lineThe Novel

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Selamintes,
Die glückliche und unglückliche Liebe (Hamburg: Christian Liebezeit, 1711).

Die| Glückliche| und| Unglückliche| Liebe/| Oder| Der Unterscheid der| Menschlichen Gemüther/| In einigen| Wahrhafften Geschichten/| so das heutige Seculum,| Zum Beweißthum der allgemeinen| Thorheit/ erleben müssen/| Abgebildet| Von| Selamintes.| [rule]| HAMBURG/| Verlegts Christian Liebezeit/ Buchhändler in der| St. Johannis Kirchen 1711.

Description

frontispiece [2 ships in stormy sea, coast in the background]/ black and red titlepage/ 27 pp. pref./ p.[1]-432/ 2 pp. blank/ 8.

Shelf-markslink

{23: Lo.7145}

Bibliographical Reference

M. Bircher (1982), B 1209. - Weber/ Mithal (1983), p.192.

History of Publication
a this editionSelamintes, Die glückliche und unglückliche Liebe (Hamburg: Christian Liebezeit, 1711).
Self-classification

Titel: "einige wahrhaffte Geschichten"; pref.: "Roman"; p. )()(8r: "Tractat".

Remarks

Vorr.: Wie Romane in ihren Stillagen die Affect-Beschaffenheiten der Autoren bei jeweiligen Mischungen von Wollust, Ergeitz und Geldgeitz spiegeln. In Anbetracht einiger Klassiker des Genres eine ausführliche Kritik von Happels Africanischem Tarnolast (1689)link und Philopators Don Roderigo und Printzessin Donna Sylvia Mancadada (1707).link Handlung: Graf Deraldo von Witteburg, bis auf's Schaffot verfolgt von der abgewiesenen Calendris, wird vom Himmel gerettet und von Sylvando in Sicherheit gebracht. Geschichtenaustausch: Sylvandos Leben mit Exkurs ins adelig studentische Milieu mit Eifersuchtsmorden und Duellen bis hin zur Absage an die Liebe. Deraldos Leben in tugendsamer Entratung der Wollust. Schluß: mit seitenlangen Kriegshändeln Karriere Deraldos an neuem Hof bis zum General, Liebe, Entführung der geliebten aber einem andern versprochenen Olorena, endlich glückliche Heirat unter dem Schutz des königlichen Dienstherrn. Ausführungen zur Bildung bei antiquierten Hofmeistern und schlechtem Umgang an Academien. Antikatholische Plädoyers für eine individuell-autonome Beziehung zu Gott.

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Excerpt
Inhalt

Vorrede.| Hochgeneigter Leser <Bl. )(2r-)()(8v>

Die glücklich| Und| Unglückliche Liebe. <p.[1]-432>

Zosires (Graf Deraldo von Witteburg) als Gefangener der Contessin Calendris zum Tode verurteilt, da er sie nicht erhörte. Rede in gelassener Ansehung des Todes. Der Blitz trifft den Henker und das Schloß. Sylvando befreit ihn im Tumult. <p.1-34>

Die Geschichte des Sylvando| und der Dulcine <p.34-140>

Der Vater tötet die zweite Frau in Eifersucht samt deren Galan, Erziehung durch Hofmeister, Liebe zu Dulcine, Mord an vermeintlichem Nebenbuhler, Academie in Salamis, diverse auch krasse Liebesgeschichten (zwingt Ehemann zuzuschauen, wie er mit dessen Frau vögelt), Ehe mit Dulcine, eigene Affaire mit Kammermädchen dann Mord an Dulcine und einem Geistlichen, mit dem er sie im Bett erwischt. Neues Leben in Romanien.

Die Begebenheiten des Gra-|fen von Witteburg. <p.141-221>

Academien, Geschichten anderer, daheim: Schwesetr Arimene liebt Graf Leonart von Sonthom, der Vater verspricht sie jedoch dem Marggraven von Durenburg.

[Rahmenhandlung] <p.222-432>

Deraldo von vernünftiger Liebe.

Vorrede.| Hochgeneigter Leser <Bl. )(2r-)()(8v>

WIe die Menschlichen Gemüther unterschieden sind, also müssen auch ihre Verrichtungen sehr wenig miteinander übereinkommen: Wann zehen einerley Sachen zu thun haben, so wird sich doch in der Weise ihrer Ausrichtung, allezeit ein mercklicher Unterscheid blicken lassen. Absonderlich kan uns die gelehrte Republic hievon sattsame Proben geben, weil es darinnen vollkommen heissen kan: Viele Köpffe, viele Sinnen! der eine schreibet grosse Folianten nach der Art der Herren Spanier, dem andern gefällt eine|<)(2r/v> Frantzösische Kürtze in seinen Sachen [...es folgt eine große Mischung aus allen möglichen Materien |<)(2v/6v>]

Die Ursache aber dieses grossen Unter-|<)(6v/[4]r>scheides darff man nicht weit suchen. Wir haben Anfangs gesaget, daß nach Beschaffenheit der Gemüther, die Actiones der Menschen auch unterschieden wären. Nun ist es secundum sensum communem aller Menschen eine ausgemachte Sache, daß, so unterschieden die Menschen und ihre innerlichen Kräfte auch seyn mögen, sie dennoch in 3 Classen füglich können getheilet werden, nemlich in Wollüstige, Ehrgeitzige und Geldgeitzige.

