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Edition von Gottlieb Stolles Reisejournal

Gottlieb Stolle

Gottlieb Stolle (1673-1744), gebürtig aus Liegnitz in Schlesien, war Schüler von Christian Thomasius und Johann Franz Budde in Halle. Er ging 1706 bei Buddes Wechsel mit seinem Lehrer nach Jena, wurde dort 1713 Adjunkt an der philosophischen Fakultät und 1717 ordentlicher Professor für Politik. 1730 wurde er Vorsitzender der Jenenser Deutschen Gesellschaft, 1738 erhielt er die Aufsicht über die Universitätsbibliothek und 1743 auch einen Lehrauftrag für Moral. Stolle war einer der gelehrten Frühaufklärer, die mit großen Kompendien zur Jurisprudenz, Geschichte und Philosophie eine nachhaltige Wirkung auf die folgenen Generationen ausgeübt haben.

Reisestationen
1703-1704

Vom 24. April 1703 bis Ostern 1704 hat Stolle als Hofmeister mit seinem Schützling Johann Ferdinand von Halmenfeld (geb. ca. 1680) und dessen Vetter Hallmann eine Bildungsreise unternommen, die sie von Halle über Magdeburg, Helmstedt, Braunschweig, Wolfenbüttel, Hannover, Hamburg, Bremen, Emden Groningen, Franeker, Amsterdam, Leiden, Den Haag, Rotterdam, Utrecht, Wesel, Duisburg, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Gießen, Marburg, Kassel, Gotha, Erfurt, Weimar, Jena, Halle, Leipzig, Berlin, Frankfurt an der Oder bis zurück nach Halle führte.

A
Die Zusammenstellung aus dem Reisejournal

Sowohl Stolle als auch Hallmann haben während dieser Reise intensiv Tagebuchaufzeichnungen über ihre Gespräche und Beobachtungen geführt hauptsächlich Gespräche mit Gelehrten, die nach ihren Ansichten über bestimmte Themen befragt wurden. Am Ende der Reise hat Stolle in einer ersten Niederschrift die beiden Aufzeichnungen ineinandergefügt, wenn auch nur schematisch, indem Hallmanns Texte mit Zwischentiteln der Art "Extract aus Mr Hallmanns Journal" eingeschoben wurden. Aus diesem Konvolut hat Stolle offenbar zunächst eine gekürzte Version hergestellt, von der es eine Abschrift eines ungebildeten Schreibers gibt (Text A).

C
Ein für den Druck vobereitetes Manuskrtipt

Doch Stolle war damit nicht zufrieden und hat eine zweite Bearbeitung vorgenommen, die den Text sehr präzise ausgestaltet und die unterschiedlichen Tagebuchtexte organisch miteinander verwoben hat. Er gab dieser sehr umfangreichen Schrift sie umfaßte sechs Folianten den Titel "Dreyer vertrauter Schlesier Reise Journal durch einen Theil Deutschlands und Hollands, darinnen der Zustand verschiedener Höffe und Academien auch anderer Orthe aufrichtig und freymüthig vorgestellet wird". Diese Bände sind heute nicht mehr vorhanden (zumindest nicht aufgefunden), doch existiert die Abschrift eines Teils des 843 Seiten umfassenden ersten Drittels der Reise auf 229 Seiten, eine Abschrift, die Christian Thomasius sich hat machen lassen, als Stolle ihn 1725/26 darum bat, das Manuskript durchzusehen, Verbesserungen und Streichungen vorzusehen und zur Drucklegung an einen Verleger zu vermitteln (Text C).

B
Eine nochmals gekürzte Fassung

Thomasius hat vom Druck abgeraten, offenbar weil der Text zu umfangreich war. Stolle hat also eine weitere Bearbeitung vorgenommen, die den Text gekürzt und pointiert hat. Diese Fassung war nicht ganz, aber doch zu größten Teilen zum Ende gelangt und ist ebenfalls auf uns gekommen (Text B).

Textvergleich

Alle vorhandenen Texte sind unterschiedlich. Text A bietet den Vorteil, auch über Höfe und politische Angelegenheiten zu berichten, hat aber zahlreiche Abschreibfehler. Text B ist um ein Drittel kürzer als A, ist aber ein Autograph Stolles und repräsentiert offenbar den letzten Stand der Druckvorbereitung. Es fehlen dort allerdings der Anfang der Reise (Halle, Magdeburg), und das Ende ist nur in einer unbearbeiteten, nicht von Stolles Hand stammenden Abschrift vorhanden. Text C ist am detailreichsten und enthält auch Randbemerkungen von Thomasius, umfaßt aber nur einen kleinen Auszug des Gesamttextes.

