, daß die Positionen, die nach Wollstonecraft zur Minderachtung der Frau führen, gerade jene empfindsamen sind, um deren Etablierung es der Ladies Library ging. Zwar ist weiterhin Miltons Frauenbild Gegenstand der Kritik, aber weit ausführlicher wendet sich Wollstonecraft gegen die "herd of Novelists" (Wollstonecraft, Vindication, 116), gegen Rousseau und gegen Dr. Gregory, dessen posthumes A Fathers Legacy to his Daughters (1774) der populärste Verhaltensratgeber des ausgehenden 18. Jahrhunderts war. Gegen sie alle richtet sich der Vorwurf, nur eine Perspektive für die Frau zu sehen: Sie müsse sich so formen, daß sie den Männern gefalle. Eine charakteristische Passage läßt die Unterschiede zu den Positionen des frühen 18. Jahrhunderts erkennen:

Dr Gregory [...] actually recommends dissimulation, and advises an innocent girl to give the lie to her feelings, and not dance with spirit, when gaiety of heart would make her feet eloquent without making her gestures immodest. In the name of truth and common sense, why should not one woman acknowledge that she can take more exercise than another? or, in other words, that she has a sound constitution; and why, to damp innocent vivacity, is she darkly to be told that men will draw conclusions which she little thinks of? Let the libertine draw what inference he pleases; but, I hope, that no sensible mother will restrain the natural frankness of youth by instilling such indecent cautions. (Wollstonecraft, Vindication, 111 f.)

Noch Clarissa war überzeugt gewesen, daß Eltern sich um die Keuschheit der Tochter zu sorgen und sie vor Verführern zu warnen haben, daß sie ihr strategisches Wissen zu vermitteln haben, das ihr hilft, Verführern keine Blöße zu bieten.3 Mary Wollstonecraft betrachtet diese Dinge nicht mehr als Schlüssel zum universalen Respekt, nicht mehr als zur Wahrung der Keuschheit erforderlich, sondern sie sieht diese Bemühungen im Widerspruch zu einer Natürlichkeit, die sich ohne diese Intervention sich selbst überlassen entwickeln würde. Im Unterschied zur Argumentation der Ladies Library erscheint hier die Natur als die Wahrheit, auf deren Basis die markierte Praxis der Erziehung junger Frauen als inauthentisch bezeichnet und kritisiert wird.

Das Geschlechtliche spielt in dieser Kritik wieder eine spezifische Rolle. Die Lehren der Eltern werden nun nicht mehr als richtig und wichtig für die Beförderung der Keuschheit erachtet. Sie werden auch nicht, wie dies später der Fall sein wird, als Repression der natürlichen Geschlechtlichkeit denunziert. Sie werden im Gegenteil gerade als sexualisierend gebrandmarkt. Die Bewußthaltung der möglichen geschlechtlichen Implikationen des Verhaltens und die dunklen Andeutungen, die vom Frömmigkeitshandbuch bis zur frühen Sexualmedizin als dilemmatische Conditio des unerläßlichen keuschheitswahrenden Sprechens über das Geschlechtliche galten, bewirken nach Wollstonecraft gerade eine Sexualisierung der Frau, die als Mittel zur Erhaltung der Ungleichheit der Geschlechter dient. Nur Männer sind demnach universale Menschen, während Frauen auf das Geschlechtliche reduziert werden. Die Argumentation mit dem Hiatus zwischen Tatsächlichem und Natürlichem ist also durchaus nicht darauf festgelegt, Natürlichkeit und Geschlechtlichkeit zu verknüpfen, sondern kann, wie hier, diese einander gegenüberstellen.