Es folgt eine allgemeine Charaktersierung dieser Gemüther - dann auf die Romanisten angewandt:

Siehe, geehrtester Leser, hier hastu nicht allein den Schlüssel, die Gemüther aller Scribenten zu unterscheiden, sondern auch die wahrhafte Uhrsache, warüm unsere Romanisten, wovon anitzo nur diese Rede ist, in ihren Gebuhrten einander so entgegen sind. Es wird demnach wenig Mühe kosten, auß dem was wir gesaget, eine kurtze Application zu machen. Hat ein solcher Schreiber ein von Wollust und Ehrgeitz gemischtes Hertz, so wird seine Manier zu schreiben leichte, fliessend, angenehm, weder zu hoch, noch zu niedrig erscheinen. Er wird lauter angenehme Liebes-Intrigven, schöne Einfälle, artige Verwirrungen, und kluge Vermischung des Krieges mit der Liebe abbilden. Er wird alle Connectenda wohl zu sammensetzen, und die Discernenda scharffsinnig separiren. Er wird weder zu kurtz noch zu weitläuffig schreiben, [...]: Seine Verse und Brieffe, werden voller Geist und Annehmlichkeit stecken; En fin, seine Sachen sind geschickt bey je-|<)(6r/v>derman eine Vergnügung und Verwunderung zu erwecken.

Stehet denn der Ehrgeitz mit dem Geldgeitz, in einer genauen Vereinigung, so wird die Schreibart schon nervöser und härter seyn. Es wird mehr Scharffsinnigkeit und Gelehrsamkeit als Annehmlichkeit daran gefunden werden, und seine Wercke, werden etwas weitläuftig seyn, weil es ihm nicht an Gedult mangelt, alle Inventiones rechtschaffen auszuführen. Es werden mehr Staats-Affairen, mehr Realia, politische und philosophische Discourse darinnen anzutreffen seyn, als bey der vorigen Gattung. Die Briefe, gedichte, und fast alle Worte, werden prächtig, und sinnreich klingen, unerachtet dieses mehr Hochachtung als Vergnügen, bey denen Lesern verursachen wird. Drittens wenn der Geitz sich zu der Wollust gesellet, so müssen die Bücher eines solchen Gemüthes wohl ein recht wunderliches Ansehen gewinnen. Der Stylus wird fluctuans seyn; bald werden die Worte auf Steltzen gehen, bald werden sie wieder gantz gemein und abgeschmackt lauten. Die Erfindungen wer-|<)(6v/7r>den meistentheils von andern geborget, und recht eilend aus geführet seyn. Die Verwirrungen werden theils verwirret gnug durch einander gehen, theils so einfältig seyn, daß ein Kind von 7. Jahren die Absurditäten begreiffen könte. Man wird lauter thörigte Weiber-Fratzen, alberne Pickelherings-Possen, und grobe Lügen darinne finden. Der Inhalt wird so witläuftig seyn, daß man sich heraus zu wickeln die grösseste Mühe hat. Wenn gelehrte Sachen darinn auf das Tapet gebracht werden, so werden selbige aus hundert gelehrten Tröstern heraus geschmieret seyn, und also dergleichen Sachen, denen Collectaneis locorum communium ähnlicher seyn, als einem vernünftigen Roman. Wenn auch ein solcher Autor sein Sentiment geben soll, so wird er entweder abbrechen, oder sich doch in der Decision zum höchsten prostituiren.

[...|<7r/v>] Man solte auch wohl allhier einige berühmte Männer anführen, die sich die Mühe genommen, die Anzahl der Romanen zu vermehren, und einem vernünftigen Leser demonstriren, zu welcher Gattung der so übel beschriene Amadis, die berühmte Argenis des Barclaji, die beliebte Banise des Herrn Zieglers, der Wunder-volle Hercules und Herculiscus, der in allen Stücken vollkommene Arminius des Herrn Lohen Steins, Sorels offenhertziger Fracion, die unvergleichliche Aramena und Octavia eines erläuchten Anonymi, die gesammten Wercke des Herrn Talanders, die abentheuerliche Erfindungen des Jean Rebhu, die galanten Romanen Mons. Menantes, Imperiali, und wie sie alle heissen mögen, gezehlet werden könten; Allein, weil man einigen dadurch einen schlechten Gefallen erweisen würde, und ohne dem dem geneigten Leser leichte seyn wird, jedwedes zu der rechten Classe zu rechnen, so hat man dieses mahl die Mühe und das Papier ersparen wollen. Doch will zum Uberfluß nur zwey Specima geben, von|<)(7v/)()(r> so vielen Autoribus, die ihre Bemühung, in dieser galanten Schreib-Art, der delicaten Welt, vor Augen geleget haben, und von dem geehrten Leser ein gegründetes Urtheil erwarten, zu welcher Gattung sie gezehlet werden.

<)()(2r-3r> Es folgen kritische Auseinandersetzungen mit Happels Africanischem Tarnolast als eines Romans, der von Belesenheit und langen wenig galanten Disputationen überquillt. Selamintes bringt längere Zitate, was ein Gesamtzitat recht mühselig macht.

<)()(3v-8r> Kritik zu Philopator, Des Spanischen Marchesen don Roderigo und der Printzessin Donna Sylvia Mancadada Staats- und Liebes-Geschichte.

Der Schluß des Vorwortes ist absehbar - Selamintes überläßt es natürlich uns, nun sein eigenes Werk zu beurteilen.

o.s.