Bekannte Auszüge

Von Text A gibt es auch einen Auszug im Ms. Geogr. 74 der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, gemacht von Johann Christoph Wolf, ebenfalls einen nur fragmentarischen Auszug im Ms. Extravag. 253,6 der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel.

Von Text B ist etwa ein Fünftel in Form von Auszügen von Guhrauer veröffentlicht worden. Guhrauer hat auch als erster auf die große quellengeschichtliche Bedeutung des Stolleschen Reisejournals hingewiesen, für das sich schon Thomasius, Budde, Wolf, Lessing und andere interessiert hatten. Er bezeichnet es als das bedeutendste Dokument seiner Art für die Zeit des frühen 18. Jahrhunderts. Die Bedeutung liegt vor allem in der Genauigkeit der Beschreibungen und psychologischen Beobachtungen, die Stolle und Hallmann machen, aber auch in den zentralen Fragen, die sie stellen. So forschen sie in Holland ihre Zuhörer nach Zeugnissen über Spinoza aus; und die Spinoza-Forschung ist es denn auch gewesen, die Stolle als Quelle bisher ausgiebig benutzt und gewürdigt hat. Sonst ist es bei kleineren Auswertungen von Partien zu Spener, zur rheinisch-westfälischen Kirche und zu Poiret geblieben. All die Gespräche mit Zeitgrößen wie Pierre Bayle, Jean Le Clerc und vielen anderen liegen noch im Dunkeln. Guhrauers Absicht, das ganze Manuskript zu veröffentlichen, konnte von ihm nicht mehr realisiert werden. Mit dem Unzugänglichwerden der Breslauer Bibliothek nach dem Zweiten Weltkrieg gerieten auch die Stolleschen Manuskripte völlig in Vergessenheit.

Editionsplan

Es ist daher unser Plan, eine endgültige Edition auf den Weg zu bringen. Die Edition wird die Fassung von Text B in den Mittelpunkt stellen und die Möglichkeit geben, Teile von A und C als Varianten mitzuteilen. Sie ist zunächst in Gestalt einer reinen Transkription als Internet-Version gedacht, um so bald wie möglich einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung zu stehen. Spätere gedruckte und kommentierte Fassungen können sich dann, falls Initiative dazu vorhanden ist, immer noch anschließen. Die ersten Partien sollen im Frühjahr/Sommer 2002 transkribiert sein.

Ausblick: Eine Edition des Reisetagebuchs von Zacharias Konrad von Uffenbach

Nebenher wird geplant, das neben Stolle ebenfalls wichtige gedruckte - Reisetagebuch von Zacharias Konrad von Uffenbach aus dem Jahre 1710 durch Reprint oder Internetpräsentation allgemein zugänglich zu machen.

 

Martin Mulsow
16.12.2001

 

 

 

 

Die Manuskripte:

A: Stadtbibliothek Breslau (heute Biblioteka Uniwersytecka, Wroclaw), R 766. 913 Seiten im Format 34,4 x 22 cm.

B: Staats- und Universitätsbibliothek Breslau (heute Biblioteka Uniwersytecka, Wroclaw), Cod. IV oct. 49. 1194 Seiten im Format 16,5 x 11 cm.

C: Staatsbibliothek Sankt Petersburg, Nem. IV F 158. 229 Blatt im Format 21 x 34 cm bzw. 17 x 21 cm.

 

 

Literatur:

G. E. Guhrauer: Beiträge zur Kenntnis des 17. und 18. Jahrhunderts aus den handschriftlichen Aufzeichnungen, in: Allgemeine Zeitschrift für Geschichte (hg. von W. Adolf Schmidt) 7 (1847), S. 385-436 und 481-531.

Josef Becker: Untersuchungen zum Reisetagebuch des Gottlieb Stolle von 1703, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 47 (1930), S. 261-274.

Josef Becker: Eine neue Handschrift von Gottlieb Stolles Reisetagebuch. Ein Autograph des Christian Thomasius, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 48 (1931), S. 545-550.

 

Links:

Liebeslyrik deutscher Dichter: Bietet mehrere Gedichte, die Stolle alias "Leander aus Schlesien" verfaßte, neben dem bibliographischen Eintrag aus Walther Killys Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Band 4. Bertelsmann Lexikon Verlag (1989).