Hinsichtlich der Rolle des empfindsamen Menschen in der unempfindsamen Welt finden sich auch im Man of Feeling Ansätze einer Kritik, die einen aktuellen Zustand als inauthentisch markiert und demgegenüber einen natürlichen Zustand als gesellschaftlich verhindert ansieht. Harley spricht auf dem Sterbebett zu seinem vertrauten Freund:

This world [...] was a scene in which I never much delighted. I was not formed for the bustle of the busy, nor the dissipation of the gay: a thousand things occurred where I blushed for the impropriety of my conduct when I thought on the world, though my reason told me I should have blushed to have done otherwise. It was a scene of dissimulation, of restraint, of disappointment. I leave it to enter on that state, which, I have learned to believe, is replete with the genuine happiness attendant upon virtue. (Mackenzie, Man of Feeling, 127 f.)

Der Kontrast zwischen empfindsamem Charakter und kalter Welt ist der Widerspruch zwischen der natürlichen Veranlagung Harleys und dem Verhalten, das in der Gesellschaft Aussicht auf Erfolg und Anerkennung hat. Es geht dabei gerade nicht darum, diese Veranlagung als eine in allen Menschen vorhandene, jedoch nur von wenigen entwickelte auszuweisen. Harley sagt nicht, die ganze Welt verdränge ihre Empfindsamkeit und mache den zum Opfer, der dies nicht tue. Aber Harley muß doch seine eigene exzeptionelle Feinfühligkeit in der Welt unterdrücken, auch wenn er dadurch nicht einmal gesellschaftlichen Erfolg erntet.

Die diesseitige Welt ist also kein Ort, der empfindsamen Regungen Raum zur Entfaltung bietet; die ewige Seligkeit scheint jedoch dann gerade einen solchen Entfaltungsspielraum zu bieten:

There are some feelings which perhaps are too tender to be suffered by the world. The world is in general selfish, interested, and unthinking, and throws the imputation of romance or melancholy on every temper more susceptible than its own. I cannot think but in those regions which I contemplate, if there is any thing of mortality left about us, that these feelings will subsist; they are called, perhaps they are weaknesses here; but there may be some better modifications of them in heaven, which may deserve the name of virtues. (Mackenzie, Man of Feeling, 128 f.)

Auch wenn Welt und Feinfühligkeit vor allem als disjunkte Räume präsentiert werden, ist in diesem Kontrast doch die Basis für eine wertende Kritik zu erkennen. Harleys Vernunft verurteilt die Maßstäbe, die das richtige Handeln in der Welt bestimmen ("my reason told me I should have blushed to have done otherwise"); seine von der Welt als Schwäche denunzierten Gefühle aber erfahren ihre Rechtfertigung dadurch, daß sie das Dauerhafteste und gleichsam Paradiesischste am Menschen sind und daß sie aus dem Schatten, in dem sie in diesem Leben stehen, heraustreten werden, um in ihrer himmlischen Form zu triumphieren. Der Text beschränkt sich dabei auf die Darstellung eines Charakters, dessen Vernunft und Gefühlen die Welt widerstrebt, ohne zur expliziten Kritik fortzuschreiten. Er schafft mithin die Voraussetzungen einer Argumentation, die auf dem Kontrast von sozial bedingtem Tatsächlichem und natürlich Angelegtem aufbaut, führt diese Argumentation jedoch nicht durch. Er bereitet den Grund für eine Kritik, die sich dann, weil sie sich im empfindsamen Roman selbst noch nicht durchgeführt findet, mit der Diagnose der empfindsamen Hemmung gegen diese ihre Vorform wenden wird.4

Die Themen der Opazität und der Unterlassung

Die untersuchten Texte enthalten, auch wenn in ihnen eine Kritik des Tatsächlichen auf der Basis des Natürlichen noch nicht nachzuweisen ist, eine Vielzahl von Elementen, die aus dieser späteren Perspektive herausgegriffen werden konnten, als es zu belegen galt, daß die Sexualität, um das bessere Funktionieren einer bestimmten Gesellschaftsform zu gewährleisten, unterdrückt worden sei. Es handelt sich insbesondere um zwei Themen, die in den untersuchten Texten immer wieder eine zentrale Rolle spielten: die Opazität des Geschlechtlichen auf der einen Seite und die Unterlassung von geschlechtlichen Handlungen auf der anderen.

Die Opazität wurde bereits ausführlich als ein konkomitantes Phänomen der Problematisierung des Geschlechtlichen unter dem Aspekt der Wahrheit analysiert. Die Unmöglichkeit, die Selbsterforschung jemals abzuschließen oder letzte Sicherheit über ihre Ergebnisse zu erlangen, begleitet das Gebot der Selbsterforschung von dem Moment an, wo es uns im Frömmigkeitshandbuch begegnete. Im Rahmen der Repressionshypothese gilt die Opazität nun nicht mehr als das natürliche Gegenüber der Suche nach der Wahrheit des Geschlechtlichen, sondern als Resultat einer Zensur und Untersagung der Erkenntnis, des Wissens, des Aussprechens.5

Das Thema der Unterlassung von geschlechtlichen Handlungen ist zentrales Element der Tugend der Keuschheit. Um den Nachweis, daß die Keuschheit nicht mit dem Verbot, zu denken, zu sprechen, zu handeln identisch ist, selbst wenn sie als "abstention from all forms of uncleanness" definiert wird, haben sich schon die Ausführungen zum Frömmigkeitshandbuchs bemüht6: Keuschheit ist vielmehr das Korrelat für ein Bündel von Handlungen, Gedanken und Aussagen, die alle eine Referenz auf das Fleisch, auf das Geschlechtliche haben, auch wenn sie nicht selbst geschlechtliche Handlungen sind (einzige Ausnahme, daran sei ebenfalls erinnert, ist der mäßige Genuß des Ehebetts7). Es handelt sich also um ein Geflecht von Verhaltens-, Rede- und Denkanweisungen, in dem das Nichtzustandekommen möglicher geschlechtlicher Gedanken, Aussagen und Handlungen eine entscheidende Rolle spielt, das sich aber insgesamt eben nicht in einer Negativität erschöpft, sondern den negativen Elementen, die es enthält, einen ganz spezifischen Ort in einem Netz von Verhaltens-, Rede- und Denkoptionen, kurz: im Rahmen eines Dispositivs zuweist. Diese Positivität ist überall dort auszumachen, wo die Thematisierung der Keuschheit aufgenommen wird, auch wenn der Akzent, mit dem sich diese Tugend präsentiert, immer gerade jener der Enthaltsamkeit und also der Unterlassung ist. Daß sie eine bestimmte lokal determinierte Funktion im Rahmen eines Plans oder eines Maßnahmenbündels erfüllt, gilt übrigens auch für die strategisch motivierte Unterlassung geschlechtlicher Handlungen: nämlich dann, wenn ein Akteur zu der Einschätzung kommt, daß von einer geschlechtlichen Handlung nachteilige Wirkungen ausgehen würden.

Die Themen der Unterlassung und der Opazität werden dort enggeführt, wo sich die Frage nach der rechten Form der Unterweisung im Geschlechtlichen stellt. Wo das Geschlechtliche zu benennen ist und gleichzeitig die Unkeuschheit vermieden werden soll, da ist eine Sprechweise gefordert, die das Geschlechtliche ins Implizite verlagert und einen Konsens mit den Adressaten darüber herstellt, daß zur Wahrung der Keuschheit und zur möglichsten Vermeidung anderer Verwendungen als der intendierten das Geschlechtliche aus den impliziten Andeutungen zu decodieren ist. Gerade hier wird jedoch deutlich, daß diese Schritte nicht in der Unterlassung, sondern in einem Sprechen nach ganz bestimmten Regeln bestehen.

Gleich, ob geschlechtliche Handlungen unterlassen werden, um taktische Vorteile zu gewinnen oder um die Seele rein zu halten; gleich, ob das Thema der Keuschheit im Dienst der Modifikation einer weiblichen Subjektposition oder der körperlichen Gesundheit steht; gleich, welche Sicht der gesellschaftlichen Verträglichkeit des Geschlechtlichen je vertreten werden soll überall, wo geschlechtliche Handlungen unterlassen werden und geschlechtliche Bedeutungen unsicher oder verborgen sind, kann die Repressionshypothese zugreifen und diese Elemente als Resultate des fundamentalen Verbots interpretieren, welches das Verhalten wie das Wissen hinsichtlich des Geschlechtlichen betrifft. Unterdrückung der Instinkte und Verschleierung der geschlechtlichen Tatsachen sind ja etwa nach Ian Watt die beiden Charakteristika, die den empfindsamen Umgang mit der Sexualität beschreiben.8 Unterlassung und Opazität sind dann genau jene Tatsächlichkeiten, die von einer späteren Position als Abweichungen vom Natürlichen kritisiert werden können.

Bevor das Geschlechtliche aber die Stelle jenes Natürlichen einnehmen konnte, bedurfte es noch einer ganzen Reihe von Modifikationen des Wissens über Leidenschaften und Geschlecht; mit den Wissensermittlungsprozeduren, die im empfindsamen Roman die Wahrheit von Subjekt, Leidenschaften und Geschlecht hervorbringen und aneinanderknüpfen, gehören die Texte in die Genealogie jenes späteren Wissens, das sich dann umwendet, um sie unter die zentralen Dokumente und Agenten der Unterdrückung des Geschlechtlichen einzuordnen.


  1. In anderem Zusammenhang hat Carol Kay hervorgehoben, daß Clarissas Selbstideal keinen Anspruch auf Natürlichkeit impliziert, sondern sich bewußt als Konstruktion versteht: "The detection we make when we see that Clarissa's consistent moral character is a deliberate construction would not have dismayed Richardson nor unmasked his morality. Conscious effort, imitation of others, modeling behavior on good books are good indications, when they are persistent; they are not signs of inauthenticity." (Kay 1988: 177 f.). Als Bestätigung von Kays Feststellung läßt sich auch der deutliche Mustercharakter der Bekenntnisse der Schülerinnen in der Governess verstehen. Eine zeitgenössische Argumentation, die das Geschlechtliche im Spannungsfeld von natürlichem Impuls und gesellschaftlich erwartetem und antrainiertem Verhalten ansiedelt, wird zum Abschluß dieser Arbeit behandelt.
  2. Man muß allerdings in Rechnung stellen, daß im jeweils zeitgenössischen Spektrum der Geschlechterkonzeptionen Steele eine gemäßigte, Wollstonecraft aber eine radikale Rolle zukommt (vgl. Blanchard 1929); doch liegt hierin nicht das Wesentliche.
  3. Vgl. oben S. 168.
  4. Dasselbe gilt für die ausführlich beschriebenen Weisen, die Wahrheit des Subjekts mit der Geschlechtlichkeit zu verbinden. Erst wenn das Geschlechtliche tatsächlich der Kern des Menschen geworden ist, kann eine spätere Argumentation ansetzen, die ein Wissen über die natürliche Entfaltung dieser Sexualität in Anschlag bringt, um die Geschlechtlichkeit des Empfindsamen als eine vom Natürlichen abweichende Tatsächlichkeit zu beschreiben.
  5. Herausragendes Beispiel für eine Verborgenheit des Geschlechtlichen, die in keiner Weise mit Repression in Verbindung zu bringen ist, bietet der Fall der Madam St. Amant (vgl. oben S. 211 ff.).
  6. Vgl. oben S. 74 ff.
  7. Vgl. a. Taylor, Holy Living, 74: " Chastity is either abstinence or continence. Abstinence is that of Virgins or Widows: Continence of married persons."
  8. Vgl. Watt (1957), p. 172.